Bocuse war ein Gothic!

Datum 20.10.2006 00:00 | Thema: Essay

Die Szene kocht!

Längst vorbei die Zeiten, in denen sich der gemeine Gothic von der zivilisierten Welt abgrenzen wollte, vorbei auch die Zeiten, in denen die Gothic-Gazetten versuchten, so etwas wie Individualität zu verkaufen.

Im Jahr 2006 ist Gothic zum Mainstream verkommen – und so ist es auch kein Wunder, wenn unsere aller Lieblingsgazette Zillo seiner Leserschaft die „Rocky“-DVD-Kollektion nahe bringt oder revolutionäre, neue Rubriken einführt, die selbst in der „Bäckerblume“ oder dem „Linsburger Kurier“ seit Jahrhunderten ausgemustert wurden:

„Kochen mit Prominenten“ – „Die Szene kocht!“ - Welch glorreiche Idee!
Gruftis kramen in ihrem verschimmelten Kühlschrank oder versuchen sich ganz einfach daran zu erinnern, wann sie vor Jahren ihre letzte warme Mahlzeit abseits von McDonalds oder Burger King zu sich genommen haben und stümpern einen Schlangenfraß zusammen, den man selbst halbverhungerten Kindern in der Sahel-Zone nicht als finalen Dolchstoss zumuten mag.
Was kommt danach? Abwaschen mit Covenant oder kollektives Erbrechen mit L’Âme Immortelle?

Wie dem auch sei:

In dieser Rubrik wird natürlich wie immer gelogen und phantasiert, dass sich die Balken biegen.

Wären die Protagonisten halbwegs ehrlich, würden ihre Rezepte ganz anders aussehen.




Zum Beispiel:

Chris Pohl

Der Dieter Bohlen der Gothic-Szene.
Kopf von Blutengel, Terminal Choice sowie ca. 186 weiteren Bands, deren Namen er selbst ständig vergisst.
Ist bekannt dafür, dass er sich vom Kinder-Gothic-Pop, Industrial bis hin zum Schlager für nichts zu Schade ist.

Folgerichtig ist sein Lieblingsgericht:

Eintopf

Ein immer wieder deftiger, schnell gemachter Imbiss für zwischendurch.

Zutaten:
Man nehme ca.
500 Gramm Computer-Preset-Sounds
70 Gramm unverdaute und falsch interpretierte Synthi-Pop-Historie der 80er Jahre.
80 Gramm grob geschnittener Gitarren-Samples
50 Gramm abgehangener Industrial-Klischees
2 Gramm englisches Sprachverständnis
70 Gramm Erotik aus dem Beate Uhse-Katalog und
2 Kilo Kajalstift.

Das alles gewürzt mit einer winzigen Prise musikalischen Talents. Hier bitte mit der Dosierung vorsichtig sein, da zuviel Talent das ausgewogene Geschmacksbild verzerren und zu schweren Magenirritationen beim Gourmet führen könnte.

Zubereitung:
Alle Zutaten roh und ungeschnitten in einen Topf.
Dann mit einem Pürierstab alles bis zur Unkenntlichkeit klein schreddern, bis auch der letzte Geschmack gewichen ist.
Dabei ständig kräftig rühren und vor allen Dingen Schaum schlagen.

Serviervorschlag:
Den ganzen Brei in einen großen Plastiktopf der Firma Out Of Line-Records kippen. Löffel rein für die Anzahl der Personen. Fertig!

Als Beilage eine Rothaarige und eine Blondine


Lacrimosa

Tilo Wolff, der Helge Schneider der Szene, der uns schon seit Jahren vor allen Dingen durch die Revolutionierung der deutschen Reimkunst und des Versmaßes in Verbindung mit pompösen, luftleeren, orchestralen Arrangements und der Sangeskunst seiner skandinavischen Betteinlage beeindruckt.

