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Interviews : Tangerine Dream Druckoptimierte Version Schicke den Artikel an einen Freund
Geschrieben von Ecki Stieg am 17.12.1997 14:36 (3432 x gelesen)

Tangerine Dream



Ich kann kaum behaupten, daß ich Zeit meines Lebens ein TANGERINE DREAM-Fan war. Ganz im Gegenteil ? als ich ein Teenager war und TANGERINE DREAM als wirklich "neu" und innovativ galten, galt diese Band unter wahren Musikfreunden und Hobbykritikern als extrem "unhip". Zumindest diejenigen, die gewählt hatten mit Velvet Underground, David Bowie, Roxy Music oder Brian Eno ihre Adoleszenz zu durchleben, schauten auf den gemeinen TANGERINE DREAM-Fan ebenso verächtlich herab, wie auf den headbangenden, Jeanskutten tragenden Status Quo- Fan. Der Status Quo-Fan stand uns mit seiner extrovertierten Säufernatur gar noch näher als der sich gewöhnlich in Marihuana-Schwaden einlullende TANGERINE DREAM ? oder Klaus Schulze-Fan, der in unseren Augen die bereits damals verlorenen Ideale der 60er Hippie-Generation resignierend weiter lebte.

Der gemeine TANGERINE DREAM-Fan verehrte darüber hinaus meist auch Bands wie Yes, Pink Floyd, Novalis, Nektar oder Jane , für den damals nach subtileren Alternativen suchenden Musikfreund allesamt verachtenswerte, indiskutable Formationen.

TANGERINE DREAM waren insofern schon damals eine recht "erwachsene Band", denn für den nach Protest der Eckwerten suchenden jungen, zornigen Mann boten sie außer dem damals empfundenen wabernden Schönklang rein gar nichts ? im Gegensatz zu dem perfekt gestylten Image einer Band wie Kraftwerk z.B. gaben TANGERINE DREAM auch optisch oder modisch nicht den geringsten Anreiz: Offensichtlich hatte man es hier mit drei bereits in den 70er Jahren alternden Hippies zu tun, die sich schon früh in ihren eigenen, weltfremden Kokon eingesponnen hatten.



Doch es gibt Initialzündungen, derer man sich kaum erwehren kann; Platten oder Musikstücke, die, wenn sie Dein Leben nicht von Grund auf verändern, so zumindest in sehr prägende Richtungen lenken und dich zwingen, weiter nach Musik oder Werten dieses Genres zu forschen. Es ist Musik, die man zuvor noch nicht gehört hatte, von der man kaum wagte anzunehmen, daß sie überhaupt existiert und die man meist sehr unvorbereitet bei "guten Freunden" oder im Radio erlebte.

Diese "Initialzündungen" kann ich auch heute noch genau festmachen: "Hot Love" von T.Rex, "Do The Strand" von Roxy Music, "Autobahn" von Kraftwerk, "Neat Neat Neat" von The Damned - und nicht zuletzt "Ricochet, Part 2" von TANGERINE DREAM. "Ricochet" hörte ich 1975 zum ersten Mal in "Rock In", jener legendären Sendung von Winfried Trenkler auf WDR 2. Von dem insgesamt fast 20minütigen Stück spielte er allerdings nur die ersten 10 Minuten, die ich damals mit einem Mono-Cassettenrecorder der ersten Generation (Marke "Nordmende) mitschnitt (und zwar auf die primitivste Art und Weise, indem ich das Mikrophon des Recorders direkt vor den Lautsprecher des Radios stellte und somit auch ungewollt das Geschrei meiner zwei Wellensittiche aufnahm...!) Lange Zeit kannte ich nur diesen mit Stittichgekreische unterlegten zehnminütigen "Edit", doch dieser Mitschnitt reichte aus, der Faszination dieser einmaligen, improvisierten Sequenzerorgie für den Rest meines Lebens erlegen zu sein. Andere TANGERIN DREAM-Werke nahm ich zu jener Zeit ? nicht zuletzt aus rückblickend falsch verstandenem Schamgefühl- weniger wahr. Einige Yes ? und Pink Floyd favorisierende Freunde besaßen zwar TANGERINE DREAM Alben wie "Encore" oder "Phaedra", doch aufgrund meiner- damals auch ideologisch begründeten- Aversion gegen Marihuana (in welcher verabreichten Form auch immer!) kam ich nur selten in den Genuß, diese Werke in voller Länge inhalieren zu dürfen....!

Spätestens mit dem Aufkeimen des Punk (1976) und der damit verbundenen Negation sämtlicher bestehender musikalischer Werte galten TANGERINE DREAM ? zusammen mit Bands wie Pink Floyd, Yes oder Genesis als "boring old farts" (langweilige, alte Fürze), als pompös aufgeblasenen Supergroups ohne Substanz und wahren Rebellionsgeist. Und gerade TANGERINE DREAM waren eines der vornehmsten Feindbilder, denn sie hatten ? im Gegensatz zu den verbal oftmals durchaus den Zeitgeist treffenden Bands wie Pink Floyd - noch nicht einmal Texte, an denen die Haltung der Band festgemacht werden konnte. TANGERINE DREAM galten seinerzeit als eine wabernde, nicht zu greifende, übergroße Amöbe.

