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Essay : Die Backstage-Zecke Druckoptimierte Version Schicke den Artikel an einen Freund
Geschrieben von Ecki Stieg am 25.09.2001 08:17 (4139 x gelesen)

Die Backstage-Zecke

Seit mehr als 40 Jahren gibt es in diesem Land so etwas wie Demokratie.
Was pro forma heißt, dass jeder Mensch vor dem Gesetz gleich ist, die gleichen Rechte besitzt und so etwas Schwammiges wie "Menschenwürde" einfordern kann.

Das ist natürlich eine Mogelpackung, aber der Normalbürger scheint in
der Tat daran zu glauben.
Anders ist es kaum zu erklären, dass er die täglichen Demütigungen, die z.B. ein Behördengang mit sich bringt, mehr oder weniger schweigend und duldsam erträgt.

Wie schön, dass es da noch den Rock'n' Roll und das Musikbusiness gibt.

Hier ist die Welt noch in Ordnung.


Hier gibt es Hierarchien, auf die man sich 100%ig verlassen kann,
hier wird jedem Arsch - egal ob Rittersmann oder Knapp - ganz präzise
gesagt, welche Rechte und Freiheiten er hat - oder ob er überhaupt welche besitzt.

Mit deutscher Gründlichkeit wurde ein System entwickelt, das die
Ariergesetze des dritten Reiches oder gar die Hackordnung der deutschen Wehrmacht locker in den Schatten stellt.

Ordentlich und bürokratisch, wie der Deutsche nun einmal ist, wird alles mit Schriftstücken, Dokumenten und Pässen geregelt.
Bei Konzerten und Festivals sind die bunt, eingeschweißt und baumeln
an lustigen Bändchen.
Veteranen und Wichtigtuer sammeln diesen Plastikmüll und tragen ihn wie gebündelte Wehrmachtsorden in Sackhöhe vor sich her und fächern die Kärtchen für jeden auf, der sich in Ehrfurcht vor ihnen in den Staub wirft.

Begehrt und selten ist der sogenannten "All Areas Pass".
Den kriegen meist nur die sogenannten Künstler. Mit dem dürfen sie
überall hin, egal ob Backstage, Bühne, Kantine oder Dixi-Klo.
Der wahre Künstler, der auch nur einen Rest von Coolness oder Stil
besitzt, wird diese Möglichkeiten nie und nimmer auskosten.
Ihm reicht das Wissen um den Besitz und somit um die Macht dieses
Passes. Er wird sich, wie üblich, in seiner Garderobe oder Wohnwagen
verschanzen und nur dann erscheinen, wenn seine Stunde, sprich sein
Auftritt gekommen ist.

Wirkliche Megastars - oder solche, die sich dafür ausgeben - scheißen
voll und ganz auf dieses Plastik-Kärtchen und lassen sich mit dem
Nightliner direkt vor die Bühne kutschieren.

Nicht vergessen wollen wir dennoch die zahllosen Unterkategorien:

Mit dem roten Pass darfst Du zwar Backstage, aber nicht in die Kantine.
Mit dem grünen darfst Du zwar in die Kantine, aber nicht dort kacken.
Mit dem violetten darfst Du zwar ins Pressezelt, sollte allerdings
Marilyn Manson auftauchen, entrolle den beigelegten Teppich, knie nieder und bete zwei Stunden zum großen Meister.
Mit dem braunen hast Du nicht mehr Zugangsrechte als die Nazi-Ordner und bist somit beschissener dran, als der normale 08/15-Besucher.
Und mit deinem lächerlichen Fotopass darfst Du Dich höchstens zwei
Minuten im Fotograben von wütenden Fans anpöbeln lassen, denen Du die Sicht versperrst.

Wie man sieht, alles bestens, bis ins letzte Detail geregelt!

Der Backstage-Bereich ist vor allem ein psychologisches Instrument, ein kurzfristig installiertes Therapiezentrum.

Damit sich der vom Alltagsleben gebeutelte, von seinen Mitmenschen
verspottete, müde belächelte, völlig verschuldete und paranoide
Musikant ein paar Tage in seinem Leben auch einmal wie Gott fühlen kann, hat eben jener diese kleine Scheinwelt hinter der Bühne erfunden.

Während die Horde verblödeter Fans draußen im strömenden Regen ausharrt, sich von als "Security" verkleideten, schwulen, sadistischen Skinheads die Klöten angrabbeln und sich obendrein von der Fascho-Bande das sauer ersparte Vodka/Red Bull-Gemisch aus der Jackentasche klauen lässt, sitzt der Musikant im Trockenen und prüft, ob das Catering-Unternehmen auch wirklich alle braunen Pastillen aus den 34 Kilo Smarties entfernt hat, so wie es vertraglich vereinbart war!