Sein Lieblingsgericht ist natürlich

Windbeutel mit finnischen Hexenkräutern

Ungenießbares zuckersüßes Gebäck mit Tränen treibender scharfer Kräutersoße

Zutaten:
Man nehme ca.
800 Gramm klein gehackten deutschen Duden
700 Gramm des Buches „Selber reimen leicht gemacht – Anfängerkurs“
2 willfährige Symphonieorchester
1 verstimmte E-Gitarre
2 Kilo schimmlige „Pop meets Klassik“-Historie der 70er Jahre
2 Kilo Karnevalsschminke
500 Gramm Spinnweben
und 1 finnische Kräuterhexe

Zubereitung:
Die Kräuterhexe so lange pressen bis sie quietscht und einen ätzenden, grünlichen Sud absondert.
Der kommt in ein gesondertes Schälchen.

Eine mittelgroße Pfanne mit der Karnevalsschminke ausstreichen, dort hinein die Gitarre, die Orchester und die schimmlige „Pop Meets Klassik“-Historie und bei oberster Stufe aufkochen lassen, bis alles zu einem sämigen Brei verschmolzen ist.
Danach leicht abkühlen lassen und mit dem gehackten Duden und dem Lyrik-Anfängerkurs durchmengen.
Den ganzen Teig zu übergroßen, achtminütigen Windbeuteln formen und ab in den Ofen
damit, bis sich die Windbeutel zu überdimensionaler Größe aufblähen.
Danach leicht abkühlen lassen, den finnischen Kräutersud drüber und fertig!

Serviervorschlag: Auf silbernen Teller und mit den Spinnweben garnieren.

Ein Tipp: Sollte nur in ganz kleinen Häppchen genossen werden.

Guten Appetit!


Steve Naghavi von And One

Für unseren Kleinen kommt eigentlich nur eins in Frage, nämlich der

Räuberteller

(Zur Information: Ein Räuberteller ist einfach ein kleinerer Teller mit nichts drauf.
Die Portionen sind in Restaurants immer so groß, dass für den Kleinen ein leerer Teller reicht, auf dem er leckere Sachen von den Portionen der Erwachsenen sozusagen räubern kann.
Das ist keine Erfindung, so etwas gibt es in zahlreichen Restaurants wirklich!)

In diesem Fall kann man sich Vorbereitung und Zubereitung komplett sparen.

Man schleppt den kleinen Steve einfach in ein Restaurant, wo einfach möglichst viel gut abgehangener, gern auch ranziger Depeche Mode, Nitzer Ebb oder DAF angeboten wird.

Hiervon bestellt man zwei gut gemischte Portionen – und der Kleine darf sie sich auf seinen Teller ziehen und zu einem lauwarmen Brei vermanschen, von dem er noch Jahrzehnte zehren kann.

Ronan Harris von VNV Nation

Für den stets gut gelaunten Iren kommt natürlich nur ein Gericht in Frage:

Guinness-Suppe

Zutaten:
5 Kilo zum Future-Pop vermanschte Sequenzer-Tracks
500 Gramm schlecht vergorene Krautrock-Historie mit viel altem Tangerine Dream drin
2 Kilo hochrotes Dauergrinsen
8 Fässer Guinness-Bier.

Zubereitung:
Von den 5 Kilo Sequenzer-Tracks immer soviel abschneiden, wie man gerade für ein Album oder eine Single braucht.

Diese Tracks in einem kleinen Topf frittieren und dann die Krautrock-Historie hinzufügen.

Das alles in ein Fass Guinness geben und dann mit dem Dauergrinsen garnieren.

Serviervorschlag: Im Fass!

Kleiner Tipp: Sofortiger Verzehr ist anzuraten, denn der Sud schmeckt bereits nach ein paar Stunden äußerst schal!


Tanzwut

Für die Könige der elektrisierten Spielleute kommt nur ein Gericht in Frage:

Gefüllter Dudelsack

Zutaten:
600 Gramm Rammstein
600 Gramm deutsches, meist unbekanntes Wald- und Wiesenliedgut, dessen Verfallsdatum schon seit Jahrhunderten abgelaufen ist.
600 Gramm selbstgebaute Instrumente
600 Gramm hochkomplizierte, neuartige Elektronik
und ein gut abgehangener, alter, ranziger Dudelsack.

Zubereitung:
Dudelsack ausnehmen, bis ihm die Luft ausgeht.
Sämtliche Zutaten in handliche Würfel schneiden, dabei bitte darauf acht geben, dass man beim Liedgut sämtliche Metaphorik soweit entfernt, dass es nicht den Geschmack verdirbt.
Diese Würfel dann in den Sack, zubinden und kurz in der Mikrowelle erhitzen.

