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Interviews : Tommi Stumpff Druckoptimierte Version Schicke den Artikel an einen Freund
Geschrieben von Ecki Stieg am 06.06.2002 14:18 (10520 x gelesen)

Tommi Stumpff



Tommi Stumpff ist in der Psychiatrie, Tommi Stumpff wurde der rechte Arm amputiert, Tommi Stumpff ist tot.

Wie üblich kocht die Gerüchteküche über, wenn sich ein Künstler - aus welchen Gründen auch immer - dazu entscheidet, das Business, das ihn populär gemacht hat, zu verlassen und sein restliches Leben anderen Dingen zu widmen.

Doch es gibt keinen, der dies so radikal bewerkstelligt hat, wie Tommi Stumpff.

Als er 1993 bekannt gab, in Zukunft keine Musik mehr zu machen, seine Instrumente zu verkaufen, um fürderhin voll und ganz in der IT-Branche aufzugehen, hatte ihm dies niemand geglaubt und jeder Idiot erwartete eines der branchenüblichen Comebacks nach spätestens zwei Jahren.

Doch darauf wird man auch noch in 20 Jahren warten: Tommi Stumpff hat seine musikalische Karriere beendet und sein Pseudonym schon vor nunmehr fast 10 Jahren konsequent abgelegt, lebt unter seinem bürgerlichen Namen als erfolgreicher Geschäftsmann in Düsseldorf und arbeitet mit Leuten, denen seine Vergangenheit so schnurzpiepegal ist, wie ihm selbst.

Das passt.



Nicht zuletzt deshalb, weil Stumpff (ich nenne ihn der Verständlichkeit und Einfachheit halber auch in diesem Interview weiterhin so, obwohl er es sich, aus guten Gründen, verbittet, auch von Freunden heute mit "Tommi" angesprochen zu werden!) Speichellecker und devote Anhänger schon von Haus aus nie leiden konnte und seinen Weg konsequenter ging, als jeder andere seiner musizierenden Weggefährten.

Gerade wegen seines Zynismus, seiner Intelligenz und der permanenten Verweigerung, auf Trends zu reagieren, war Stumpff ein Vordenker und Vorreiter.

Bereits mit dem KFC, Düsseldorfs härtester und erster Punkband, lebte er in den 70er Jahren das Bild, das britische Vorbilder in Essays des NME für sich formulieren ließen - um nur kurze Zeit später als einer der ersten deutschen EBM-Musiker in die Annalen einzugehen - lange bevor es das Etikett "EBM" überhaupt gab.

Doch der Reihe nach.

Ich kenne Stumpff seit den späten 70er Jahren.

Als Sänger und Aushängeschild des KFC war er schon in der Punkszene in Düsseldorf einzigartig.

Seine Rhetorik, seine kosmopolitane gute Erziehung und die damit verbundene Fähigkeit, drei Sprachen nicht nur perfekt zu beherrschen, sondern sie auch intelligent zu gebrauchen, ließen ihn zu einer Ikone der damaligen Szene werden, zu der Weggefährten und Nachbarn wie Campino, Gabi Delgado oder Jürgen Engler nur ehrfürchtig aufblicken konnten.

Nachdem ich ihn einige Zeit aus den Augen verloren hatte, kamen wir uns 1989 bei der Promotion seines Albums "Terror 2" wieder näher - und haben den recht engen Kontakt bis zu seinem letzten 93er Album "Alle sind tot!" stetig gehalten.

Wie so viele andere habe ich auch damals nicht geglaubt, dass Stumpff seine musikalische Karriere endgültig an den Nagel hängen würde, erfreute mich aber des stetig zunehmenden Kultstatus, den Stumpff auch heute noch in der regressiven Electro- und EBM-Szene genießt: Kein DJ-Abend ohne "Massaker" oder "Lobotomie", kein Gespräch über die Historie dieses Genres, ohne dass der Name Stumpff voller Ehrfurcht und Respekt geraunt wird.

Ein Treffen war in meinem Kopf schon lange geplant, wurde aber nie realisiert.

Die wilden Gerüchte um Stumpff hätten Anlass genug sein müssen, diesen Besuch schon viel früher zu tätigen, doch bizarrer Weise führte erst die Veröffentlichung eines Buches zu dem lange überfälligen Treffen: Jürgen Teipels Aufarbeitung der Frühzeit des deutschen Punk und New Wave ("Verschwende Deine Jugend") führte zu dem Kontakt. Nicht zuletzt deshalb, weil die Kapitel über Stumpff und den KFC die spannendsten dieser Lektüre sind - und weil Stumpff in dem Buch selbst, bis auf drei Zitate, nicht zu Wort kommt...