Obwohl ich TANGERINE DREAM und ihre unterschiedlichen Stationen stets wahrgenommen habe (irgend jemand aus meinem Freundes ? oder Bekanntenkreis war immer ein TANGERINE DREAM-Fan) kann ich nicht behaupten, die Entwicklung der Band in den 70er oder 80er Jahren verfolgt zu haben. Selbst als nach der Punk-Euphorie mein Interesse an elektronische Musik wieder immens zunahm, galt TANGERINE DREAM als eine hoffnungslos anachronistische Band, die ihren fetten Arsch in Hollywood breit sitzt, um für viele US-Dollar belanglose Filmmusiken zu produzieren. Erst Ende der 80er Jahre ? und nicht zuletzt durch das Aufkeimen der Ambient-Trance-Welle ? wurden TANGERINE DREAM zu Urvätern und Ikonen eines zeitgemäßen Trends ausgerufen. Im Gegensatz zu ihrem ehemaligen Kollegen Klaus Schulze, der diese neu gewonnene Credibility auch kommerziell zu nutzen wußte, blieben TANGERINE DREAM von derartigen Liebesbezeugungen weitgehend unbeeindruckt, bzw. sahen nicht auch den geringsten Anlaß, ihren Stil zu novellieren oder in trendgerechtere Bahnen zu lenken. Ein Konsequenz, die diese Formation nachträglich zwar ehrt, doch gerade die Klänge, die die Band Ende der 80er produzierte, waren schaumstoffweicher, amerikanisierter Muzak, der keinerlei Bezug, noch nicht einmal zu der eigenen Geschichte, zu haben schien.

So lehnte ich ? rückblickend ziemlich ignorant - aus Desinteresse zahlreiche Interviewangebote von seiten der Band in den 80er Jahren ab, so daß eine Begegnung mit TANGERINE DREAM Kopf Edgar Froese erst relativ spät, nämlich im April 1994 zustande kam.

Die Interviews mit deutsche Elektropionieren ? egal ob Froese, Klaus Schulze, Wolfgang Flür oder Karl Bartos ? waren für mich immer eine Überraschung. Eine Überraschung insofern, als daß man entweder introvertierte, wortkarge Grübler (wie im Falle von Schulze und Froese) oder stilisierte Diven erwartete. Doch ebenso wie Schulze oder Bartos entspricht Froese diesem Bild in keinster Weise: Auch hier hatte ich es mit einem schnodderigen, fast hemdsärmeligen älteren Mann zu tun, der auch nicht ansatzweise bemüht war, ein bestimmtes Bild oder gar einen Mythos zu zelebrieren oder aufrecht zu erhalten, sondern sehr freimütig, fast entwaffnend erzählte.

Diese ungezwungene Haltung hat nicht zuletzt damit zu tun, daß Musiker wie TANGERINE DREAM oder auch Schulze ? trotz der Tatsache, daß sie im Popgeschäft tätig sind ? nie Popstars im üblichen Sinne waren. Sie blieben als Personen weitgehend im Hintergrund, auf ihren Plattencovern waren ihre Counterfeits nur selten zu sehen, sie waren keine Sänger oder vordergründig posierende Virtuosen, sondern hatten den Vorteil, sich Zeit ihres Lebens hinter ihren Maschinen zu verstecken. Ihr Image ? sollten sie je eines besessen haben ? definierte sich allein über die Musik, das Artwork ? und nicht zuletzt über ihre zahlreichen Konzerte....

Gegründet wurden TANGERINE DREAM bereits 1967 als pure Rockformation, die mit elektronischer Musik nicht sehr viel am Hut hatte. Dennoch unterschied sich die Band schon damals von anderen Formationen jener Zeit: Bemüht, eine eigene Identität zu entwickeln, wollte sie dem anglo-amerikanischen Format, dem vorherrschenden Rockdiktat entfliehen. So begannen TANGERINE DREAM bereits ein paar Jahre später, elektronische Instrumente in ihre Musik einzuführen. Doch ähnlich zeitgleich startenden Bands wie Kraftwerk oder Neu! benutzten TANGERINE DREAM dieses damals noch sehr neue, unbekannte Instrumentarium nicht als eigenständiges Fetisch, sondern als experimentelles Additiv. Auf ihren sehr frühen Alben "Electronic Meditation" oder "Zeit" wurde das konventionelle Rockinstrumentarium (Schlagzeug, Bass, Gitarre, Orgel) vielmehr verfremdet , oftmals durch einfache Manipulationen des bereits aufgenommenen Bandmaterials.

Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, daß die elektronische Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckte: Es gab noch keine funktionierenden Sequencer, die Entwicklung der analogen Synthesizer begann erst.

Und dies ist auch der Hauptunterschied zu allen nachfolgenden Elektro ? und Techno-Generationen. Die heutigen Generationen finden eine geradezu unüberschaubare Zahl elektronischer Ausdrucksmöglichkeiten vor, zudem hat sich über die Jahre so etwas wie eine "elektronische Tradition" und eine Ästhetik entwickelt, auf die man in den frühen Jahren nur schwer zurückgreifen konnte, im Gegenteil: Die scheinbar unendlichen Möglichkeiten, die diese Gerätschaften boten, verunsicherten nicht nur die Musiker, sondern auch ein Publikum, das gewohnt war, zu sehen, wie durch das Anschlagen einer Saite oder eines Trommelfelles nachvollziehbare Klänge entstehen. Die Farsifa-Orgel wurde als untermalendes Instrument noch akzeptiert, doch beim Synthesizer hörte die Toleranz bei vielen auf.

