Boykottiert Live-Konzerte

Datum 11.10.2007 12:00 | Thema: Essay



Das neue Musik-Proletariat oder
Boykottiert Live-Konzerte!


Live-Konzerte als Alternative zum Album?
Ein Ding der Unmöglichkeit!

Eine Lebenshilfe für Musiker und Publikum...
Die Musikmesse Popkomm hat schon viele sonderliche Säue durchs Dorf gejagt, sei es die von Thomas „M.“ Stein vor Jahren propagierte Hochpreispolitik für CDs, da diese ja „genauso viel wert sind wie ein Buch“ – oder sei es das nun ganz überraschend entdeckte Faible für Live-Musik, das nach dem Untergang der CD die scheinbar einzig lukrative Einnahmequelle für eine Industrie geblieben ist, die zwar mit Zeitgeist handelt, aber diesen noch nie geatmet hat.

Bezeichnenderweise verbündet sich die Musikindustrie dabei genau mit den Typen, die 20.000 illegal gedownloadete mp3s auf ihrem Rechner haben, aber wieder vehement nach dem „echten Rocker“ schreien, der, will er unverschämter Weise mit seiner virtuellen „Kunst“ Geld verdienen, doch lieber wieder die Bühne entern solle.

Brote und Spiele, wahre Arbeit, wahrer Lohn – so war das schon immer in diesem Land.
Typisch Deutsch und ein Rückfall ins letzte Jahrhundert.

Die Musikindustrie, von ihrer eigenen verfehlten Politik getrieben und bar jeglicher Alternativen, stimmt in diesen Kanon aus purer Hilflosigkeit mit ein.

Gerade aus deutscher Sicht ist diese Entwicklung nicht erstaunlich, denn sie unterstreicht eine alte deutsche Tugend:
Handwerker müsst ihr sein, am besten in karierten Hemden schwitzen und so aussehen wie Klaus Lage oder Bruce Springsteen!
Seid wieder ehrlich und bürgernah, ihr degenerierten Säue und kommt aus Euren Yachten und Studios heraus!

Eines ist völlig klar: Das Live-Geschäft verdirbt den innovativen Musiker.

Nur noch auf Tournee, keine Zeit zur Einkehr, keine Muße neue Ideen zu entwickeln, degeneriert er zum tumben Troubadour, zum Straßensänger, kehrt zurück zu den simpelsten Strukturen.

Der Weg zurück in die Steinzeit – oder zumindest in die Zeiten, als sich die Beatles im Hollywod Bowl von Teenagermeuten in den kreativen Tod kreischen ließen.

Angesichts dieses Horrorszenarios waren die Fab Four dann auch die erste Band, die genau aus diesem Grund die Kurve gekriegt hat und mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ nicht nur das Genre des Konzept-Albums kreierte, sondern ganz bewusst Musikwelten schuf, die auf der Bühne ohne technische Tricks und Fakes gar nicht zu reproduzieren waren.

Die Geburtsstunde des von der Bühne völlig unabhängigen Popartisten!

Das Studio wurde das Instrument – und dieses Instrument wurde immer mehr verfeinert.

Komme mir keiner mit dem Argument, dass ein Live-Auftritt eine Band künstlerisch fordert, fördert, gar „demokratisch zusammenschweißt“ oder dass sich durch „Jam-Sessions“ und „mucken“ (= hannöversch für „miteinander bekifft selbst verliebten Schweinerock spielen“) gar neue Welten eröffnen…

Die Welt des Musikers ist, wenn richtig begriffen, eine der letzten Monarchien überhaupt – und der König muss sich diese Macht mit niemandem teilen oder sich gar dem Proletariat beugen.

Denke ich an meine Lieblingsalben, sei es „Thursday Afternoon“ von Brian Eno oder „Trans Europa Express“ von Kraftwerk, so kann ich mir sicher sein, dass diese Alben ohne intensive Studioarbeit und Klangforschung nie entstanden wären.
Die Liveauftritte der Protagonisten waren dagegen schon in den 70er Jahren nicht erwähnenswert und haben zu ihrer Entwicklung kaum beigetragen.

Doch der Pöbel will Huren – die Hure, die sich vor dem Publikum zu entblöden hat, umso mehr, je mehr der Pöbel dafür gezahlt hat.

Der Musiker vergisst, dass er sich dem Publikum entziehen muss, um autark zu arbeiten!

Wo bleiben die charakterstarken Auftritte von Musikern wie Jean-Jacques Burnel, Serge Gainsbourg, Bollock Brothers oder Tommi Stumpff, die das Publikum gerechterweise beleidigten oder gar physisch gegen die Ignoranten vor gingen, damit letztendlich einen kreativen Dialog herstellten und den Stolz vor sich selbst bewahrten?

Wo bleiben die Konzerte, in denen Musiker nicht das seit Jahrhunderten ausgelutschte, einseitig beschallende Theater-Szenario end- und einfallslos rekapitulieren, anstatt sich ins Gedächtnis rufen, dass die 5.1-Produktion längst zum Standard gehört?