Düsseldorf, 2. Juni 2002

Stumpff empfängt mich in seiner gerade neu bezogenen Wohnung.

Ich treffe einen Mann, dessen Charisma ungebrochen ist.

Das humorvolle, manchmal zynische Lachen um seine Mundwinkel hat sich ebenso wenig verändert wie sein stechender, durchdringender Blick, der keine Lügen oder Floskeln zulässt.

Dass ausgerechnet das Buch Jürgen Teipels der finale Anstoß für dieses Interview war, behagt Stumpff nicht gerade...

Tommi Stumpff: "Teipel hatte vergeblich versucht, mich zu interviewen. Er hat mir von vornherein gesagt, dass ihn nur die Punkzeit in Düsseldorf interessiert.
Ich habe ihm wahrheitsgemäß geantwortet, dass ich davon kaum noch etwas weiß.
Das ist 25 Jahre her. Diese ganze KFC-Zeit hat mal gerade klägliche zwei Jahre in meinem Leben eingenommen. Verglichen mit dem, was ich sonst noch so erlebt habe, macht das weniger als ein Promille aus.
Ich habe ihm geraten, lieber die anderen Musiker der Band zu befragen, zumal ich weiß, dass diese Zeit für die weit mehr bedeutet hat, als für mich.
Danach fing er an, mir auf den Sack zu gehen. Der Hammer war, dass er mir anbot, dass, wenn ich Probleme hätte, meine Vergangenheit zu bewältigen, er mir Hilfe von professioneller Seite vermitteln könne. Mit anderen Worten : Er hält mich für bekloppt.
Doch ich wollte kein Spielverderber sein und habe ihm meine E-Mail-Adresse gegeben und ihm gesagt, er könne sich melden, wenn er Fragen hat, die ich dann so gut wie möglich beantworten würde.
Was aber kam waren Tommi-Stumpff-Statements von Leuten, von denen ich zu 50% noch nie etwas gehört hatte! Die sollte ich nun kommentieren. Habe ich natürlich nicht gemacht.
Noch mehr geärgert hat es mich allerdings, dass Teipel einen solchen Wirbel um die angebliche Gewalttätigkeit des KFC gemacht hat. Ich habe ihm tausendmal erklärt, dass dem nicht so war! Das war Kinderkacke, Teenagerscheiße und Halbstarkengehabe. Aber Teipel tut so, als wenn es 'Clockwork Orange, Teil 2' gewesen wäre.
Wir waren damals jugendliche, unausstehliche Arschlöcher, die keinem Streit aus dem Wege gegangen sind. Mehr nicht!"

Für den Rest seiner damaligen "Kollegen" hat Stumpff heute nur noch ein mildes, mitleidiges Lächeln übrig...

Tommi Stumpff: "Leute wie Peter Hein von den Fehlfarben und andere Schwachköpfe können sich nicht damit abfinden, dass ihre, im warhol'schen Sinne, '15 Minutes Of Fame' ganz einfach abgelaufen sind! Die leben immer noch diese 15 Minuten, auch heute noch, wenn ich sie zufällig mal treffe. Die haben die Zeit einfach angehalten. Wie ein Schachspieler, der seinen letzten Zug noch nicht gespielt hat. Superpeinlich! Vor allen Dingen Peter Hein, der damals die Fehlfarben verlassen hat, weil er ewiger Punk sein wollte. Was für ein Idiot!"

Tommi Stumpffs 15 Minuten Berühmtheit als Sänger des KFC werfen auch heute noch große Schlagschatten...

Tommi Stumpff: "Ich habe mit dieser ganzen Punkrockscheiße eigentlich nur ganz kurze Zeit zu tun gehabt. Ich habe sehr, sehr schnell gemerkt, dass das ein großes Missverständnis war. Als ich merkte, dass das Ganze in eine linke Anti-Establishment-Geschichte abdriftete, habe ich mich schnell davon distanziert, denn so bin ich nicht."

Wann genau hast Du das gemerkt?

