Wir sind Deutschland!

Datum 15.10.2005 18:20 | Thema: Essay



Wir sind Deutschland!

Na endlich!

Nachdem wir monatelang Papst gewesen sind, sind wir endlich wieder Deutschland.

Nein, ich spreche nicht davon, dass Stoiber nun Deutscher werden will, auch nicht davon, dass uns Jürgen Klinsmann bewiesen hat, dass auch ein Amerikaner ein formidabler deutscher Bundestrainer sein kann – ich spreche von der längst überfälligen Totalitarismus-Kampagne Du bist Deutschland, die das gespaltene Volk mit seinen gespaltenen Persönlichkeiten endlich wieder vereint!

Hier bedarf es einer radikalen Gesamttherapie – und zwar von ganz oben.

Nein, nicht vom Papst oder Gott, sondern von Bertelsmann, Gruner + Jahr und weiteren humanistischen Medienunternehmen, die schon in der Vergangenheit bewiesen haben, dass ihnen das Volk, seine Bildung und Wohlergehen und vor allem unsere Kultur am Herzen liegt.

Und wir müssen stolz sein ob dieser Selbstlosigkeit, denn wer sonst sollte uns aus diesem Jammertal retten?

Die 30 Millionen € dieser Kampagne sind mehr als gut angelegt:

Ein Heer von selbstlosen Marketingstrategen dachte sich eine Optimismus-Kampagne aus, die cleverer und überzeugender nicht inszeniert hätte werden können, unterstützt von Prominenten, deren Namen schon seit Menschengedenken für Intelligenz, Differenzierungsvermögen und echte Vaterlandsliebe stehen: Xavier Naidoo, Harald Schmidt, Rainhold Beckmann und allen voran Deutschlands derzeit prominentester Golfer Oliver Kahn.



Die Message:

1. Diese Kampagne ist so Sinn gebend wie Geld. Wir haben welches, weil wir Lobbyisten sind.
Du hast keines, weil Du keine Freunde hast oder einfach nicht clever und korrupt genug bist.
2. Du bist ein verblödeter Herdenmensch und nur ein Rädchen im Getriebe und sollst das gefälligst auch bleiben.
3. Wir brauchen Deine jämmerliche Arbeitskraft auf unterstem Lohnniveau und geben Dir dafür das Gefühl, dass Du noch lebst. Irgendwie.
Ein fairer Tausch.
Wenn Du Dich einmal wie Gott fühlen willst, laden wir Dich vielleicht zu „Wer wird Millionär“ ein.
4. Als völlig verschuldeter, obdachloser, von Krebs zerfressener, drogenkranker, homosexueller, beinamputierter, mongoloider, HIV-infizierter Hartz IV-Empfänger und Fußball-Fan steht Dir die Welt offen! Du musst nur wirklich wollen!
5. Bertelsmann ist das Volk.

Ein Schelm, der da an Neo-Liberalismus denkt!



Zugegeben, man hätte das blumige Manifest von „Du bist Deutschland“ auch etwas direkter formulieren können:

"Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume. Genauso, wie sich ein Lufthauch zu einem Sturm entwickelt, kann deine Tat wirken. Unrealistisch, sagst du? Warum feuerst du dann deine Mannschaft im Stadion an, wenn deine Stimme so unwichtig ist? Wieso schwenkst du Fahnen, während Schumacher seine Runden dreht? Du kennst die Antwort: Weil aus deiner Flagge viele werden und aus deiner Stimme ein ganzer Chor. Du bist von allem ein Teil. Und alles ist ein Teil von dir. Du bist Deutschland.“

Abgesehen davon, dass dieses schiefe Bild direkt aus der Esoterik-Fibel von Peter Spilles stammen könnte, hinkt der untere Absatz diesem Bild hinterher.

Auch der Fahnenschwenk kann einen Sturm verursachen. Sieg heil!



Weiter:

“Mag sein, du stehst mit dem Rücken zur Wand oder dem Gesicht vor einer Mauer. Doch einmal haben wir schon gemeinsam eine Mauer niedergerissen. Deutschland hat genug Hände, um sie einander zu reichen und anzupacken. Wir sind 82 Millionen. Machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen.“

Unclevere Argumentation.

Wer 82 Millionen ist, hat derzeit 1, 4 Billionen € Schulden.

Bloß keine Zahlen nennen. Wenn schon einlullen, dann bitte konsequent und mit Stil.

Wo Hitler und Goebbels noch klare Worte fanden, druckst „Du bist Deutschland“ herum.

Und das finde ich persönlich sehr schade.

Welcher PISA-Versager soll das kapieren?

Klare Aussagen sind gefordert: Du bist nichts, Dein Volk ist alles!

Sinnloses Manövrieren bringt hier nichts!

Zurück in Reih und Glied!



Das sollte sich auch Peter Heppner hinter die Ohren schreiben, der mit seiner grandiosen Deutschandhymne „Wir sind Wir“ einen – Zitat Berliner Zeitung vom 1. Oktober 2005 - „bewusst relativ inhaltsleeren Text“ zur deutschen Einheit verfasst hat, der auch noch zum Tag der Deutschen Einheit vor dem gesammelten Auditorium des Bundestages und Bundespräsidenten zelebriert wurde.

Inhaltsleer deshalb, weil er „dem Volk aufs Maul geschaut“ habe.


„Wir sind wir, wir stehen hier
Aufgeteilt, besiegt und doch
Schließlich leben wir ja noch
Wir sind wir
Und wir werden’s überstehen
Denn das Leben muss ja weitergehen“


Ernst Negers „Heile heile Gänschen“ war irgendwie aufrüttelnder und hatte auch mehr Wumm…

Dennoch schön, dass wir endlich wieder Deutschland sind!



(c) Text: Ecki Stieg (c) Bild 1 (Intro): Uwe Doms (c) Bild & Text 2 - 6: Ecki Stieg




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