Forma Tadre

Datum 29.01.2008 17:56 | Thema: Interviews



Forma Tadre

Das Projekt Forma Tradre gibt es schon seit mehr als einer Dekade und war bereits in den 90er Jahren Garant für intelligente Elektronik zwischen Post-EBM und grenzenlosen Entdeckertum.
Was kaum niemand zu hoffen wagte:
Forma Tadre sind zurück – mit einem Album, das schon jetzt als eines der Highlights dieses Jahres bezeichnet werden kann: The Music Of Erich Zann
Zeit für ein ausführliches Gespräch mit Andy Meya von Forma Tadre…

Das Portmanteau Forma Tadre (zusammen gesetzt aus den Anfangsbuchstaben der Band Tangerine Dream und ihrem Album „Force Majeure“) lässt zwar auf Geschmack und Geschichtsbewusstsein hinsichtlich deutscher Elektronik schließen, dennoch war das Projekt um Andy Meya seiner Zeit stets weit voraus.

Schon das 96er Album Navigator war ein Hybrid zwischen den damals gängigen EBM-Klängen, der intelligenteren Elektronik im Stil des Skinny Puppy-Ablegers Download oder deutschen Pendants wie Haujobb und großen Visionen.
Ein Album, das schon damals die Vielfältigkeit des Projekts – und auch die vielfachen Richtungsmöglichkeiten dokumentierte.

Andy Meya: „ Ich habe mich nie wirklich an Stilen orientiert.
Das war schon zu Beginn von Forma Tadre kein Gesprächsthema.
Sicher bin ich von vielen Bands beeinflusst worden, aber es gab immer auch andere Komponenten wie z. B. klassische Instrumentierung oder der Sound an sich.
Ich habe oftmals das Bedürfnis, einen ganz bestimmten Klang zu schaffen.
Das ist eigentlich immer der Ausgangspunkt.
Ich habe eine gewisse Vorstellung, welche synesthetische Qualitäten dieser Klang zu haben hat.“

Geht es dabei auch um das akustische Abbild realer visueller Bilder?
Das 98er Album Automate ist ja unter den Eindrücken einer realen Reise nach Paris entstanden…

Andy Meya: „ Das Album ‚Automate’ ist fast ausschließlich unter dem Einfluss dieser Paris-Reise entstanden.
Ich bin dabei zufällig an den Stadtrand geraten und dort gab es einen sehr futuristischen, neu gebauten Park, der in jeden Star Trek-Film hätte passen können.
Dieser Eindruck war so stark, dass ich mir Gedanken machte, wie diese Widersprüche für mich zu vereinen sind.
Dieser futuristische Park auf der einen und die Arbeitswelt darum herum auf der anderen Seite.
’Automate’ hätte auch ebenso gut ‚Human Resources’ heißen können.
Ich hatte mich gefragt, warum dieser Park angelegt wurde.
Als Erholungsgebiet?
Er hatte etwas herrschaftliches, aber auch ganz klare Strukturen und Linien.
Diese Eindrücke zu verarbeiten und sie zu Klängen zu formen ist immer ein langer und langwieriger Prozess.
Ich beginne meist mit Synthesizerklängen, doch damit bin ich selten zufrieden, da sie zu elektronisch und vor allen Dingen zu identifizierbar sind.
So fertige ich Loops oder kurze Sequenzen, die ich sample und im Sampler bearbeite.
Das Schöne ist, dass wenn man Loops im Sampler bearbeitet, sich viele Dinge zufällig ergeben.
Ich mag es, Loops einfach umzudrehen, zur transponieren und somit den Charakter des ganzen Songs komplett zu verändern. So kann es durchaus passieren, dass das, was ich mir als Motiv auserkoren habe, vollkommen verschwindet und das Zufallsprodukt zum Hauptmotiv wird.“

Aber gerade diese „Unfälle“ sind doch eher mit analogem Equipment herbeizuführen, anstatt mit dem Rechner, wo „Unfälle“ doch meist zum totalen Zusammenbruch führen…