Tommi Stumpff: "Direkt nach der Aufnahme der ersten KFC-LP 'Letzte Hoffnung'. Zu dieser Zeit hatte ich schon gar keinen Bock mehr auf den ganzen Mist gehabt. Nur der Käptn Nuss (Bassist des KFC - Anmerk. d. Verf.), hat mich überredet, doch noch weiter zu machen. Er war sehr pragmatisch und er wollte eine Rockband haben, mit der man viel Geld verdienen kann. Und das war für mich auch der einzige Grund, zumindest eine Zeitlang, weiter zu machen."

So ist es Stumpff auch gar nicht recht, in Teipels Buch nur auf die KFC-Zeit reduziert zu werden...

Tommi Stumpff: "Es ist zwar schmeichelnd, dass sich die Leute heute wieder dafür interessieren, doch man darf nicht vergessen, dass der KFC zu seiner Zeit absolut nicht beliebt war.
Um es deutlich zu sagen: Wir waren verhasst wie die Pest! Vor allen Dingen bei den anderen Bands galten wir als der allerletzte Dreck. Wahrscheinlich auch deswegen, weil sie irgendwann mitbekommen haben, dass wir nicht so linksaußen waren und auch nicht aus der Hausbesetzerszene kamen, wie der Rest.
Wir haben nie gesagt, dass wir Ideale haben.
Unser Motto war, dass eigentlich alle erschossen gehören...!"


So wurde es für Stumpff höchste Zeit, dieses Kapitel zu beenden.

Zwei Jahre nach dem finalen KFC-Album "Knülle im Politbüro" erschien 1982 das erste Tommi Stumpff-Solowerk "Zu spät, Ihr Scheisser".

Ein in jeder Hinsicht radikales Album.

Das Werk war zwar noch von der Punk-Attitüde der 70er Jahre geprägt, zugleich aber auch eine radikale Abrechnung mit deren verlogenen Idealen.

Darüber hinaus es ging weit über die simplen von Sequenzern gesteuerten Tracks der z.B. zeitgleich agierenden DAF hinaus und nahm viel von dem treibenden EBM der später agierenden belgischen Bands Klinik oder Front 242 vorweg...

Tommi Stumpff: "Ein völliger, gnadenloser Flop. Das hat damals keine Sau interessiert. Aber sie war retrospektiv auch nicht hart genug. Darum habe ich beschlossen, die härteste Platte aller Zeiten zu machen und habe bei Conny Plank gebettelt, dass ich bei ihm aufnehmen kann. Heraus kamen 'Contergan Punk' und 'Seltsames Glück'. Und letztere war in der Tat die härteste Platte aller Zeiten."

Conny Plank war Anfang der 80er Jahre d e r Produzent für elektronische Musik und verantwortlich für die Erfolge von Can, Kraftwerk oder auch DAF...

Tommi Stumpff: "Ich habe damals mit einem der ersten vorkonfigurierbaren Sequenzern der Firma Fricke aus Berlin gearbeitet. Mit dem konnte man nicht nur einfache Sequenzen programmieren, sondern richtig komponieren. Darauf hatte ich jahrelang gewartet,
DAF in allen Ehren - aber ich hatte auf gar keinen Fall vor, nur eine Sequenz zu programmieren und die abdudeln zu lassen, sondern wollte richtige Popsongs machen.
Und dazu gehört es, unterschiedliche Teile zu machen. Und dieses Instrument gab mir die Möglichkeit dazu, obwohl es eine Heidenarbeit war. Ich musste die ganzen Noten, die ganze Partitur aufschreiben, das Stück segmentieren, das Ergebnis in die acht Kanäle programmieren, nacheinander abspielen und auf Band aufnehmen.
Für mich war es aber am allerwichtigsten, dass dieses Gerät eine ganze Band ersetzen konnte und man nicht auf einen bestimmten Stil beschränkt war.
Der Stress, in einer Band der Chef zu sein ist etwas, was ich keinem empfehlen kann. Leider ist die Prügelstrafe nicht mehr erlaubt, ebenso wenig wie das Anketten, Auspeitschen und Zusammenschlagen von Musikern.
Mich hat es immer angekotzt, über jede Note stundenlange Diskussionen zu führen.
Da war es mir schon lieber, zwar Scheiße zu machen, dafür aber selbst verantwortlich zu sein, anstatt etwas Gutes zu machen, zu dem ich nur 10% beigetragen habe.
Aufgrund dieser Haltung habe ich auch einen entscheidenden Fehler gemacht, der mich damals in der 2. Liga verharren ließ.
Ich hätte darauf verzichten sollen, selber zu singen."