Wie im Mittelalter war für viele Musikfreunde der Synthesizer "Teufelswerk", ganz einfach, weil sie ihn nicht verstanden und nicht gewillt oder in der Lage waren, seine Mechanismen nachzuvollziehen. Gerade die deutschen Rockfans besaßen in den 60er und 70er Jahren so etwas wie ein "Arbeiterethos". Wenn auf der Bühne geschwitzt und an die Instrumenten geschuftet wurde, so war das solide Arbeit, die nach wie vor goldenen Boden besaß. Synthesizermusiker hingegen waren "Knöpchendreher ohne eigene Ideen", der mystifizierte Apparat ein " Perpetuum mobile", das auch ohne Zutun seines Besitzers die absonderlichsten Klänge produzieren konnte.

Doch von dem Gerätefetischismus der heutigen Elektrogeneration waren TANGERINE DREAM in den frühen Jahren weit entfernt. Es gab noch nicht einmal ein philosophisches Vehikel, das den Gebrauch dieser Maschinen rechtfertigte....



Edgar Froese:

Sicherlich haben wir nicht das Rad erfunden. Der Unterschied ist der, daß die heutigen jungen Bands auf ein ganzes Vehikel zurückgreifen können, wenn sie ihre Visionen elektronisch ausdrücken möchten ? und nicht nur auf dieses eine Rad!
Von dem heutigen Komfort konnten wir damals nur träumen. Elektronische Instrumente, so wie wir sie heute kennen und benutzen, existierten ganz einfach nicht. Es gab nur das große Modularsystem von Bob Moog, dann kam der sogenannte VCS 3, ein kleiner Synthesizer, der aber nur Pfeifen, Geblubber und Ringmodulationen hervorbrachte anstatt damit Musik im konventionellen Musik damit machen zu können. Das, in was wir uns damals hinein stürzten war ein Abenteuer, ein Dschungel abseits von der Hauptstraße. Doch für uns war es natürlich auch sehr inspirierend.

Wir hatten folgende einfache, aber tiefgreifende Frage im Kopf: "Was ist Musik?"

Musik ist nicht mehr als eine Anordnung von Klängen. Das heißt, daß Du einerseits Klänge hast, die absolut ungeordnet sind, dann gibt es einen quasi geordneten Sound und die hast Klänge die total und komplett strukturiert sind, eine organisierte Klangeinheit, die in ihrer klassischen Form z.B. in klassischer Musik gefunden werden kann. Auf der anderen Seite hast Du das Quietschen eines bremsenden Autos. Die Frequenzen dieses "Lärms" können natürlich auch in einer Ordnung zugeteilt werden, doch allein wegen unsere Erfahrungen und des Lernprozesses, den unsere Ohren durchgemacht haben, empfinden wir einige Klänge als angenehm und andere als störend.

Und das war im Grunde genommen auch der Ansatz unseres Konzepts: Wo können wir Objekte, klangliche Geräte finden, die dieses Konzept unterstützen? Geräte, Instrumente, die dich vom totalen Chaos, Umweltgeräuschen in ein halbwegs "organisiertes Chaos" bringen? Damals gab es hauptsächlich Geräte aus der Meßtechnik, Oszillatoren und Generatoren ? und wenn man die geschickt miteinander koppelte, konnte man Delays und Verfremdungen erzeugen. Mit Hilfe dieser Geräte haben wir versucht von dem traditionellen Band-Line Up (Gitarre, Bass und Drums) wegzukommen, denn eigentlich waren wir ursprünglich ja eine Rockband. Vielleicht nicht die allerbeste, doch wir habe schon versucht ein wenig anglo-amerikanisch zu klingen!

Zweifellos war TANGERINE DREAM in den frühen Jahren eine extrem suchende, experimentierfreudige Band. Trotzdem bleibt trotz der von Froese erläuterten kompromißlosen Philosophie die Frage, warum eine deutsche Rockband der 60er Jahre plötzlich anfing, mit elektronischen Geräten zu experimentieren....?



Edgar Froese:

Um ehrlich zu sein: Wir hatten gar keine Wahl! Als deutsches Gegenstück zum anglo-amerikanischen Rock oder dem Blues waren wir einfach nicht gut genug. Wir hatten diesen typisch deutschen Groove, der einfach fürchterlich war. Und unsere Fähigkeiten an den Instrumenten mit denen der englischen oder amerikanischen Vorbilder zu messen, machte ebensowenig Sinn, da diese einfach viel besser waren, denn sie hatten ihr musikalisches Erbe im Rücken, sie waren authentisch, weil die Musik ihrer Mentalität entsprach. Für uns funktionierte diese Musik ganz einfach nicht ? und mit unseren Fähigkeiten wären wir nicht einmal in der Lage gewesen, die Miete zu zahlen.
So gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder du wechselst den Job, oder ? wenn du Musik so sehr liebst und vorhast, damit auch Geld zu verdienen ? überlegst dir, welchen neuen Weg du beschreiten kannst. So verließen wir die Hauptstraße, die von jedem begangen wird und schlugen uns geradewegs in die Büsche. Doch selbst dort fand man nicht allzuviele Möglichkeiten.

Doch unsere Entscheidung war ? und das war in der Tat das einzige Konzept in unseren Köpfen ? etwas zu machen, das mit nichts verglichen werden kann. Etwas, was nur mit sich selbst verglichen werden kann. Das war vielleicht unser einziger Trick, der einzige Trumpf, den wir damals besaßen. Und es war ein Trick, den wir bewußt einsetzten. Wir sagten uns: Als Gitarrist wirst Du mit Leuten wie Eric Clapton oder Jimi Hendrix gemessen werden, es gibt also keinen Grund, dich auf diesen Wettbewerb überhaupt einzulassen. Doch wenn Du 5 Sinusgeneratoren gegeneinander laufen läßt, mit wem soll man dich dann vergleichen? Nicht einmal mit Stockhausen, Lygeti , der "musique concrete" oder wer damals sonst noch experimentierte. Du konntest nur mit jemandem verglichen werden, der 5 Sinusgeneratoren gegeneinander laufen läßt!

