IAMX - "The Alternative"

Major Records CD/mp3 2006

Datum 16.06.2006 - 13:12

Ich kann nicht sagen, dass ich ein ausgesprochener Fan der Sneaker Pimps war, doch was Sneaker Pimps-Kopf und Sänger Chris Corner solistisch als IAMX nun mittlerweile zum zweiten Mal zelebriert, sollte eingehender gewürdigt werden. Einige Kollegen haben die angebliche Substanzlosigkeit von Chris Corner alias IAMX aufgrund seines Narzissmus bemängelt, andere ziehen Quervergleiche zu Placebo oder anderen temporären Bands. Natürlich ist beides falsch Zunächst hat die androgyne Attitüde von Chris Corner mehr Stil und Substanz im kleinen Finger, als alle Visual Kei-Bands dieser Welt zusammen – zum anderen sind die Wurzeln von IAMX überdeutlich im intellektuellen Glam der 70er Jahre zu suchen, also bei Ikonen wie dem frühen Bowie oder Roxy Music. Mag sein, dass Chris Corner diese Seite bei den Sneaker Pimps nie konsequent ausleben durfte, mag sein, dass diese Elemente dominieren, weil das Album in Berlin aufgenommen wurde. Fest steht, dass „The Alternative“ einem Album wie Bowies „Alladin Sane“ zwar nicht nachempfunden wurde, die vermeintlich dekadente Haltung allerdings in exakt dieser Ära wurzelt: Glam, Hedonismus, Exaltiertheit, Narzissmus, überbordende, neurotische Überzeichnungen in der Tradition des Chansons, Vaudeville (besonders deutlich im Opener „President“) und eine von Koks und Amphetaminen geprägt Grundatmosphäre sind die Ingredienzien, die „The Alternative“ heute zu einer wirklichen Alternative geraten lassen. Vor 10 Jahren, als z.B. Andy Sexgangs Post-Glam-Meisterwerk „Love And Danger“ noch zum guten Ton gehörte, wäre die Überraschung vermutlich weniger groß gewesen. Das vage Konzept des Albums ist das Nachtleben – in all seinen Facetten, die ein juveniler aufgeputschter Narziss erleben kann: Von der Party („Nightlife“), dem desillusionierenden Klimax („The Negative Sex“) bis hin zum Katzenjammer („After Every Party I Die“) und introvertiertem Reueschmerz („This Will Make You Love Again“) reicht der diffizil gespannte Bogen. Im Gegensatz zu anderen Künstlern mit gleichen Ambitionen (wie dem oben erwähnten Andi Sexgang) vermeidet Chris Corner das Zitat weitestgehend (Ausnahme ist „The Negative Sex“, das im Tenor wirklich frappierend an Suzi Quatros „48 Crash“ gemahnt), sondern vielmehr erfolgreich versucht, den Stil dieser Epoche mit Verve und gemeißelten Stilbewusstsein und Sinnlichkeit ins hier und jetzt zu transportieren. Die wahren Höhepunkte werden dabei erst in der zweiten Hälfte offeriert: „S.H.E.“ ist eine herzzerreißende Ballade, ebenso wie das Finale „This Will Make You Love Again“, in dem sich Corner, leider viel zu selten, allein auf ein führendes Piano und seine Stimme verlässt. Der mittlerweile populärste, weil auch tanzbarste Track „After Every Party I Die“ (ein Songtitel, der auch vom frühen Morrissey hätte stammen können) hingegen bringt die Qualitäten und die Haltung dieses Albums in sehr komprimierter, zugleich exaltierter Form auf den Punkt. Alles in allem ein extrem überzeugendes, retrospektives Album, das zugleich weit von jeglichem typischen Retro-Verdacht freigesprochen werden kann. Oder wie es ein alter Freund formulierte: „Schön, dass es so was heute noch gibt!“ [img]http://www.grenzwellen.com/gw_redaktion/uploads/img40a9ef736c1f3.gif[/img] [b]Das Album zum Download in unseren [url=http://www.grenzwellen.com/shop/product_info.php?products_id=5595]Shop[/url][/b]



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