Das ist nicht Dein Ernst!
Gerade Deine Texte und Deine Stimme waren ein Markenzeichen!

Tommi Stumpff: "Wenn Du wüsstest, was das für eine Arbeit war, das so hinzubekommen, wie es sich später auf CD anhörte, würdest Du mir recht geben. Da ich Programmierer gelernt habe, war ich immer sehr begabt, am Computer zu frickeln. Deswegen habe ich immer gewusst, wie es sich anhören müsste, wenn man es so hinkriegt, wie man es hinkriegen sollte.
Doch das habe ich nie ganz geschafft. Vielleicht zu 80%. Bei einigen Songs hatte ich 700 Gesangstakes, die ich dann Silbe für Silbe zusammen geschnitten habe. Ungelogen."

Glaube ich dennoch nicht, zumal Tommi Stumpff gerade live immer sehr überzeugend war...

Tommi Stumpff: "Alles Quatsch. Auf der Bühne musst Du nur das Publikum beeindrucken können. Im Studio hast Du das nicht! Glaub mir, es ist nicht dasselbe. Ich kann nicht sagen, dass ich diese Fehlentscheidung wirklich bedauere, aber ich wäre mit Sicherheit erfolgreicher geworden, hätte ich nicht gesungen. Ich hätte mich allein auf die Musik und die Technik konzentrieren sollen. Ein richtiger Interpret hätte den anderen Job besser gemacht als ich. Doch mein Ego hat das damals nicht zugelassen - darum nur 2. Liga...!"

Die dennoch immer professioneller werdende Attitüde hatte nicht zuletzt auch mit der Arbeit mit Conny Plank zu tun...

Tommi Stumpff: "Nicht nur mit Plank, sondern auch mit seiner ganzen Clique , also den Can-Musikern wie Holger Czukay, Jaki Liebezeit oder René Tinner von Can.
All diese Musiker waren unfassbar talentiert und professionell.
Du musst Dir vergegenwärtigen, dass ich damals gerade aus der Düsseldorfer Punkrockszene kam, in der nur Nichtskönner das Sagen hatten.
Zum Teil zwar ganz gute Selbstdarsteller, aber superunprofessionell und musikalisch und technisch gesehen völlige Schwachköpfe. Alle!
Als ich zu Conny Plank kam, erlebte ich das absolute Gegenteil. Das war internationale Liga und alle waren Profis. Da ich gleich gesehen habe, dass sie ein paar Stufen über mir stehen, hatte ich am Anfang tierischen Schiss, nicht akzeptiert zu werden. So habe ich mir Mühe gegeben und mein Verhalten komplett geändert. In der Punkszene habe ich immer den arroganten Sack raushängen lassen - bei diesen Leuten habe ich aber gemerkt, dass die wirklich was können und man darum erstmal das Maul zu halten hat.
So wurde ich wieder zum Tellerwäscher und Kabelträger. Ich weiß nicht, ob es jetzt überheblich klingt, aber ich denke, sie haben mein Talent erkannt. So habe ich mich nach und nach hoch gearbeitet, denn wenn man sich vernünftig benimmt, wird man irgendwann auch dafür belohnt. So kam es dann zu den Produktionen. Darüber hinaus habe ich bei Plank handwerklich das meiste gelernt.
Plank, Tinner oder Czukay waren ganz einfach Leute, die denken können und intelligent sind. Und damit bilden sie in der Welt der Musiker eine absolute Ausnahme, weil die meisten Musiker, die ich kenne, strohblöd sind. Vor allem Schlagzeuger. Und mit Plank und Czukay konnte man sich eben unterhalten - und zwar auf einem Niveau, das weit über elementare Fragen hinausging, welche Klamotten man bei einem Konzert anzieht."

Stumpff hatte damals auch vieles aufgegeben.

Hätte er weiterhin den Rock'n Roll-Berufsjugendlichen gespielt wie der seinerzeit zu ihm aufblickende Campino, wäre Stumpff jetzt vielleicht regelmäßiger Gast bei "Rock am Ring" oder im Vorprogramm von U 2....