Das eröffnete uns neue, ungeahnte Möglichkeiten. Aus diesem Trick entwickelte sich später eine Passion und uns wurde das Potential dieses Tricks bewußt. Doch es gab zunächst keine Musikindustrie für diese Klänge, es gab kaum jemand, der diese Geräte baute ? und es gab niemanden, den all dies überhaupt interessierte! Doch was sich daraus entwickelte war letzten Endes unkontrollierbar....!

Den sehr experimentellen Alben "Electronic Meditation", "Alpha Centauri" oder "Zeit", auf denen die Band größtenteils noch konventionelles, aber stark verfremdetes Instrumentarium benutzte folgten die erste rein elektronisch produzierten Werke der frühen 70er ?Alben wie "Phaedra" oder "Rubicon".

Diese Alben wurden in dem "klassischen" TANGERINE DREAM-Line-Up ,bestehend aus Christoph Franke, Peter Baumann und Edgar Froese aufgenommen. Diese Besetzung hielt ganze 6 Jahre und führte die Band zu internationalen Erfolgen.

In jenen Tagen produzierten TANGERINE DREAM einen sehr "kosmischen", repetitiven Sound, den keine andere Band zu jener Zeit kreierte. Der einzige Konkurrent war der ebenfalls aus Deutschland stammende Klaus Schulze, in den späten 60er Jahren selbst Mitglied bei TANGERINE DREAM.

TANGERINE DREAM waren zudem eine der ersten Bands, die einen Plattenvertrag bei dem damals noch kleinen, aufstrebenden britischen Label Virgin unterzeichneten.

Um TANGERINE DREAM als einzigartige Ikone dieses "Cosmic-Rocks" aufzubauen, nahm Virgin-Chef Richard Branson auch Klaus Schulze unter Vertrag ? allerdings nur, um ihm die Kontrolle über ihn zu gewinnen und ihm geplante Veröffentlichungen zu untersagen. Schulzes parallele Verträge und sein immenser Erfolg in anderen Ländern, wie z.B. Frankreich vereitelten dieses Vorhaben jedoch....!

Es blieb dennoch sehr schwer, diese neue Musik verbal zu definieren oder gar zu etikettieren. Selbst heute sind TANGERINE DREAM-Alben in den "New Age"-Abteilung diverser Schallplattengeschäfte zu finden...

In den 70er Jahren wußte noch nicht einmal die Band selbst, was sie eigentlich gemacht und angezettelt hatte.....

Edgar Froese:

Wir sind die Dinge sehr naiv angegangen ? und schaut man zurück ist es eigentlich unglaublich, daß sich die Dinge trotzdem so entwickelt haben.... Im Grunde genommen hatten wir überhaupt keine Ahnung, wir waren lediglich von den schier unbegrenzten Möglichkeiten fasziniert. Das war eigentlich alles. Und es waren sehr viel Zufälle mit im Spiel. Der einzige Punkt, von dem wir ausgingen war folgender: Wenn jemand sagte "Also das könnt ihr jetzt wirklich nicht machen, das geht zu weit", dann war dies der Punkt, von dem aus wir begannen, die Dinge zu entwickeln. Und diese Methode haben wir über Jahre bewußt angewandt, doch haben wir dafür auch mehr Schläge als Lob einstecken müssen.
Heutzutage weiß das niemand mehr, aber in den ersten 5 Jahren wurden wir öfter von der Bühne geworfen, als wir die Möglichkeit hatten, eine solche zu betreten. Ich werde nie unseren Auftritt in der Stadthalle in Hof vergessen. Das war der kürzeste Auftritt unserer Karriere - exakt siebeneinhalb Minuten, ich habs gemessen! Nach siebeneinhalb Minuten war die Bühne über und über mit Obst bedeckt!

Nichtsdestotrotz waren TANGERINE DREAM auch kommerziell sehr erfolgreich ? bezeichnenderweise vornehmlich im europäischen Ausland, besonders in England und Frankreich. Alben wie "Rubycon" oder "Phaedra" rangierten in den Top 10 der britischen Charts. Das Experiment verfestigte sich sehr rasch zum erfolgreichen, von der Kritik gepriesenen Stil. Dennoch: Bis zu einem gewissen Grad wußten TANGERINE DREAM immer noch nicht, was sie eigentlich taten. Auch der Gebrauch des strukturierenden Sequenzers brachte nur wenig Licht ins Chaos. Allein das Stimmen der Synthesizer dauerte Stunden, es gab keine Presets oder Datenbanken. So wurden die Aufnahmen der frühen Alben zur Tortur ? und was dort letztendlich zu hören ist, sind nur selten in dieser Form angestrebte Zufallsprodukte.

Als die Band im November 1970 ihr erstes Virgin-Album "Phaedra" einspielte, hatte sie ? trotz tage ?und nächtelanger Sessions ? am 11. Tag erst 6,5 Minuten Musik aufs Band gebracht. Dagegen wurde der klassische Track "Mystery Semblance At The Strand Of Nightmares" in nur einem einzigen Take aufgenommen: Edgar Froese improvisierte am Mellotron und Frau Monique bediente die Knöpfe des Phasing-Gerätes.

