Habemus Wolff

Datum 20.04.2005 14:34 | Thema: Essay



Habemus Wolff

Hurra! Wir haben einen neuen Papst!

Hurra! Wir haben ein neues Lacrimosa-Album!

Was haben diese beiden epochalen Ereignisse miteinander zu tun?

Zunächst augenscheinlich nicht viel. Dennoch….


Die Pop- und Rockmusik hatte mit Religion Gott sei Dank nicht viel am Hut.

Im Gegenteil: Sie war, trotz der religiös infiltrierten Wurzeln im Gospel oder Blues von vornherein ein Aufbegehren gegen Autorität, Sitte und Obrigkeit, zugleich von der nötigen Sinnlichkeit und einem erforderlichen Hedonismus geprägt, die allen religiösen Dogmen per se zuwider lief.

Natürlich gab es immer wieder unselige Ausnahmen:

Bedingt durch sinnlose Sinnsuche kam es zu einer im besten Sinne des Wortes unheiligen Allianz, die oft zu exotischen Religionen führte und z.B. in dem schlechtesten, plakativsten Beatles-Song aller Zeiten („Within You, Without You“) gipfelte – oder in dem, was gemein hin unter „Sakro-Pop“ bezeichnet wird (grausamstes Beispiel: die Hymne „Hymn“ von Barclay James Harvest).

Derartige Bekenntnisse machten allen stilbewußten Pop-Hedonisten nur eines deutlich:

Diese Menschen haben keine Eier.

Feige, falsch und nur ihr Weltbild als Zentrum des Universums gelten lassend , waren die Artisten der 60er, 70er und 80er Jahre zwar verblendet, aber ihre Litaneien blieben ebenso verklärt und diffus wie ihre angelesenen Paradigmen und richteten relativ wenig Schaden an.

Dies hat sich heute leider grundlegend geändert.

Hilflose Mannheimer Türsteher mit alberner wollener Kopfbedeckung befehlen uns den christlichen Glauben in plakativsten Phrasen, die bei jedem Priesteranwärter zur sofortigen Exkommunizierung geführt hätten – fallen dennoch auf fruchtbaren Boden derer, die mangels innerer Stärke und Charakter an irgend etwas glauben müssen.

Es ist und bleibt verwunderlich, dass das christliche Virus nicht schon längst die Gothic-Szene infiziert hat.

Sicherlich: Historisch gesehen ist dies eine Contradjctio in adjecto, dennoch waren von Anbeginn religiöse Themen, diffuse Sinnsuche und schwarz/weiße Klischees von Gott und Satan maßgeblicher Bestandteil von Lyrik und Stil – wobei man sich hier natürlich immer für den dunklen Part, also für Tod und Teufel entschieden hat.

Billig, aber effektiv:

Die Cover sahen besser und mystischer aus, in den Texten konnte man mit Tabuthemen geradezu um sich werfen – und für einen in Oberfranken streng religiös erzogenen Gothic-Musiker mag diese Art der Auseinandersetzung mit der Thematik denn auch ein Befreiungsschlag, wenn auch keine direkte Auseinandersetzung gewesen sein, denn zu tief verwurzelt sind die katholischen Dogmen: Bist Du nicht für den Lattengustl und seine zigfache Mutter, musst Du zwangsläufig für den Bezelbub sein!

Na gut, dann eben für das Teufelchen! Bätsch!

Für jemanden, der weder an Gott noch an Satan glaubt, erübrigt sich das Problem:
Er schaut sich die Folklore an, ist im besten Fall amüsiert, ansonsten nimmt er diese inneren Zerreisproben mitleidig bis angeekelt zur Kenntnis.

Als misanthropischer Nihilist glaube ich, wie jeder vernünftige Mensch, weder an Gott noch eine andere übergeordnete spirituelle Macht - wohl aber an die Macht der katholischen Kirche und an den Wertekodex unserer „Szene“.

Sie hält den Mob auf Kurs.

Egal, ob mit dem Brimborium des Papst-Siechtums und der Papstwahl 500 Jahre Reformation in 14 Tagen in die Tonne getreten wurden; auch egal, dass für den neuen Papa-Razi Aids und Ejaculatio Praecox keine Themen sind - hier geht s um den fleischgewordenen Vertreter Christi, dessen Wort man ohne wenn und aber zu folgen hat.



Dabei ist es auch völlig unerheblich, dass Ratzinger eine der Speerspitzen des „Opus Dei“ ist – jener SS des Vatikan, die ihre diffuse Ideologie schon immer mit handfesten wirtschaftlichen Interessen zu verbinden wusste - hier geht es nur um eines: Folklore!

Die Parallelen zwischen der katholischen Kirche und der Gothic-Szene sind mehr als bemerkenswert:

Ein großes, buntes Theater, hinter dem ein Wertekodex, sollte er denn existieren, kaum mehr erkennbar ist.