Ein Tag, die er im Leben des Musikanten schöner nicht sein könnte - wäre da nicht die Backstagezecke!

Sie versaut dem Musikanten das Leben und erinnert ihn permanent an die eigene Sterblichkeit.

Eines ist klar:

Für die Backstagezecke wurde der Backstagebereich nie im Leben erfunden!

Doch wie jeder Parasit ist auch die Zecke ein gewieftes, cleveres
Tierchen, das jedes nur erdenkliche Schlupfloch und Möglichkeit
auslotet, um sich festzubeißen - um dann nie wieder loszulassen.

Ihre Motive, in die geheiligten Hallen einzudringen, sind dabei höchst
divergent.

Überlebensstrategien und Verhaltensweisen kann man an den Untergattungen der Zecke festmachen:

1) Die Fanzecke

Ein besonders hartnäckiger, meist minderjähriger Parasit, der obendrein höchst strategisch, weit im Voraus planend, vorgeht.
Ihm geht es in der Hauptsache darum, seinem Idol wenige Minuten vor dem Auftritt ganz nahe zu sein und ihm mit elementaren Fragen wie
"Alexander, wie kriegst Du Deine Haare so hoch?" oder "Herr Manson,
stimmt es, dass sie für den Auftritt wirklich 500 Mark bekommen?" das
Lampenfieber zur Weißglut zu steigern und damit dem Musikanten den
kompletten Tag und Auftritt von vornherein zu versauen.
Gemein erschlichen hat sich die meist weibliche Fanzecke den Pass im
Gros der Fälle bei dem debilen Manager der Künstlers, den sie auf
unzähligen vorangegangenen Konzerten kennen gelernt, endlos vollgelabert und schon mal beiläufig an den Eiern gekrault hat.
Der Fanzecke geht es dabei in erster Linie um Nähe. Gottlob verzehrt sie wenig bis gar nichts, ist meist nur mit physischer Gewalt aus dem Pelz des Musikanten zu entfernen und irrt ansonsten orientierungslos umher.

Weitaus unangenehmer ist aber:

2) Die Journalistenzecke

Auch hier gibt es Mischformen und Untergattungen.

Aus einem besonders hartnäckigen Exemplar der eingangs erwähnten
Fanzecke wird über kurz oder lang eine Journalistenzecke.
Der Name täuscht. Mit Journalismus, der Kunst des Schreibens oder gar
mit zusammenhängenden Sätzen hat sie nicht viel am Hut - dennoch hat sie es geschafft, in einer Fan-Postille als sogenannter "Freier" zu
krickeln oder beim "Offnen Kanal" in Schmalenbruch zu "arbeiten".
Bedauerlicherweise reicht dieser fadenscheinige Vorwand, dem nach jeder erdenklichen Aufmerksamkeit gierenden Musikanten und Veranstalter, dem Blag einen Backstageausweis zuzuschustern.
Selber Schuld.
Dafür muss er nun den Anblick eines schwitzenden, mit ca. 30 Kameras und 20 Aufnahmegeräten behängten Wesens ertragen, das zwischen den Fronten hin- und her wieselt, sich 30 mal einen Interviewtermin geben lässt, aber keinen davon einhält.
Sollte es wider Erwarten dennoch einmal dazu kommen, so kann man sich 100%ig sicher sein, dass das Aufnahmegerät nicht funktioniert, der Depp die Cassette vergessen hat oder die Akkus der Digitalkamera den Geist aufgegeben haben.

Dennoch ist die Journalistenzecke in dem festen Irrglauben, dass sie das Gefüge zwischen Fan und Star zusammenhält. Ein Mittler zwischen den Welten sozusagen, ohne den eigentlich gar nichts geht.
Dabei sind 90% von ihnen nicht mehr als eine mutierte Fanzecke oder
gescheiterter Musiker.
Die gemachten Fotos und Interviews wandern ab ins heimische Archiv und dienen fortan als Wichsvorlage oder Erpressungsmaterial.
Diese Gattung der Backstagezecke hat mindestens 2 Dutzend
Visitenkarten bei sich, die sie jedem ungefragt gibt, der einigermaßen
"wichtig" aussieht - natürlich mit dem Hinweis, "unbedingt anzurufen,
wenn man was Tolles und Neues aus der ,Szene' erfährt"!

Die andere Untergattung der Journalistenzecke ist der desillusionierte
Mitt-50er Alkoholiker des Hildesheimer Stadtboten, der wegen seiner
Sauferei mal wieder zu einem "Grufti"-Festival strafversetzt wurde.
Logischerweise kennt er keine einzige Band, findet die Musik eh Scheiße
und weigert sich, auch nur einen einzigen Ton wahrzunehmen.
Backstage kippt er zunächst mindestens drei Bier und tut das, was alle
hilflosen Schreiberlinge in dieser Situation tun: Er macht eine
"Publikumsumfrage".

