Das Ich

Datum 15.06.2004 10:37 | Thema: Interviews



Das Ich

Vom Ende zum Anfang und wieder zurück. So ähnlich könnte man die künstlerische Situation von Das Ich vor zwei Jahren bezeichnen. Mit „Anti’ Christ“ haben Bruno Kramm und Stefan Ackermann nach Jahren der Experimente wieder zu den ursprünglichen Qualitäten ihres Debüts „Die Propheten“ zurückgefunden und den typischen Ich-Sound nochmalig nachhaltig definiert.
Fraglich blieb, wie es nach diesem Manifest weitergehen sollte. Eine nochmaliges „typisches“ Das Ich-Werk – oder eine Öffnung und Erweiterung, die ja auch schon auf „Anti’ Christ“ in Songs wie „Das dunkle Land“ erfolgreich hörbar war….?
Kramm und Ackermann haben das Problem clever umschifft: Das neue Album „Lava“ erscheint gleich in zwei Varianten. Untertitelt mit „Glut“ das Original, daneben das Album „Asche“, das alternative, eher tanzbare Versionen sowie Remixe von Terminal Choice und Wumpscut enthält.

Doch schon das das Originalmaterial enthaltende „Glut“ weist den Weg:
Selten klangen Das Ich trotz der manchmal hart am Klischee angesiedelten, selbstdefinierten Stilpalette kompakter, druckvoller und energetischer, ohne dass die für Bruno Kramm typischen, kunstvoll-vertrackten Arrangements darunter gelitten hätten.

Die Neuerungen sind, wie auch schon auf „Anti’Christ“, eher subtiler Natur, doch sie sind im hohen Maße vorhanden: Die Farbigkeit und Offenheit eines Songs wie „Sehnsucht“ und die Beschwingtheit des Titelstücks lassen auf einen neuerlichen Läuterungsprozess schließen, der sich in dem teilweise doch große Reminiszenzen an den Dancefloor machenden Remix-Album „Asche“ fortsetzt…



Bruno Kramm: „Dass wir das Material von ‚Lava’ in unterschiedlicher Form auf zwei CDs veröffentlichen, hat mehrere Gründe. Einmal haben wir gemerkt, dass wir immer wieder gewisse Kompromisse machen müssen, was die Ausarbeitung eines Stückes betrifft. Jedes Stück musste meist immer gewaltig abgespeckt werden, damit es überhaupt in einem Clubkontext funktioniert. Diesmal wollten wir diesen Kompromiss nicht eingehen, sondern haben die Grundidee eines Songs einfach in zwei Richtungen entwickelt. Einmal in eine sehr konsequente, typische Das-Ich-Richtung auf ‚Glut’, zum anderen in eine bewusste Clubausrichtung auf ‚Asche’. Das hat dann dazu geführt, dass ein und derselbe Song zum Teil zweimal geschrieben wurde und ein ganz eigenes Leben bekommen hat. Unser Live-Keyboarder Kain Gabriel hat es letztens sehr schön auf den Punkt gebracht, indem er sagte, dass jedem Gefühl ja auch eine extreme Dualität innewohnt. Liebe z.B. kann sich aufteilen in Freude, Lust – aber auch in Verlustangst und Trauer. Und da es auf ‚Lava’ um sehr emotionale Themen geht, hatte es sehr gut gepasst.“

Hat die Idee, diesmal gleich eigene Remixe, bzw. alternative Versionen anzufertigen auch damit zu tun, dass sich für die Band der übermäßige Erfolg des eigentlich ungeliebten VNV-Natione-Mixes von „Destillat“ zu einem kleinen Trauma entwickelt hatte…?

Bruno Kramm: „Wir wollten dem nicht unbedingt entgegenwirken, es ist ja auch viel Spaß dabei, sich so auszuleben. Es macht Freude, zu sehen und auszuprobieren, wie viele unterschiedliche Gewänder du deinem Baby schneidern kannst. Und es ist auch durchaus gewollt, dass die Leute Das Ich als tanzbar begreifen. Das Ich haben ja immer den Ruf, sehr kopflastig zu sein, etwas, was man sich besser daheim anhört, aber nicht im Club. Und das ‚Asche’-Album tritt da den Gegenbeweis an.“

Dennoch ist „Lava“ wieder ein klassisches Konzeptalbum.

Bruno Kramm: „Wie der Titel schon andeutet geht es um Gefühle. Um sehr heiße Gefühle. Um Dinge, die man eigentlich als sehr profan bezeichnen würde. Hass, Liebe, Eifersucht, Neid und Verlustangst. Und diese Gefühlswelten werden so auf die Spitze getrieben, dass sich der Kampf zwischen dem animalischen Gefühl, unbedingt etwas haben zu wollen und dem, was dir deine anerzogene Moral darauf antwortet, heraus destilliert.“

In wieweit entwickeln Das Ich diese Konzepte gemeinsam – zumal Stefan Ackermann ja ausschließlich für die Texte verantwortlich ist…?