Die innovative, radikale Attitüde der Band wird auch retrospektiv nicht dadurch geschmälert, wenn man feststellt, daß den Mannen um Edgar Froese der Sound, das Experiment weitaus wichtiger war als eine strukturierte Komposition.

Aufgrund der Tücken des launischen, analogen Equipments war es für TANGERINE DREAM praktisch unmöglich, ihre ohnehin improvisierten Studiowerke auf der Bühne zu reproduzieren. Oftmals wurden zwar einzelne Elemente, Melodien und kompositorische Versatzstücke verwertet, doch überwiegend wurde frei improvisiert.

Nicht nur aus diesem Grunde waren die Live-Alben der 70er Jahre die wirklich spannenden und innovativen Werke, denn hier wurde ohne Netz und doppelten Boden gearbeitet ? und ganz nebenbei wurde mit Ecken wie dem 1975 live eingespielten Meisterwerk "Ricochet" auch nachdrücklich bewiesen, daß Synthesizermusiker eben keine programmierenden "Knöpfchendrücker" sind....

Ganz im Gegenteil: Gerade im Zeitalter des sterilen, gesampelten Elektrosounds ist es schwer nachvollziehbar, welche künstlerischen Risiken damals eingegangen wurden....

Edgar Froese:

Selbst für mich klingt es heute unglaublich, wenn sich zurückblicke. Das Stück "Ricochet" wurde auf der 75er Tournee in der Festival Hall in Croydon, England aufgenommen. Croydon ist ein Vorort von London, wir haben das später genau analysiert, nur um herauszufinden ob es wirklich dort passiert ist, oder ob wir jetzt wirklich verrückt geworden sind. In jenen Tagen hatten wir Sequencer, mit denen man nicht so genau transponieren konnte wie mit der heutigen Computertechnologie. Man konnte lediglich eine vorgefertigtes Bass-Schema programmieren, das nachträglich kaum variiert werden konnte. Es gab nur drei Möglichkeiten, drei Grundtonarten, so wählten wir C, A oder E. Wenn man unsere alten Stücke heute hört, wird man feststellen, daß sich unsere Stücke immer in einer dieser drei Tonarten bewegen. Der Grund dafür war, daß, wenn die Geräte einmal angeschaltet waren, man die Tonart nicht mehr ändern konnte. Nun, wir hätten es versuchen können, doch da alles synchronisiert war, gab es das Risiko, daß eines der Systeme nicht mehr synchron läuft und alles zusammenbrechen würde.
Als wir in der "Festival Hall" in Croydon auftraten gingen wir auf die Bühne und haben uns nur die Tonart zugerufen, mit der wir beginnen wollten. So sagten wir "okay, heute abend ist es E" ? ich weiß wirklich nicht mehr, ob es wirklich ein E oder vielleicht doch ein A war, eine der beiden Tonarten war es aber ? doch mehr wußten wir nicht! So gingen wir auf die Bühne und einer von uns begann vielleicht mit einem Soundteppich, oder manchmal mit einer Flöte ? oder jemand überraschte die anderen, indem er gleich zu Beginn mit einem heftigen Rhythmus begann. Von da an entwickelten sich die Stücke und alles floß zusammen ?oder es paßte gar nichts zusammen! Es war ein totales Abenteuer! Es ist ähnlich, als wenn dir jemand sagt: "Du springst jetzt aus diesem Flugzeug, doch ich werde dir nicht sagen, ob du einen Fallschirm auf deinem Rücken hast, oder nicht! ". So sagst du dir: "Okay, ich springe", nur um nach 100 Meter freiem Fall an der Leine zu ziehen um festzustellen, ob du einen Fallschirm hast, oder nicht. Das war eine Form des Risikos, die wir heute sicher nicht mehr eingehen würden, doch damals war es ein Teil unserer Philosophie ? und die Stücke wurden gnadenlos bis zum bitteren Ende durchgespielt.

Das war Teil des Konzepts ? und es kam schon mal vor, daß uns allen nach 10 Minuten absolut nichts mehr eingefallen ist. Da standen 3 Leute auf der Bühne, drehten ihre Köpfe und Schalter ? und nichts kam dabei heraus!

Die armen Leute im Publikum mußten so teilweise 15 Minuten oder länger warten, bis wir uns wieder sortiert hatten, noch einmal von vorne begannen und unseren gemeinsamen Weg fanden. Es ist nie passiert, daß wie die ganzen 2 Stunden des Konzerts totalen Müll abgeliefert haben, doch ich kann heute zugeben, daß es schon Konzerte gab, von denen ein Drittel absolut unbrauchbar war. Niemandem fiel etwas ein, es war hart an der Grenze ? doch es war ein kalkuliertes Risiko. Wir sind es eingegangen und wenn die Dinge gut liefen und wir alle dasselbe Ziel hatten, dann war es ein Erlebnis, das uns Schauer über den Rücken jagte. Niemand konnte genau sagen warum, doch wenn es funktionierte, funktionierte es eben ?und das oftmals für die Dauer eines ganzen Konzertes.