Gerade unsere technikverliebten EBM- und Synthipopbands gehören aufgrund ihrer grenzlosen Faulheit und Ideenlosigkeit jetzt schon zu den großen Verlieren:

Wer mag sich jahrzehntelang schlecht mimende Keyboarder zum Vollplayback anschauen, abrauschende Festplatten ertragen, die die gesamte Bühne lahm legen, Sänger, die selbst mit einem Fuhrpark von Effektgeräten ihre komplette Unfähigkeit nicht kaschieren können – und vor allen Dingen sämtliche müffelnde Rock’n Roll Klischees bedienen, ohne selbst eigene Duftmarken zu setzen?
Bands wie Pet Shop Boys oder Kraftwerk blieben hier die rühmliche Ausnahme.

Warum nun aber, abgesehen von den bereits genannten Argumenten, Live-Konzerte generell boykottieren?

Weil hier die falschen Zeichen gesetzt werden.

Geschäfte aus der Defensive sind selten eine lohenswerte Angelegenheit.

Abgehalfterte Dinosaurier, die ihre verblödete Klientel für 200 € in die Arenen drängen, bleiben nicht mehr als eine Jukebox, die die Verluste auffängt, die durch den Tonträger-Verkauf eingebüßt wurden, während früher der einzige Antriebsmotor eines Auftritts der war, so viele Groupies wie möglich flach zu legen.

Doch sie wissen um den psychologischen Effekt: Sie „wollen Hände sehen“, und entblöden sich nicht zu suggerieren, es würde sie interessieren, „ob man gut drauf“ wäre. Warum auch? Diese Lüge funktioniert seit Jahrzehnten.

Wenn der Pöbel derart viel Kohle für ein Konzert hingeblättert hat, wird er das alles notgedrungen feiern, auch wenn es noch so enttäuschend war, um sich auf gar keinen Fall gestehen zu müssen, mal wieder herbe beschissen worden zu sein – und um natürlich im Freundeskreis damit zu prahlen, man wäre „dabei gewesen“.


Doch die Schmerzgrenze ist hoch, denn wer braucht ein „Live-Erlebnis“, wenn bereits das Vorspiel einem bundesdeutschen Behördengang gleicht?

Ich will nicht 200 km fahren, will kein Parkticket ziehen, das so teuer wie die Anfahrt ist.
Ich will kein Rauchverbot, ich will kein Bier für 10 €, ich will keinen Eintritt zahlen, der meine Familie einen Monat lang ernähren könnte, ich will keine drangsalierenden faschistoiden Ordner.
Ich will einen klaren Klang, ich will nicht, dass der mir völlig unbekannte, penetrant riechende Typ neben mir bei meinem Lieblingsstück eine Diskussion über die Rettung des Regenwaldes beginnt oder – noch gnadenloser - jeden Song mitsingt.
Kurzum: Ich will keine Menschen und keine gängelnde, diktatorische Bürokratie um mich herum, wenn ich intensiv Musik höre.

Was sich hier misanthropisch anhören mag - und tatsächlich auch ist - bleibt letztendlich eine Liebeserklärung an die Musik.

Das große Argument der Konzertgänger hingegen, das „wieder entdeckte “Gemeinschaftserlebnis“ würde uns endlich vor der digitalen Entfremdung retten, wird unter Garantie alle Nerds und Geeks in die Hallen locken – und ist natürlich eine Lüge all derjenigen, die auch Fußball- und WM-Stadien etwas abgewinnen können.

Dabei gibt es keinen größeren Moment der Einsamkeit, als in den AWD-Arenen dieser Republik vor der Bühne zu stehen.

Doch das ist die gerechte Strafe für die Faulheit und Arroganz, sich kein Album mehr anzuhören – geschweige denn zu wissen, was ein Album, ein erarbeitetes Konzept überhaupt ist – und es dementsprechend auch nicht würdigen zu können.

Es stirbt also nicht nur die Studiokultur.
Mit der Reduzierung und Fokussierung auf den Live-Event als bestimmende, weil noch einzig kommerziell ertragreiche musikalische Kunstform, wird ein neues Musikerproletariat errichtet –schlimmer noch, als es die unselige „Unplugged“-Welle in den 90er Jahren bereits angedeutet hat.
Denn war „Unplugged“ ein stilistischer, wenn auch unsinniger, Protest gegen die vermeintliche Technisierung der Musik – der neue Livekult dagegen unterliegt eindeutig wirtschaftlichen Zwängen.
Und der Moment, in dem der Musiker seine CD bei Konzerten verschenkt, nur damit die Leute überhaupt zu seinen Konzerten kommen (in der EBM-Szene bereits Usus), ist es verkehrte Welt.

Darum mein Rat an alle Musiker:

Schließt Euch ein!
Kommuniziert nicht!
Seid autark!
Zieht die Kraft aus Euch selbst!
Seid stolz und lasst Euch nicht von 5 betrunkenen Zuschauern in miefigen Jugendzentren beleidigen.
Lernt und studiert die Geschichte!
Forscht!
Kreiert Eure eigene Klangwelt!
Hütet Euch vor falschem, billigen Frontapplaus!
Werdet sonderlich – oder das, was die Außenwelt dafür halten mag.
Ab einem gewissen Zeitpunkt wird Euch auch das nicht mehr interessieren!

Dann seid Ihr König!



Dieser Artikel stammt von Grenzwellen
http://www.grenzwellen.de/gw_redaktion

Die URL fr diesen Artikel ist:
http://www.grenzwellen.de/gw_redaktion/article.php?storyid=305