Serviervorschlag:
Sack aufschneiden und jeder holt sich raus, soviel er möchte.
Da Tanzwut ca. zwei solcher Säcke pro Jahr produzieren, ist eine Übersättigung garantiert!

Eine Zubereitungsalternative wäre es, die 600 Gramm Rammstein und die 600 Gramm Elektronik einfach wegzulassen und dafür mehr mittelalterliches Liedgut reinzupacken.

Schmeckt dann etwas mehr nach Erde und nennt sich „Corvus Corax“


Peter Heppner von Wolfsheim

Tomatensoßen-Spender

Sozusagen der Ketchup-Experte der Szene.
Meint, bei möglichst vielen, vermeintlich unterschiedlichen musikalischen Schnellgerichten stets dabei sein zu müssen, genau wie der rote, in allen Geschmacks- und Verpackungsvariationen erhältliche Tomatenmatsch. Manchmal vordergründig etwas schärfer gewürzt (wie bei seinen unsäglichen Kooperationen mit Umbra Et Imago), manchmal nur fade und lasch (Schiller & Heppner) bis hin zu vollkommen geschmacksfrei (Mil?), aber stets ohne erkennbare Kopfnote - genau wie sein pseudo-kulinarisches und ursprünglich aus einem anderen Land importierte Pendant in der Kopfsteh-Flasche.

Zutaten:
100g Ketchup beliebiger Marke
einen Topf Sülze
1 beliebige Beilage, am besten naturbelassen und Rein(hardt)
1 Gänsefeder

Zubereitung:
Alles auf kleiner Flamme köcheln und - ganz wichtig - auf absolut identischen Tellern servieren.
Anschließend pro Delinquent (Gast) eine Flasche Absinth, die auch von Nöten ist, um wieder auf andere Gedanken zu kommen.

Warnung: Das Ganze liegt genau so schwer im Magen wie der auf Dauer unverdauliche, weil doch immer der gleichen Tonart verhaftete Gesang des Wolfs-Heimleiters.

Ernst Horn von Deine Lakaien und Helium Vola

10-Gänge-Menü

Zutaten:
1 Kilo akademisches Musikstudium
1 Kilo Virtuosität
1 Kilo komisches elektronisches Instrumentarium, das außer ihm nur noch Klaus Schulze bedienen kann.
Einen oder mehrere willfährige Lakaien
Einen Taktstock

Zubereitung:
Die ist leider kaum nachvollziehbar, da Horn seine Rezepturen nur ungern preis gibt und den Zugang zur Küche den anderen Mitköchen gerne verwehrt, da er weiß, dass zu viele von ihnen meist den Brei verderben.
Sei es bei der als Vorspeise gedachten Buchstabenminestrone „Johnny Bumms Wake“, an dessen dadaistischen Sprachbrocken man sich schon gut und gerne verschluckt, sei es der Zwischensnack „Qntal“, die deftigen Hauptgänge „Deine Lakaien“ und „Helium Vola“ oder Nachspeisen wie „Lili Marleen“, in denen gut und gerne schon mal die Reste vom Vortage neu aufgekocht und mit kruder Metaphorik garniert werden.

Serviervorschlag:
Ernst Horn kocht und serviert derart schnell, dass es nicht selten vorkommt, dass das neue Gericht schon auf dem Tisch dampft, noch ehe man den letzten Bissen des vorherigen verdaut hat.
Hier helfen nur noch Doggiepacks.
Gern verziert er seine Gerichte mit anmutigen Sängerinnen, dem Vogelnest von Alexander Veljanov – und in jedem Fall immer mit einem bestimmenden Taktstock!

Und zu guter Letzt:

Ecki Stieg

Kotzbeutel ? la Carte

Zutaten:
500 Gramm Frustration, darüber, dass er selber nie als Musiker erfolgreich wurde.
2 Kilo Gehässigkeit
80 Kilo Wahrheit

Zubereitung:
Alles in einen Topf packen und dem Publikum zum Fraß vorwerfen!

Ich hoffe, Ihr könnt es verdauen!

MAHLZEIT!

P.S. Wer noch weitere Rezeptvorschläge hat – her damit!
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Wir sind gespannt!



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