Tommi Stumpff: "Was soll ich dazu sagen? Ich denke, die Toten Hosen haben sicherlich harte Arbeit in das gesteckt, was sie machen und sind einigermaßen diszipliniert vorgegangen. Der Erfolg, den sie haben, hat sicher nichts mit Glück, sondern mit konsequenter Arbeit zu tun. Auf der anderen Seite können sie mir auch den Buckel herunter rutschen."

Auch auf die Gefahr hin, mich völlig zu entblöden stelle ich an dieser Stelle eine der Tabufragen eines jeden Musikjournalisten (zumindest der alten Schule):
Wenn Du Dich als Interpret Scheiße fandest, warum hast Du dann überhaupt Musik gemacht? Was war die Antriebsfeder?

Tommi Stumpff: "Eine sehr gute Frage, auf die es auch eine lange Antwort gibt!
Ich war von meiner musikalischen Begabung wirklich überzeugt. Ich vergleiche es jetzt mal mit einem Maler, der ständig Bilder sieht. Ich bin malerisch total unbegabt, von daher würde mir das nicht passieren, doch ich habe immer akustische Kleinbilder im Kopf. Reflektionen dessen, was man sieht und die auch durch einen inneren Filter gehen, sich dennoch zu Tönen formen.
Wie Du weißt, bin ich in Brüssel und Paris aufgewachsen. In Brüssel habe ich angefangen, Gitarre zu lernen und mein damaliger Lehrer hat irgendwann meine Eltern überzeugt, dass es sinnvoll wäre, eine musikalische Ausbildung zu absolvieren.
So habe ich mir schon früh diesen ganzen theoretischen Kram reingezogen - und das hat mir wirklich Spaß gemacht. Als Interpret war ich ja immer Scheiße. Ich war ein schlechter Instrumentalist, aber ich war immer gut in Theorie. Also Partituren verfassen, transponieren und so weiter. Das war mein Ding, das ich später im Informatik-Studium noch verfeinern konnte. Dieses Tüfteln hat mir immer gelegen - und interessanterweise habe ich auch heute noch viele Klangbilder im Kopf...!"

Für jemanden mit dieser Vorbildung scheint die Entscheidung, in Düsseldorfs härtester Punkkapelle zu singen, nicht gerade ein logischer Schritt gewesen zu sein...

Tommi Stumpff: "Doch. Stell Dir vor, Du bist 18 Jahre alt, vollkommen mittellos und möchtest gerne Musik machen. Natürlich hast Du normalerweise von vornherein verschissen, da andere Bands ein Equipment haben, für das du 20 Jahre arbeiten müsstest. Dagegen anzutreten ist eigentlich vollkommen zwecklos, darum habe ich mir früher nie ernsthaft darüber Gedanken gemacht, professionell Musik zu machen. Natürlich hatte ich schon damals grandiose Visionen von groß angelegten Epen, habe aber nie auch nur ansatzweise versucht, die zu realisieren.
Punk war genau die Negation all dessen. Du nimmst zwei Kochlöffel und 'ne leere Büchse Ariel und machst einen Hit. Das war meine Chance.
Auf der anderen Seite fand ich Punk natürlich gut, weil ich ein Halbstarker war. "





Dennoch hatte Stumpff auch als Solokünstler das Image, im höchsten Maße aggressiv und zynisch zu sein...

Tommi Stumpff: "Das ist absolut korrekt. Doch schon zum Ende des KFC, als wir uns etwas professionalisiert hatten, habe ich diese Attitüde für mich persönlich abgelegt, in den Texten aber weiter aufrecht erhalten. Man entwickelt sich und wird ja auch klüger mit der Zeit.
So habe ich gelernt, dass schwachsinnige Provokation und die daraus resultierende körperliche Auseinandersetzung weder einen kulturellen noch einen befriedigenden Wert für die eigene Existenz haben. Doch ich habe meinen Zynismus, Sarkasmus und meine Misanthropie sorgsam gepflegt, um sie künstlerisch zu nutzen.
Political Correctness hat mich auch nie interessiert. Mir wurde von irgendwelchen Idioten ja auch vorgeworfen, ich sei rechtsextrem.
Du wirst in meinen Songs nicht eine einzige Silbe entdecken, die belegen könnte, dass ich rechter Gesinnung bin.
Ich bin vollkommen immun gegen jede Art von rechtem, faschistischen Gehabe. Ich bin ja auch zu einem Viertel Jude. Von daher ist das für mich alles absoluter Bullshit.
Ich habe es ganz einfach gemocht, zu provozieren und dabei gleichzeitig vollkommen souverän zu sein.
In dieser Beziehung haben mich zwei Künstler inspiriert, die Du auch sehr schätzt: Jacques Brel und Serge Gainsbourg. Brel war immer der Begabtere von beiden, doch Gainsbourg hatte diesen zynischen, unverschämten Aspekt. Und Gainsbourg konnte auf eine grandiose, absolut unpathetische Art leiden. 'Initials B.B.' ist in dieser Hinsicht mein Lieblingsstück. Brigitte Bardot hatte ihn gerade verlassen und er beschreibt seinen Liebeskummer. Doch in keinster Weise bettelt er um Mitleid, in keinster Weise stellt er sich als Loser da. Er ist ein ganzer Mann. Er sagt zwar, dass es weh tut, aber er wird deshalb keinen Millimeter seiner Persönlichkeit ab- oder aufgeben und der erste, der blöd lacht, kriegt eins in die Schnauze. Er schafft es dabei sogar, sich in seinem Schmerz noch über sich selbst lustig zu machen. Das hat wahre Größe!"

