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Martin Hall - "Camille" (MNW)  (1396 x gelesen) | Auch wenn das dänische Multitalent Martin Hall mittlerweile im halbjährlichen Turnus ein neues Album veröffentlicht oder als Produzent und Komponist Werke seiner Proteges wie Irma Victoria dem Markt zuführt, bleibt ein Martin Hall-Album auch heute noch ein überdurchschnittliches Ereignis. Da macht auch das neue Oeuvre "Camille" keine Ausnahme.
Im Gegenteil: Seit dem 96er Album "Random Hold" ist es mit Abstand sein interessantestes, intimstes und vielschichtigstes Werk. Und dies trotz der Tatsache, dass Halls eindringliches Organ auf dem ganzen Album kein einziges Mal zu hören ist....
Der Untertitel "Original Soundtrack" ist hierbei irreführend und richtungweisend zugleich: "Camille" ist die Musik zu dem von dem dänische Regisseur Flemming Enevold inszenierten Theaterstück "Die Kameliendame", die sich, im Gegensatz zu dem gleichnamigen Ballet zu der Musik von Frédéric Chopin, recht dicht an die Romanvorlage von Alexandre Dumas hält.
Nicht allein aus diesem Grund haben die Klänge Halls weder mit denen Chopins, noch mit Verdis Oper "La Triviata" (die Vorlage zur "Kamirlendame") zu tun, nichtsdestotrotz ist "Camille" eine adäquate akustische, emotionale Umsetzung, bzw. Erweiterung der Romanvorlage.
Noch nie hat sich Hall dermaßen konsequent in neo-klassische Gefilde vorgewagt hat, obwohl er in der Vergangenheit (wie auf seinen Alben "Performance" oder "Metropolitan Suite") schon deutlich mit klassizistischen Arrangements, Strukturen und Instrumentation liebäugelte.
Trotz der teilweise aufwendigen Produktion, an der u.a. das renommierte Vista Dome Ensemble, der Chor Konsort, sowie die Mezzo Sopranistin Andrea Pellegrini beteiligt war, geriet "Camille" zu einem stilistisch höchst divergenten Patchwork, das zugleich die vielfältigen Wurzeln und bisher nicht ganz so offensichtlichen Vorlieben (und auch Qualitäten!) Halls offenbart.
Dennoch wurde selten mit einem Patchwork eine derart homogene Atmosphäre gezaubert:
Dominierend sind die Pianothemen, teils mit, teils ohne großes Orchester. Bereits das Intro, das Titelstück, weist die Richtung: "Camille" vereint Tradition, Kompositionsweise und Arrangements von Harold Budd, Michael Nyman und Wim Mertens mit Halls Hang zu hymnischen, poppigen Melodien zu einem betörenden, filmischen Konglomerat.
Hall versteht es, in Tracks wie "Clinical Detachment" oder "Frostpowder", den introvertierten, sphärischen Stil Budds perfekt zu benutzen, ohne Vorlagen zu kopieren, sondern sie, wie bei "Replicator", mit charmanten, teilweise bewusst kitschigen Vaudeville-Elementen anzureichern und so bezaubernde Kabinettstücken zu kreieren, die in ihrem bizarren Charme deutlich an das letzte Irma Victoria-Album gemahnen.
Noch faszinierender, filmischer und auch dunkler sind die fragmentarischen Ambient-Stücke, die überdeutlich der Schule und Ästhetik Brian Enos verhaftet sind. Doch auch hier ist Hall weit von der Kopie entfernt: "Slow Code" komprimiert Eno's "Music For Airports" zur puren Essenz, ohne die in Zeit und Raum verharrenden Muster zwanghaft zu verdichten. "Lucid" orientiert sich hingegen an den frühen "Music For Films"-Arbeiten des Meisters, der selbst zur Produktion solch prägnanten Stilleben nicht mehr fähig oder willens scheint...
Inmitten dieser atmosphärischen Kaleidoskope die wahren Juwele des Albums: Die drei von Andrea Pellegrini intonierten "Arien" sind die einzigen wirklichen Songs von "Camille" - und davon hätte man gerne mehr gehört.
Die Konstellation Hall/Pellegrini ist perfekt und atemberaubend: Die ausgebildete Sopranistin weiß kongenial auf Halls Kompositionen, aber auch auf seine klangliche Ausbrüche und Eigenarten zu reagieren. Für Hall hingegen war es offensichtlich eine große Ehre und Vergnügen, für eine derart einzigartige Sängerin komponieren und produzieren zu dürfen: "48/40" ist mit einigem Abstand das Highlight des Albums; ein typische, hymnische Hall-Komposition, die durch den emphatischen, aber stets emotionalen, operesquen Gesangs Pellegrinis zu einem kleinen Meisterwerk veredelt wird.
Nicht minder faszinierend "Trivia": Um ein von einer Spieluhr abgespulten "Guten Abend gute Nacht.." strickten Hall und Pellegrini eine ebenso schöne wie latent bedrohliche erweiternde Melodie, die in einem traumatischen Ambient-Gedaddel mündet...
Einzig und allein der finale Track zerstört das Bild: "Late August" ist zwar ein gelungener, dennoch höchst konventioneller Pop-Song (gesungen von Katja Andersson, mit der Hall auch das Projekt Saccharin ins Leben rief), der trotz der stilistischen Vielfalt des Albums weder atmosphärisch noch dramaturgisch ins Bild passt. Schade.
Doch dies ist nur ein kleiner Wermutstropfen: "Camille" ist ein vereinnahmendes, auf verlässlichen Traditionen fußendes Werk, das trotz deutlicher Bezüge zu alten Meistern ohne bemühte Zitate oder kopierenden Retro-Bonus funktioniert , sondern vielmehr die wichtigste Eigenschaft besitzt, die alle guten Soundtracks auszeichnet : "Camille" funktioniert auch ohne Bilder, "Camille" projiziert neue.... - Ecki Stieg
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