"Ricochet", aber auch Teile anderer Live-Alben wie "Encore" oder "Poland" besitzen diese magischen, aus dem Moment geborenen, nicht mehr reproduzierbaren Elemente. Gerade die "klassische" TANGERINE DREAM Besetzung Franke, Baumann und Froese war ein perfekt aufeinander eingespieltes Team, das für gewagte Liveexperimente geradezu prädestiniert war. Leider nahm diese Besetzung 1976 ihr letztes Album ("Stratosfear") auf und das sich immer schneller drehende Besetzungskarussell hat die Band bis heute kaum zur Ruhe kommen lassen. Das liegt nicht zuletzt an Chef Edgar Froese, obwohl der Begriff Chef hier nur bedingt mit dem meist einhergehenden Begriff "Mastermind" gleichgesetzt werden kann. Von Anbeginn war Edgar Froese ein unerbittlicher Diktator ? ein Wesenszug, der in künstlerischen Konstellationen unabdingbar ist (künstlerische "Demokratien" haben stilistisch noch nie etwas bewegt...!), doch in diesem Fall ist es zugleich auch eine Charakterschwäche, denn wann immer einer seiner Mitstreiter eigene, ihm abwegige Ideen formulierten ? oder gar innovative Wege beschritten, die er nicht bereit war, mitzugehen ? feuerte Froese seine Kollegen gnadenlos aus der Band. Spricht man heute mit Ex-TANGERINE DREAM-Musikern wie Klaus Schulze oder Christoph Franke, so schwingt immer noch viel Bitterkeit über die Trennung in ihren Stimmen, doch Froese selbst sieht es gelassener:

Edgar Froese:

Jeder, der bei TANGERINE DREAM Station gemacht hat, kann sich heute nicht beklagen und eigentlich sehr gut davon leben. Musiker in dieser Band gewesen zu sein, öffnet Dir immer noch Tür und Toren. Christoph Franke z.B. ist ein sehr erfolgreicher Produzent für Filmmusiken in Amerika.
Doch Froeses Willfährigkeit bescherte ihm bereits Mitte der 70er die ersten Probleme: Auf dem 78er, völlig mißlungenen Album "Cyclone" experimentierte Froese mit einem Sänger namens Steve Joliffe und einem Musiker namens Klaus Krieger, der im Gegensatz zu dem Kollegen Baumann nicht annähernd in der Lage war, mit improvisierten Livesitutationen umzugehen. So geriet nicht nur das Album "Cyclone", sondern auch die nachfolgende Europatournee zu einem Fiasko.

Diese mißlungene Experiment haben viele alte Fans Froese bis heute nicht verziehen. Und im Gegensatz zum ewigen Konkurrenten Klaus Schulze, der trotz ebenfalls nicht immer geglückter Experimente seinem rein elektronischen Instrumentarium treu blieb, kehrte Froese auf den Alben der späten 70er ( "Force Majeure", "Tangram") wieder deutlich zu strukturierten Rockschemen und konventionellen Instrumentarium zurück, zur Seite stand ihm dabei der gleichgesinnte, neue Partner Johannes Schmoelling....

Edgar Froese:

Mich persönlich hat dieses "Rockfeeling" nie verlassen ? und ich wollte das auch nicht. Für mich war Rock?n Roll nie die Form eines Protestes, sondern eine Form selbst gewählter Freiheit. Eine Form der Freiheit, die in anderen Musikgenres einfach nicht existiert. Johannes hat in der Tat eine wichtige Rolle gespielt, jedes neue Mitglied hat bei TANGERINE DREAM seine Spuren hinterlassen. Doch zugleich ging es einfach darum, daß wir unseren Spaß hatten. Man wagt so etwas heute ja kaum noch zu sagen. Die Plattenfirmen setzen voraus, daß du stilistische Änderungen aus kommerziellen Gesichtspunkten vornimmst, die Fans vermuten, daß man ganz bestimmte künstlerische Intentionen hat, gewöhnlicher weise aus mehr oder weniger finanziellen Gründen. Wenn ich dann sage: "Okay, ich verändere meinen Stil ein wenig, oder ich komponiere eine bestimmte Musik, nur weil es mir gefällt!" dann glaubt mir das kein Mensch! Doch so einfach war es letztendlich. Wir wollten uns verändern und einige Rockelemente hinzufügen. Es hat Spaß gemacht- und das ist auch schon das Ende der Geschichte!
Doch so einfach ist es natürlich nicht. Alben wie "Force Majeure", "Tangram" oder auch "White Eagle" zeugten von einer Abkehr, teilweise gar Negation des alten, ursprüngliche TANGERINE DREAM-Konzepts: Hier hatte man es mit ausgefeilten Strukturen und Kompositionen zu tun, die Maschinen waren "gezähmt", die Musik zugleich berechneter und farbloser geworden. Die sphärischen, teilweise ausufernden Sequenzer-Tracks tauchten nur noch als Additiv und Zugeständnis an alte Fans auf (wie z.B. das Stück "White Eagle", das mit dem Titel "Das Mädchen auf der Treppe" ? dank seines Einsatzes in einem ARD-Tatort ?zum einzigen deutschen Singlehit der Band wurde). Obwohl es Edgar Froese nur schwerlich zugibt, hatte der Stilwechsel auch kommerzielle Gründe: Spätestens seit dem 1977 veröffentlichten Soundtrack zu dem William Friedkin-Film "Sorcerer" war es für europäische und amerikanische Filmemacher sehr hip, TANGERINE DREAM als Komponisten und Soundtrack-Produzenten für ihre Streifen zu verpflichten. Die letztendlich oftmals doch sehr konservativen Vorgaben ließen dann auch Werke wie das 81er Album "Exit" entstehen, dessen plumpe, an Jan Hammer gemahnenden Klänge mit den "alten" TANGERINE DREAM nur noch wenig gemein hatten.

Mitte der 80er verließ letztendlich auch Christoph Franke die Band und Edgar Froese verblieb als einziges Originalmitglied.....