Andy Meya: „ Ich kann eigentlich nur das Gegenteil bestätigen.
Gerade mein Sampler – der Ensoniq ASR-10. – stürzt gerne regelmäßig ab.
Bei diesem Gerät kann man über eine Funktion, die nicht im Handbuch dokumentiert ist, den Zufall herbeiführen.
Ich kann z.B. einen unmöglichen Loop programmieren, dessen Ende vor dem Anfang liegt. Und wenn das geschieht, werden alle Samples, die vorhanden sind, in einer völlig willkürlichen Reihenfolge und überlappend abgespielt.
Das nehme ich meist auf DAT auf und bearbeite die Sequenzen, die ich verwenden will.“





Nach den Alben “Navigator” und “Automate” hatte Andy Meya das Projekt Forma Tradre zunächst auf Eis gelegt und arbeitete u.a. mit Daniel Myer von Haujobb an dem Projekt Newt oder produzierte die Band Distorded Reality, deren musikalisches Output und Selbstverständnis sich doch sehr von dem Andy Meyas zu unterscheiden scheint…

Andy Meya: „ Als Produzent arbeite ich mit Künstlern, die ihren eigenen musikalischen Ausdruck haben und versuche, diesen Ausdruck oder das was sie anstreben zu kanalisieren und zu perfektionieren.
Bei Distorted Reality habe ich zu Beginn leider versucht, der Band ein bestimmtes Konzept nahe zu legen, doch damit haben sie sich nicht wohl gefühlt. So blieb es im Laufe der Produktion dabei, das vorhandene Material so zu bearbeiten und zu arrangieren, um das zu erreichen, was der Band vorschwebte.
Newt dagegen war für mich aufregend, weil ich hier mit Daniel Myer zum ersten Mal mit jemandem zusammen gearbeitet habe, der den gleichen Überblick und die gleiche Kenntnis besaß wie ich.“

Nach mehr als 10 Jahren ist nun das lang erwartete neue Forma Tadre-Album The Music Of Erich Zann erschienen – eine musikalische Adaption der gleichnamigen Kurzgeschichte aus dem Jahre 1925 von H.P. Lovecraft.
Andy Meya geht es darum, deutlich zu machen, dass dies der erste Teil instrumentaler Soundtrack-Veröffentlichungen ist, die einem neuen Song-Album von Forma Tadre voraus geht.

Andy Meya: „Ich wollte mit ‚The Music Of Erich Zann’ eine Begrenzungslinie ziehen, zwischen den regulären Forma Tadre-Alben und dem, was auf der so genannten ‚Cut Off’-Serie erscheint, nämlich vorwiegend instrumental geprägte Soundtracks.
Meine Vorliebe zu H.P. Lovecraft existiert schon sehr lange.
Leider ist sein Output nicht sehr groß, da er schon mit 47 Jahren gestorben ist.
Was mir an ihm gefällt, ist, dass mir keine seiner Geschichten je langweilig geworden sind und man sie sehr oft lesen kann und sich ständig neue Aspekte ergeben.
Ich bin mit Lovecraft durch mein Studium für Literatur in Berührung gekommen – und das Erste, was mich an ihm faszinierte war, dass er seine Geschichten sehr rational konzeptionierte.
Zunächst erscheinen seine Geschichten sehr langweilig, weil es dort kaum eine dominierende Aktion oder Handlung gibt wie bei anderen Autoren.
Er gilt ja als Meister des Horror-Genres, hat mit den plakativen Elementen dieser Literaturgattung aber nie gespielt.
Es ist auch nicht verwunderlich, dass seine Schriften, speziell ‚The Music Of Erich Zann’ eine große Anziehungskraft auf Musiker jeglicher Art ausgeübt haben.“




Die Musik des Erich Zann als pdf

Ich habe „The Music Of Erich Zann“ stets als Parabel über die Mystik, nicht zu steuernden subtile Macht der Musik gesehen…