Nach dem 10. Pils krallt er sich schwankend die zusammen geklaubten
"Infos" und macht sich auf den Heimweg, um dann einen Bericht zu
krickeln, der authentischer geraten wäre, wäre er von vorn herein daheim geblieben!
Sollte er zufällig einen Kumpel aus "alten Tagen" treffen, lallt er den
"Bericht" durchs Handy an die Redaktionsschlampe seines Käseblattes und besäuft sich mit seinem alten Kampfgefährten bis zum Exitus.

Diese beiden Gattungen wären ja noch auszuhalten, gäbe es da nicht

3) Die Promizecke

Diese Zecke versucht erst gar nicht vorzutäuschen, dass sie irgend etwas im Backstagebereich zu suchen hat.
Sie nistet sich einfach ein.
Sie rekrutiert sich zu fast 100% aus denselben exhibitionistischen Versagern, die man auch im Klatschteil der einschlägigen Stadtmagazine findet.
Es handelt sich um Leute, die keine Funktion, keine Macht, damit
einhergehend auch meist keinen Verstand oder Humor besitzen: bankrotte Diskothekenbetreiber, gescheiterte Journalisten (also die in Verwesung übergehende Fan- und Journalistenzecke), hirnlose Models, hoffungslos verarmte "Künstler", ortsansässige DJs, verzweifelte A & R-Manager, Ex-Promo-Schlampen oder Medienarbeiter, von denen man schon seit Jahr und Tag kein Wort gehört, geschweige denn gelesen hat.
Sie sind schon seit Menschengedenken im Backstagebereich zuhause und kennen jeden.
Die Frage, warum sie überhaupt da sind und was sie hier zu suchen haben, wagt schon niemand mehr zu stellen - einfach aus dem Grund , weil sie schon immer da waren. Solang man denken kann.
Aus diesem Grund reicht der Promizecke auch ein formloser Anruf beim
Veranstalter, um lallend mindestens 2 Backstageausweise zu ergattern.

Dank dieser Position ist die Promizecke an Impertinenz kaum zu schlagen:
Meist schon vorher völlig breit und zugekokst erscheint sie in
Begleitung ihrer aufgetakelten, verlebten Begleitung rechtzeitig zum
Freisaufen, Kampftrinken und "Rundenschmeißen" (wofür sie
logischerweise keinen Pfennig bezahlt!).
Das Degradieren der hilflosen Thekenkraft und das permanente Beleidigen der anwesenden Künstler, von denen sie in der Regel noch nie etwas vernommen hat, gehören zu ihrer Lieblingsbeschäftigung.
Vom kalten Büffet frisst sie mit erstaunlicher Treffsicherheit nur die
teuersten Shrimps, egal ob sie ihr schmecken oder nicht.
Natürlich nicht, ohne sich danach zu mokieren, mit "welchem Schweinefraß man hier wieder abgespeist wurde".

Dank ihrer Existenz dezimiert sich das Gewusel im Backstagebereich auf die Subjekte mit extrem harter Nehmer- und Trinkerqualität und dank ihr sind sämtliche alkoholische Getränke bereits 3 Stunden vor Beginn des eigentlichen Events erfolgreich vernichtet.

Wahrscheinlich könnten die Ticketpreise für Konzerte und Festivals um
10% reduziert werden, wenn der Freibierkonsum der Promizecke
zumindest stundenweise eingedämmt werden könnte.

Zudem hat die Promizecke mindestens 200 Visitenkarten bei sich.
Mit denen spielt sie Frisbee oder frisst sie im Vollrausch auch schon mal gerne auf.

Fazit:

Der Backstagebereich ist eine Welt, in der trotz allem alles noch
in Ordnung ist.

Hier hat jeder seinen festen, zugewiesenen Platz, hier kann man sich
noch ein vielleicht letztes Mal fühlen wie Gott in Frankreich.

Hier kann man sich über dem kalten Buffet erbrechen und darauf hoffen, dass irgendein Idiot applaudiert.

Hier kann man das letzte Glied der Kette, sprich die Thekenkraft, nach
Lust und Laune zusammenscheißen, ohne Ressentiments befürchten zu
müssen - oder gar einen Pfennig dazu zu bezahlen!

Hier ist man noch etwas Besseres!

Mit Musik oder dem Auftritt des Musikanten an sich hat das natürlich
alles herzlich wenig zu tun.

Aber das hat die Zecke eh noch nie interessiert.....!

Ihr reicht der Neid der Besitzlosen, die draußen noch immer im Regen in der Schlange stehen, das 3. Bier für 10 Mark kaufen oder zum 5. Mal in das überquellende Dixie-Klo kacken....

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