Edgar Froese:

Du kannst unsere verschiedenen, stilistischen Perioden an den Wechseln von einer Plattenfirma zur anderen festmachen. Da gab es immer eine Art Bruch. Es gab die "Virgin"-Jahre, die bis 1983 gingen, von 1984 an waren wir bei Jive Elektro unter Vertrag, bis 1988 bei Private/BMG und so weiter und so fort. Jede Phase hatte ihre bestimmten Vorlieben und Elemente. 1983 z.B. hatten wir den Wunsch, kürzere Stücke zu produzieren. Anstatt der sonst gewöhnlicher weise 20minütigen Tracks waren die Stücke plötzlich 4 oder 5 Minuten lang.
In jenen Tagen mußten wir von unseren Fans, bzw. von den Leuten, die und bis dahin gemocht hatte, fürchterliche Dinge hören. Es ging so weit, daß uns die Leute unsere Platten in kleine Stücke zerbrochen ins Haus schickten. Es war wirklich hart.

Diese drastische, ablehnende Haltung gegenüber der Band habe ich aber immer okay gefunden, denn es zeigte, wie wichtig diese Band den Menschen war und wie sehr sie sich mit ihr identifizierten.

Es ging sogar so weit, daß wir eine Morddrohung auf unserem Anrufbeantworter fanden. Wenn wir dies und jenes machen würden, würden wir eine Bombe im Briefkasten finden...!

Doch gerade diese stark kritisierte Phase von 1983 bis 1988 war sehr wichtig für unsere Entwicklung. Ich bin der Meinung, daß man akzeptieren sollte, daß sich ein Künstler von Zeit zu Zeit häuten muß. Und ein Musiker, der wirklich an sich glaubt, darf sich nicht daran orientieren, ob 10.000, 100.0000 oder 500.000 Leute seine Musik mögen. Das darf er nie tun ? und wenn er es tut, dann verliert er seine Bedeutung als Musiker im wahrsten und ursprünglichen Sinn des Wortes. Er muß immer das voll Risiko eingehen, zu 100 %! Dabei spielt s keine Rolle, wenn er sich verändert und vielleicht sagt: "Heute möchte ich bayrische Volksmusik spielen!" Wahrscheinlich wird er 99% seiner Fans verlieren, doch wenn er wirklich glaubt, solche Musik spielen zu müssen, dann muß er es tun, so verrückt das auch klingt.

Wir werden sich nie bayrische Volksmusik spielen, doch es gab einige Fälle, wo die Leute wegen uns durchgedreht sind. Doch es gab auch einen Generationswechsel; plötzlich kamen sehr viele junge Leute zu uns ? und das habe ich immer sehr begrüßt. Meine eigene Generation war mir immer suspekt. Ich habe immer mehr beobachten können, wie alles um mich herum senil wurde ?auch die Bandmitglieder.

Das ist auch der Grund, warum es 34 verschiedene TANGERINE DREAM-Besetzungen gab: Erst war da der Erfolg, dann kam das Geld und letztendlich eine gewisse Bequemlichkeit, die schnell zur Stagnation führte. Für mich war es sehr schwer, all dieses abgestorbene Holz mit mir herumzuschleppen. Ich meine das nicht persönlich, denn alle waren eigentlich nette Jungs. Doch es war für mich sehr schwer zu sagen: "Okay Freunde, wir haben gerade einen Fünfer im Lotto gewonnen, aber nun laßt uns lieber Murmeln spielen, denn das ist im Moment interessanter" . Dann fielen die Kinnladen runter und jeder wollte lieber den Lottoschein ausfüllen, um noch einmal einen Fünfer oder den Jackpot zu gewinnen. Und wenn Froese kam und sagte "Laßt uns lieber Murmeln spielen" hielten mich alle für bekloppt. Dann sagte ich: "In Ordnung, vielleicht bin ich bekloppt, dann müssen wir uns eben trennen; ihr macht Euer Ding und ich mache hier weiter" . Diese Situationen gab es sehr oft!

Diese Situationen haben letztendlich auch dazu geführt, daß TANGERINE DREAM heute ein reines Familienunternehmen ist. Neben Papa Froese und der als Managerin und fürs Artwork zuständige Gemahlin Monique nun auch der mittlerweile 28jährige Sohnemann Jerome, der seit dem 90er Album "Melrose" offizielles Bandmitglied ist. Kinderfoto von ihm sind aber auf diversen Plattencovern der Band, u.a. auf der Innenhülle des "Rubycon"-Albums zu sehen. Nach anfänglicher Rebellion hat sich auch Jerome dem Diktat des Vaters untergeordnet.

Edgar Froese:

Jerome war eigentlich schon immer Teil der Band. Bei uns gab es nie diese typische Eltern/Kind-Beziehung , wir haben Jerome nie zu etwas gezwungen, wir haben ihm all das erlaubt, was er tun wollte. So lag er seit seinem ersten Lebensjahr vor den Bühnen, unter den Bühnen und auf den Bühnen. Er hat diese Atmosphäre Zeit seines Lebens inhaliert ? und als er selbst auf der Bühne stand, war e für ihn kein so großer Schritt wie für viele andere Musiker, mit denen ich gespielt habe. Doch was viel wichtiger ist: Wir haben ihn nie gezwungen, in der Band zu spielen, es war ein freies Agreement und wir behandeln ihn wie andere Kollegen. Und wenn Jerome nichts zur Musik beitragen würde, dann wäre für ihn auch kein Platz in der Band- egal ob er mein Sohn ist, oder nicht!
In wieweit Jerome die Musik von TANGERINE DREAM tatsächlich beeinflußt hat, läßt sich nur sehr schwer nachvollziehen. Die 90er Alben der Band "Rockoon", "Turn Of The Tides", "Tyranny Of Beauty" und "Goblins Club" waren geprägt von einer oftmals sehr seichter, gefälliger, rockorientierter und risikolos inszenierter Elektronik.