Andy Meya: „Obwohl es die einzige Story von Lovecraft ist, in der die Musik das zentrale Thema ist und die Story dominiert, stand dieser Aspekt für mich erst einmal nicht im Vordergrund.
Mich hat vielmehr die Figur des Erich Zann interessiert, sowie die Beschreibung eines Gebietes innerhalb einer Stadt, das zufällig entdeckt wird.
In dieser Beziehung gibt es auch große Parallelen zu meiner Entdeckung des Parks in Paris auf ‚Automate’.
Die Entdeckung dieses versteckten Ortes hält ein Mysterium bereit, das die Stadt rund herum bereits verloren hat.
So auch die Rue d’Auseil in Lovecrafts Story, angesiedelt im postindustriellen Zeitalter von Boston.
Es geht mir letztendlich um die Atmosphäre und die Tatsache, dass in bestimmten Teilen der Welt noch Gebiete existieren, die die urbane Entwicklung nicht mitgemacht haben, darin stecken geblieben sind und in der noch andere Gesetze herrschen.
Der andere Aspekt ist tatsächlich der, dass die Musik hier als etwas nicht mit Worten greifbares definiert wird.
Und das ist etwas, was ich an Musik generell mag. Man kann gewisse Musik allein durch die Offenlegung kompositorischer Strukturen oder Produktionsweisen nicht erklären.“

Die Faszination der Interpretation von Forma Tadres „The Music Of Erich Zann“ bleibt ebenfalls schwierig, denn selten zuvor ist es gelungen, die Atmosphäre einer Story derart dicht und vielschichtig auszumalen und akustisch zu adaptieren….

Andy Meya: „Im großen und ganzen habe ich mich an die Chronologie der Geschichte gehalten, aber viel wichtiger ist die Atmosphäre; sie ist für mich auch wichtiger als ein Songtext, weil ich ohne Atmosphäre keinen emotionalen Bezug aufbauen kann.
Ein Stück wie Antiquities hat mit der Story an sich wenig zu tun, spiegelt aber das Interieur, das Ambiente, so wie ich es in der Geschichte empfunden habe wider.“

Somit ist „The Music Of Erich Zann“ eines der wirklich seltenen Beispiele für visionäre, stilistisch kaum zu fokussierende, atmende, organische Klangkreationen auf literarischer Basis, ein Soundtrack, der nicht nur ohne Bilder funktioniert, sondern diese tausendfach in unendlicher Farbigkeit projiziert.
Ein zeitloses kleines Meisterwerk – und auch ein Zeichen dafür, dass Andy Meya die temporären Entwicklungen in der „Szene“ bewusst ausgeblendet hat.

Andy Meya: „Ich verfolge die ganze Szene schon lange nicht mehr so intensiv wie früher.
Als 1998 ‚Automate’ heraus kam war das leider eines der letzten Alben des ‚Offbeat’-Labels – und schon damals habe ich den Glauben an die Musikindustrie verloren.
Als dann Phänomene wie ‚Future Pop’ aufkamen, konnte ich mich immer weniger mit dieser Musik identifizieren.
Ich habe mich ganz bewusst sehr wenig mit all dem beschäftigt, um innerlich wieder zu dem zurück zu kehren, aus dem ich selber schöpfen möchte.
Das, was heute an Preset-Industrial-Sounds zu hören ist, lässt darauf schließen, dass auf Klangforschung heute nicht mehr sehr viel Wert gelegt wird.
Ich höre wirklich nicht mehr sehr viel Musik. Das letzte Album von Deine Lakaien und ‚Tour De France-Soundtracks’ von Kraftwerk waren die letzten Album, die mir sehr gut gefallen haben. Das war es dann auch.“

Letzte Worte?

Andy Meya: „Ich möchte ganz gerne Erwin Thom danken. Ich habe ‚The Music Of Erich Zann’ zwar in Eigenregie und so radikal und konsequent wie möglich produziert und es bis zur Fertigstellung auch niemandem vorgestellt, doch Erwin hat mich logistisch unterstützt – und dafür bin ich ihm dankbar.“

Forma Tadre-Homepage





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