Gab es diese Elemente auch in deinen Songs?

Tommi Stumpff: "Ein Beispiel wäre 'Das furchtbare Geständnis' von meiner mit Abstand schlechtesten Platte 'Trivial Schock'. Musikalisch zwar völlig daneben, doch textlich sage ich mehr oder weniger, dass ich zwar Scheiße gebaut habe, aber nie im Leben zu Kreuze kriechen werde."

Interessant, dass Du "Trivial Schock" (1991) als Deine schlechteste Platte bezeichnest, zumal sie von neuen elektronischen Künstlern als Meisterwerk gefeiert wird...

Tommi Stumpff: "Sie ist die schlechteste Platte aus mehreren Gründen. Sie ist handwerklich schlecht, schlecht produziert und ist zwischen Tür und Angel mit Geräten aufgenommen worden, die mir nicht gehörten. Doch selbst, wenn sie inhaltlich gut wäre, hätte das nicht viel zerstören können. Doch sie ist auch inhaltlich Scheiße, weil ich genau bei dieser Platte in der Situation gefangen war, die mich dazu gebracht hat, mit der Musik aufzuhören: Ich war bei der EMI unter Vertrag und musste Geld zu verdienen. Das war plötzlich alles ernst, ich war gezwungen, mit der Musik meinen Lebensstandard zu halten, der ja nun nicht gerade niedrig ist. Ich hatte ganz einfach die berühmte Schere im Kopf. Ich hatte Angst, zu provokant zu sein und mich selbst vorab zensiert. Der Gipfel war dann allerdings, dass sich die EMI mokierte, das Album sei nicht provokant genug! Nachdem diese Platte draußen war, hatte ich bereits innerlich beschlossen, mit der Musik aufzuhören.
Mir war klar, dass ich von dem, was ich künstlerisch mache, finanziell nicht abhängig sein möchte. Ich kann so etwas nicht. Musik zu machen, um die Miete und das Essen zu bezahlen, war nie mein Ding. Zumal, wenn Du Ideen hast, die mit gar nichts kompatibel sind und in keine Schublade passen. Und da ich einen ziemlich hohen Lebensstandard und immer sehr gerne Geld verdient habe, habe ich beschlossen, mit der Musik aufzuhören.
Dafür ist die darauf folgende letzte Platte "'Alle sind tot' meines Erachtens mein Meisterstück. Zu diesem Zeitpunkt war mir schon alles egal und ich wusste, dass ich auf niemanden mehr Rücksicht nehmen muss. Darum habe ich sie so radikal gemacht, wie es nur eben geht.
Und das ist sie geworden - inhaltlich und handwerklich!
Erstmal gibt es darauf logischerweise keinen einzigen analogen Klang - und sie ist nie komprimiert worden!
Wenn Du diese CD auflegst, wirst Du feststellen, dass sie erheblich leiser klingt als andere. Das hat damit zu tun, dass wir das Komprimierungsverfahren nicht angewendet haben. Das ist ziemlich einmalig. Wir haben die digitale Technik ausgereizt bis zum Geht-Nicht-Mehr, alles auf Null ausgesteuert und die komplette Bandbreite der Dynamik belassen. Das bedeutet zwar, dass sie leiser ist - doch wenn Du sie richtig superlaut hörst, gibt es kaum Verzerrungen. Alles unter 50 Hertz wurde gnadenlos abgeschnitten. Die beste Platte, um nicht nur Deine Nachbarn, sondern ganze Siedlungen zu terrorisieren. Vorausgesetzt, Du hast den richtigen Verstärker..."