Gemäß dem Motto: Besser eine gute Fassade als nichts dahinter, ist man sich dieser Tage kaum mehr sicher, wer hier nun eigentlich mehr vom anderen abgeguckt und gelernt hat: Die Christen von den vermeintlichen Anti-Christen – oder umgekehrt?

Eine von hohlen, Gesten, Ritualen und Paradigmen fanatisierte lila-rote, bzw. schwarze Masse, die sich an ein greifbares Bild klammern muss, um noch glauben zu können.

Aufgrund dieser Parallelen ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch die Gothic-Szene nun langsam aber sicher zum christlichen Glauben konvertiert.

Schwer ist das nicht: Einfach die Kreuze wieder umdrehen, dem Teufelspüppchen die Hörner abschneiden und ne Mitra drauf pappen – fertig!

Jetzt brauchen wir nur noch einen Papst – und wer böte sich da besser an, als Sankt Tilo Wolff von Lacrimosa?

Wolff hat seine christlichen Untertanen in diesem Monat nicht nur mit einem neuen Machwerk beleidigt, das Anlass zu Glaubenskriegen der blutigsten Art geben dürfte, nein, er hat sich in der aktuellen Ausgabe der Zillo im vorauseilenden Gehorsam auch als hammerharter Christ geoutet, was ihn als Pontifex Maximus der Gothic-Szene geradezu prädestiniert.

Interviewt von dem wie immer souverän hinterfragenden Elmar Klemm („Es kommt ja häufig vor, dass Menschen auf der Suche nach einem neuen Sinn Antworten im Glauben finden. Tritt deshalb an diese Stelle der Bibeltext?“) setzt Sankt Wolff die endlich fälligen Maßstäbe:

“Ich bin kein Werbeträger der Kirche.
Ich habe meinen Glauben immer praktiziert, war immer Christ und werde es auch bleiben.
Erschreckend finde ich nur, wenn sich Bands – und oft sind es gerade junge Künstler – auf die Bühne stellen und ihren Fans eine Denkweise aufdrängen.“

Umso beruhigender, dass die Lyrik von Lacrimosa mit Denken und Denkprozessen im Allgemeinen nicht viel zu tun hat.

Weiter im Text:

„Solche Bands sollten aus der Szene verbannt werden“

Endlich. Der befreiende Satz!

Wo Weichei Ratzinger immer noch zögert, Hexenverbrennung und Inquisition wieder einzuführen, ist Sankt Wolff schon ein großes Stück weiter!

Auf den Scheiterhaufen mit Bands mit „Denkweisen“!

Lieber sektiererisch und konsequent verdammend, als die Werte der „Szene-Kirche“ aufzugeben!


Mehr:

“Da werden Themen eingebracht, die mit der schwarzen Kultur überhaupt nichts zu tun haben“

Okay, Songs über Messknabenschändung sind ab jetzt per Dekret gestrichen! Versprochen!

„Da werden Images nach vorne gerückt, um zu kaschieren, dass sie überhaupt keine Inhalte haben“

Es sei denn, man besitzt einen geweihten Kajal! Der allein ist schon Aussage genug!

Weiter:

„Und auch das verträgt sich eigentlich nicht mit der Szene. Das ist doch völlig konträr. Insofern missioniere ich – für die Szene!“

Danke. Endlich jemand, der den Werte-Kodex der Szene bestimmt und musikalisch definiert – und sie damit rettet!

Sankt Wolffs abgeschmackte Metal-Versuche, vermischt mit Streicher-Arrangements, die Andrew Lloyd-Webber die Schamesröte ins Gesicht treiben würden und einer Lyrik, deren abstruses Versmaß sich selbst die CVJM-Gruppe aus Mittenwald weigern würde zu singen, sind das neue Evangelium!

„Ich möchte, dass sie (die Szene, Anmerk. des Verf.) uns erhalten bleibt. Aber ich wünsche mir, dass sie sich auf ihre Ideale besinnt.“

Richtig! Freidenkertum ist gerade in der Gothic-Szene fehl am Platz! Viel zu lange wurde hier geschludert und den vielfältigsten Ideologien Tür und Tor geöffnet! Hier ist endlich Strenge, Disziplin, Zucht, eine Kleiderordnung und ein von Sankt Wolff abgesegnetes Ordal für den korrekten Make-Up und Kajalgebrauch gefragt!

„Deshalb reagiere ich sehr aggressiv auf diese so genannten ‚Düsterbands’, die sich aus Eigennutz unserer Werte bedienen und letztlich alles kaputt machen.
Hier liegt die Verantwortung der Industrie. Plattenfirmen und Medien haben die Macht, auszusieben.“

Genau! Wer das Evangelium des Sankt Wolff missachtet, ist ein Ketzer – und statt der Kreuzritter haben wir heute – Gott lob! – die Medien und die Industrie, die sämtliche Ungläubige hinwegfegen werden!

Sankt Wolff – schade, dass das Opus Dei so ein linker Haufen ist – es würde dich sonst mit Kusshand aufnehmen!



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