Stefan Ackermann: „Wir führen natürlich im Vorfeld schon sehr viele Gespräche darüber, was wir überhaupt machen wollen. Und bis Brunos Material dann tatsächlich da ist, vergeht oft viel Zeit. Zeit, die ich nutzen kann, um mich auf die Thematik einzustimmen. Die Inspiration ist aber letztendlich der Song, der auf mich wirkt. Manchmal dauert es sehr lange, bis der erste Satz steht – aber wenn der erstmal formuliert ist, geht es meist sehr sehr schnell…“

Ebenso wie z.B. die Einstürzenden Neubauten gelten auch Das Ich mit ihrer teilweise sehr archaischen Wortwahl als extrem deutsche Band, beziehen sich im Gegensatz zu Herrn Bargeld aber nur ungern auf etwaige literarische Vorbilder.

Stefan Ackermann: „Die gibt es in dem Maße wirklich nicht. Da ich die Volksschule nach der achten Klasse verlassen habe, habe ich schulisch davon nichts mitbekommen. Ich habe später sehr viele Sache gelesen, könnte sie aber stilistisch und historisch gar nicht konkret einordnen.“

Bedingt oder diktiert die Musik diesen sprachlichen Stil?

Stefan Ackermann: „Unbedingt. Die Texte und Gedichte, die ich außerhalb von Das Ich schreibe, habe eine ganz andere Natur.“

Bruno Kramm: „Dennoch ist ‚Lava’ ein Album, das nicht nur wegen der Thematik noch persönlicher geworden ist, noch mehr das Innenleben von Bruno Kramm und Stefan Ackermann zeigt. Je länger wir zusammenarbeiten, desto mehr entfernen wir uns von gewissen Rollenverhalten und von Klischees, die ein Song angeblich erfüllen muss. Wir arbeiten heute weitaus intuitiver als zuvor und fragen uns nicht mehr, ob man einen Song vielleicht etwas mehr nach den Einstürzenden Neubauten klingen oder den Basslauf einen Tick mehr in Richtung Front 242 gehen lässt. Davon haben wir uns über die Jahre fast völlig gelöst und es ist nur noch das vorhanden, was man selber fühlt und darstellt, ohne darüber groß nachzudenken. Und damit wird auch alles fließender…“

Ist dieses intuitive Arbeiten nicht auch gleichzusetzen mit einer schon an eine gewisse Selbstverständlichkeit grenzenden Arbeitsweise, Leichtigkeit des künstlerischen Umgangs miteinander und mit der Selbstbedienung in dem Arsenal des bereits erarbeiteten Stil?
Gerade auf „Lava“ ist diese Leichtigkeit trotz der kompositorischen Komplexität der Songs spürbarer als je zuvor…

Bruno Kramm: „ Ich denke, dass man das durchaus so sagen kann. Ohne jetzt arrogant wirken zu wollen, denke ich, dass Das Ich etwas Wertvolles geworden ist. Nicht nur für uns, sondern auch für viele andere Leute. Wenn wir experimentieren wollen, so tun wir dies in anderen Projekten. Mit Das Ich wollen wir dagegen nicht leichtfertig herumspielen. Das Ich soll rein sein, muss immer unsere Essenz wiedergeben. Und es ist letztendlich auch immer eine Heimkehr zu dem, was wir wirklich sind.
Dennoch ist ‚Lava’ weit weniger verspielt als andere Alben, zumindest an der Oberfläche. Im gewissen Sinne sogar rockiger und weitaus direkter als die Vorgänger.“




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Ebenso wie Deine Lakaien gibt es auch Das Ich nunmehr fast nahezu seit 20 Jahren.
Hätte sich die Band bei der Veröffentlichung ihrer ersten E.P. „Satanische Verse“(1989) vorstellen können, auch 2004 noch auf der Bühne zu stehen?

Bruno Kramm: „Nie im Leben. Obwohl wir schon damals Konzepte entwickelt haben, haben wir einfach losgelegt, ohne Existenzgedanken oder Ängste. Ganz im Geist der damaligen Punk- und New Wave-Zeit. Verschwende Deine Jugend. Doch heute können wir uns durchaus vorstellen, dass wir mit Das Ich auch im Jahr 2014 noch Musik machen.“



Auch Das Ich sind momentan in der Situation, dass viele ihrer juvenilen Fans viel zu jung waren, um die Anfänge der Gruppe aktiv miterlebt zu haben….

Bruno Kramm: „Eigentlich ist das toll und ein sehr schönes Gefühl. Doch wenn dann irgendein junges Gothic-Mädel ankommt, mich bittet, ihren Busen zu signieren und ich mir überlege, dass sie rein rechnerisch meine Tochter sein könnte, ist das schon etwas komisch.
Man verteufelt ja auch oft und gerne die Gothic-Szene – und es gibt auch für mich Momente, wo mich alles ankotzt – doch letztendlich ist diese Szene schon ein unheimlich großer, kreativer Pool, der ständig wächst, wo Neues hinzukommt und Altes heraus fällt. Und je öfter immer wieder große Konzerne versuchen, dort einzudringen um ihr Scherflein zu machen, desto öfter müssen sie einsehen, dass es nicht funktioniert.“

Stefan Ackermann: „Es ist immer wieder unglaublich zu erleben, wie viel Kraft, Energie und auch Geld die Leute investieren, um uns weiterhin existieren zu lassen. Und das ist etwas, was wir die ganzen Jahre nicht vergessen haben. An unserem Erfolg ist weder ein Label, noch Veranstalter, Verlag oder Agentur verantwortlich, sondern letztendlich nur die, die unsere Musik kaufen. Und diese Unterstützung und die Tatsache, dass immer neue Leute hinzukommen, ist mehr Wert, als den Vorschuss fürs neue Album zu bekommen.“




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