Überraschende Antwort, gilt doch das 89er Album "Ultra" mit Hits wie "Massaker", "Lobotomie" und "Requiem" als d a s klassische Tommi Stumpff-Album, zudem als die beste Platte, die Front 242 selbst n i c h t produziert haben.
Die Parallelen zu dem fast zeitgleich veröffentlichten Front 242-Klassiker "Front By Front" sind unüberhörbar...

Tommi Stumpff: "Das habe ich schon des öfteren gehört...
Bei der 'Ultra' habe ich erstmals darauf Wert gelegt, wirkliche Popsongs zu kreieren...
Ich war immer ein großer Fan von Front 242. Die Analogien haben nicht zuletzt damit zu tun, dass Front 242 aus Brüssel kommen - also aus der Stadt, in der ich die prägendsten Jahre meiner Jugend verbracht habe. So behandeln wir beide bestimmte Brüsseler Themen, die für einen Nicht-Brüsseler natürlich nicht greifbar sind...!"

Dennoch sind auch die klanglichen Parallelen verblüffend...

Tommi Stumpff: "Obwohl Front 242 Heroen für mich waren, muss ich sagen, dass vieles von dem, was sie machten, direkte Resultate der klanglichen Möglichkeiten ihrer Geräte waren. Das habe ich mit 'Ultra' bewusst versucht zu vermeiden. Ich wollte gerade mit dem Popsongformat zeigen, dass man nicht Sklave des Instrumentariums ist, sondern es beherrscht. Ich denke im Umkehrschluss auch nicht, dass Front 242 Sklaven ihrer Geräte waren - dafür waren sie viel zu intelligent und souverän. Doch sie haben offensichtlich nicht diese Angst gehabt, dass man das hätte glauben können und deshalb die Geräte so spielen lassen, wie sie es letztendlich zugelassen haben. "





Auf "Ultra" befand sich auch die Originalversion von "Massaker", die kurze Zeit später in einer 13minütigen Version heraus kam.
Zur Zeit der Veröffentlichung ein Flop, gilt dieses Stück heute als eines d e r deutschen EBM-Klassiker..

Tommi Stumpff: "Ich weiß, dass '13 Minuten Massaker' unter Garantie in die deutschen Charts gekommen wäre, hätte die Firma Rough Trade dies seinerzeit nicht verhindert. Es ging da um persönliche Eitelkeiten in diesem Haus - Fakt ist, dass die Single einfach nicht nachgepresst wurde. Doch auch trotz dieses Sabotageversuchs hat sie sich sehr gut verkauft."

Wie kam es eigentlich zu dieser überlangen Version des ursprünglich zweiminütigen Songs?

Tommi Stumpff: "Das war eigentlich die Idee und der Wunsch eines Fans, der das Stück unheimlich toll fand und sich wünschte, dass es davon mal eine richtig lange Version gibt.
Ich habe mich ja schon in der zweiminütigen Version lediglich auf die Worte 'Blut, Gehirn, Massaker' beschränkt und hielt das zunächst in dieser Form als ausreichend. Doch das Stück hat sich, auch durch die Liveauftritte, immer mehr entwickelt, ist immer länger geworden. Und als es anstand, die 13minütige Version zumachen, wollte ich den Text auf gar keinen Fall erweitern. Also was tun? Eigentlich waren die zwei Minuten ja schon zu lang. Diese Zweinotenidee war ja eigentlich schon in der kurzen Originalversion ausgereizt.
So habe ich mein ganzes Können als Arrangeur bemüht. Ich habe mich an mein Musikstudium und Sachen wie Ravels "Bolero' erinnert, wo ja auch aus einer Mini-Idee eine Stunde Musik gemacht wurde. Also etwas Minimales so in die Länge zu ziehen, dass es nicht langweilig wird. Und das ist mir voll gelungen."

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die andere grandiose Single, die heute ebenfalls Kultstatus besitzt, ist die Arschkrampen-Tekkno-Single "Brettermeier, die Pottsau", die Stumpff 1992 mit Dietmar Wischmeyer aufnahm...