Der Titel des 92er Albums "Rockoon" war zugleich ein erneuertes musikalisches Manifest.....

Edgar Froese:

Es ist tatsächlich so, daß wir diese beiden Elemente ? Rockmusik und Elektronik ? nie trennen wollten. Wir haben ebenfalls versucht deutlich zu machen, daß wir nicht allein auf dem weiten Feld der puren elektronischen Avantgarde zu Hause sind, sondern die elektronischen Instrumente benutzt haben, um uns in der Rockmusik auszudrücken. Das war für uns immer ein ganz wichtiger Punkt! Um ehrlich zu sein: Mit Leuten wie den Technikern des IRCAM in Paris rumzuhängen und mich mit Algebra und elektronischen Formeln zu beschäftigen, ist absolut nicht meine Welt! Ich habe über diese Dinge gelesen, ich habe diese Art von Musik gehört ? und natürlich habe ich sehr viel gelernt. Doch um mich auszudrücken, um das Leben auszudrücken, brauche ich mehr als die sterile Arbeit in einem eingekapselten Raum.
Doch mehr als das ist unsere Musik "rock"-orientierter, weil ich Spaß daran habe, mit Leuten zu arbeiten, die gerade einmal halb so alt wie ich selbst bin. Für mich ist das ein Abenteuer, es ist das Ding und es macht mir weit mehr Spaß als vor 25 Jahren..

Die Dinge beginnen wieder zu leben! Mit Leuten meines Alters zu arbeiten war zeitweise wie eine Pflegeversicherung

Doch nicht nur Edgar Froese ist älter geworden ? auch die Zeiten haben sich drastisch geändert! Die mit digitalem Equipment eingespielten TANGERIND DREAM-Produktionen der 90er klingen teilweise sehr kalt, sehr steril und leblos. Doch das ist vielleicht auch nur die heutige Sicht der Dinge: Als TANGERINE DREAM in den 70er Jahren begannen, elektronische Musik auf den damals noch neuen, analogen Synthesizern zu produzieren, galt ihre Musik ebenfalls als kalt und "unmenschlich".

In Zeiten der digitalen Klänge kann man derartige Vorwürfe kaum noch nachvollziehen, denn was gibt es "wärmeres" als die analoge blubbernden Sequenzer-Klänge auf "Phaedra" oder "Ricochet"? Elektronische Musik hat längst ihren Avantgarde-Status verloren; heute gibt es unzählige Stile und ästhetische Vorbilder, auf die man zurückgreifen kann. Die seinerzeit neue, fremde Technologie gehört heute zum alltäglichen Leben, ein Computer oder ein digitales Equipment findet man heute in fast jedem Kinderzimmer.

Edgar Froese:

Wenn man davon ausgeht, daß Musik nicht nur ein gutes Vehikel ist, um sich "auszudrücken", wie man so schön sagt, dann ist sie auch dafür geeignet, einen Blick in die eigene Seele zu tun, zu entspannen und ? wenn man mit anderen zusammen spielt ? ein intime Atmosphäre zu schaffen, die man sonst nicht kreiere könnte. Darum bin ich der Meinung, daß jeder 15jährige ein Musikequipment zu Hause haben sollte. Zum einen könnte er dadurch der elterlichen Frustration entfliehen. Wen ich irgend etwas zu sagen hätte, dann würde ich anordnen, daß jeder 15jährige Musik machen muß, egal ob er talentiert ist, oder nicht! Dabei ist es gar nicht wichtig, ob es chaotische oder organisierte Klänge sind, ob es Klassik, Punk, Wave oder was auch immer ist ? er sollte nur Klänge produzieren! Es ist einfach einer tolle Selbsterfahrung, man sollte mit Klängen einfach nur herumspielen, ausprobieren! Auf gar keinen Fall sollte man die jungen Leute indoktrinieren, irgend etwas zu kopieren, was bereits existiert, so wie es in der Schule meist geschieht. So wie die Kids heute mit Computern und Computerspielen herum experimentieren, sollten sie auch mit Tönen umgehen, einfach sehr frei assoziieren!
Zugleich ist das auch vom psycho-therapeutischen Blickwinkel eine gute Sache. Wenn ich mir die heutigen Kids und diese kaputten sozialen Strukturen anschaue bekomme ich Alpträume. Dann denke ich darüber nach, wie wenig eigentlich nötig wäre, um das ganze Dilemma in kreative Bahnen zu lenken. Denn im Grunde ist jeder kreativ!

Der andere Punkt ist, daß die Klänge der frühen Jahre, ganz egal ob sie von TANGERINE DREAM oder Kraftwerk produziert wurden, allesamt auf analoge Geräten produziert wurden. Diese Klänge konnten seinerzeit mit keinen anderen Klängen verglichen werden, es gab kein Pendant. Und der heute sehr wohlige, warme Klang, den ein DX7 Synthesizer produziert, klang damals in der Tat sehr kalt. Doch warum empfindet man einen Klang sehr warm, den anderen aber kalt? Das ist einfach eine Frage der Gewöhnung. Was "kenne" ich ? und was "kenne" ich nicht?

Und die Dinge, die mir unbekannt und fremd sind, haben zwangsläufig etwas kaltes, das man automatisch ablehnt!



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 DAC



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