Tommi Stumpff: "Als ich die 'Arschkrampen' das erste Mal gehört habe, war das für mich einer der positivsten Kulturschocks überhaupt. Ohne jede Art von Schleimerei muss ich sagen, dass ich auch danach nie wieder etwas Vergleichbares gehört habe. Das war grandios bösartig und allumfassend.
Wischmeyer hat genau das gemacht, was auch ich immer anstrebte: Völlig primitive, billige und idiotische Ansprüche zu befriedigen, zugleich über jede Abstraktionsstufe hinaus ein ganzes Universum aufzubauen. Und auf jeder dieser Stufen war immer genug Substanz, die jedes Level voll und ganz getragen hat. Fantastisch! Das Größte, was ich je gehört habe.
Als dann die Platte anstand, habe ich mir wirklich allergrößte Mühe gegeben. Ich hatte auf gar keinen Fall vor, billige 08/15-Sounds zu benutzen, denn ich wollte, dass die Musik genau das transportiert, was auch die Texte vermitteln.
Mir hat es unheimlich viel Spaß gemacht, zumal es musikalisch das fieseste war, was ich bislang gemacht habe. Allein wegen des Gekotzes am Anfang, zudem ist 'Brettermeier, die Pottsau' eine der obergenialsten Songbetitelungen der Musikgeschichte.."





Hat Tommi Stumpff die Elektro-Szene nach seinem Ausstieg aus dem Musikbusiness weiterverfolgt?

Tommi Stumpff: "Nein. dafür war ich zu faul und zu desinteressiert, so dass ich überhaupt keine Ahnung habe, was da abgeht. Zudem habe ich dafür wirklich keine Zeit. Meine neue Firma nimmt mich voll in Anspruch, ich arbeite wie bescheuert - und für dieses Interview habe ich mir das erste Mal seit 6 Wochen einen freien Tag genommen."

So ist Dir auch Dein noch immer existierendes, großes Renommee in der derzeitigen Szene nicht bewusst?

Tommi Stumpff: "Nein, woher denn? Doch es ehrt mich. Ich finde es sehr nett, wenn es so sein sollte. Es ist für mich eine nachträgliche Anerkennung und auch eine Genugtuung. Ich habe so oft gedacht, dass Songs wie 'Massaker' doch eigentlich hätten einschlagen oder Aufmerksamkeit erregen müssen. Nicht, weil sie provozieren, sondern weil ich sie mit sehr viel Anstrengung und Akribie gemacht habe."

Das Interview in einer Düsseldorfer Strassenbar neigt sich dem Ende entgegen

Bevor wir uns erheben, um kollektiv in der Altstadt abzustürzen und den Abend in einer der besten thailändischen Karaokebars der Welt zu beenden, habe ich meinen Seelenfrieden wieder gefunden.

Tommi Stumpff lebt...

Tommi Stumpff: "Ich vermisse nichts. Ich bin sehr zufrieden mit meinem jetzigen Dasein. Ich habe eine Firma und bin erfolgreicher Geschäftsmann..
Ich habe auch aus dem Grund aufgehört, weil ich mir und anderen die Peinlichkeit ersparen wollte, als alter Mann auf der Bühne zu stehen und etwas zu präsentieren, was ihrem und nicht meinem Alter entspricht.
Ich bin 43 Jahre alt, wiege 90 Kilo, und das völlig zu Recht und aus voller Überzeugung. Ich denke nicht im Traum daran, eine Diät oder gar Sport zu machen und bin froh, dass ich nicht mehr auf der Bühne stehen muss.
Ich jage keinem vergangenen Phantom nach, sondern bin glücklich und zufrieden so wie ich bin. Mein Ziel war es schon vor 10 Jahren, in Würde alt zu werden.
Zudem wird man ruhiger im Alter, das ist ein ganz normaler biologischer Vorgang.
Ich bin es müde geworden, wütend zu sein. Statt dessen verdiene ich lieber viel Geld und trinke guten Bordeaux. Sollen doch die 20jährigen heute den Krawall machen.
Ich wünsche ihnen dafür alles Gute"

Nicht doch ein bisschen Neid auf ehemalige Speichellecker wie Campino...?

Tommi Stumpff: "Ein definitives Nein. Ich würde für Geld zwar sehr viel machen, doch auf gar keinen Fall das, was er macht. Das ist die Wahrheit."


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