!distain

Datum 28.02.2008 16:37 | Thema: Interviews



!distain

Für nicht wenige gilt !distain als eine der kreativsten und erfrischendsten Elektro-Pop Bands der 90er Jahre, die bis heute mehrere erstaunliche Metamorphosen durchlebt hat.
Mit der neuen EP Mandragore feierte sie ein triumphales Comeback.
Das !distain-Duo Alexander Braun und Manfred Thomaser zur Geschichte der Band….


Meinen ersten Kontakt zu !distain hatte ich durch Carl Ehrling, dem damaligen Manager von Deine Lakaien, der mir von einer der „aufregendsten Synthi-Pop-Bands überhaupt“ vorschwärmte, die natürlich auf seinem damaligen Label Chrom veröffentlicht wurde.
Der Mann hatte nicht übertrieben.
Schon die erste Single Confession bestach durch soliden, perfekten Pop und durch eine extrem gelungene und intime Slowmotion-Version des Nirvana-Klassikers „Smells Like Teen Spirit“.

Alexander Braun: „Wir haben damals als Gymnasiastenband angefangen.
Motivation war nicht allein die Musik, wobei die Nähe zu Bands wie Camouflage oder Erasure schon immer größer war als zu Depeche Mode, sondern auch das Lebensgefühl der damaligen Zeit.
Man war ja damals noch sehr unsicher und wusste nicht, wo man im Leben eigentlich hin will – und diese Musik hat mir eine große Sicherheit gegeben und das Gefühl, das Richtige zu tun.
An die Aufnahme von Smells Like Teen Spirit kann ich mich noch sehr gut erinnern.
Unser damaliger Keyboarder und Komponist Sebastian von Wyschetzki war großer Fan von Kurt Corbain. Dessen Tod hat ihn sehr mitgenommen. Das war ein Auslöser – aber zugleich die Herausforderung, ein Stück, das absolut nicht aus unserer Ecke kommt, so zu interpretieren, dass es den größtmöglichen Gegensatz zum Original darstellt.
Das fängt schon damit an, dass man den Text in der Originalversion kaum versteht. In unserer Version verstehst du jedes Wort – wir mussten uns damals sogar ein Notenbuch kaufen, um den Text umsetzen zu können.“







!distain hat mehrere Phasen durchlaufen.
Die erste Phase umfasst die Zeit als Trio, gegründet 1992 und bestehend aus Alexander Braun, Oliver Faig und Sebastian von Wyschetzki.
Diese Formation hielt bis Ende der 90er und produzierte die Alben Cement Garden, li:quid und Homesick Alien.
Vor allen Dingen das Album „li:quid“ gilt für viele immer noch als das Meisterwerk dieser Phase.

Alexander Braun: „Ich gebe Dir recht. ‚li:quid’ war die Perfektion unserer ursprünglichen Intention, nämlich einfach strukturierten, aber stilsicheren Elektro-Pop zu spielen. Davon haben wir uns auf ‚Homesick Alien’ dann leider etwas entfernt und haben dadurch damals auch einige Fans verloren.
Das lag vor allen Dingen an Sebastian, der damals der Hauptkomponist von !distain war. Er war sehr stark daran interessiert, auf den Zeitgeist zu reagieren und modern zu sein. Das war einerseits zwar gut und nötig, auf der anderen Seite ging es soweit, dass er, nur weil eine Band wie Everything But The Girl gerade angesagt war, versuchte, ein Stück in demselben Stil zu komponieren.
Diese Haltung war letztendlich auch ausschlaggebend für den Bruch der ersten Formation.
Wir wussten zum Schluss nicht mehr, wohin die Reise gehen sollte.“



Songs wie Conversation Overkill wurden zu Szene-Hits, doch nach „Homesick Alien“ brach die Band auseinander.

Alexander Braun: „Nach ‚Homesick Alien’ wurde alles auf Eis gelegt. Zu dieser Zeit gab es ja sogar Angebote von großen Plattenfirmen, doch das Album wurde von den Fans nicht unbedingt positiv aufgenommen.
Das hat damals nicht gerade unsere Kreativität gefördert, eigentlich waren wir regelrecht gelähmt.“

Dies führte dann auch zum endgültigen Bruch der Band.
Erst 2002 gab es wieder einen neuen Ansatzpunkt. Alexander traf auf Manfred Thomaser.

Alexander Braun: „Ich habe mit Manfred einfach völlig befreit Musik gemacht, ohne an eine Fortsetzung von !distain zu denken.
Es hat einfach unheimlich viel Spaß gemacht – und schon schnell drängte sich die Frage auf, ob ich das Projekt mit Manfred weiter führe – oder ob es die Band gar nie mehr geben wird.
Ich habe mich dann mit den beiden anderen zusammengesetzt, doch sie hatten keine Lust mehr auf diesen eher traditionellen Elektro-Pop und waren weitaus moderner orientiert.
Die Symbiose mit Manfred dagegen war das, was ich über Jahre vermisst hatte.
Gleich bei der ersten Session entstanden zwei Songs, die dann auch auf dem Album 25 Frames A Second zu hören waren.
Ohne Manfred gäbe es kein !distain mehr. Und mir macht es mehr Spaß als je zuvor.“

Manfred Thomaser war in der Tat eine gute Wahl, denn er setzt genau dort an, wo !distain mit „li:quid“ seinerzeit aufgehört haben.
Vor allen Dingen das aktuelle Album Raise The Level ist trotz aller retrospektiver Haltung ein geschmeidiges, atmendes, mit zahlreichen Perlen besetztes Pop-Album, das durch seine überbordenden, emotionalen Balladen besticht, ohne sich krampfhaft an die Vergangenheit zu klammern…

Manfred Thomaser: „Das neue Album ist für uns sehr schwer zu bewerten.
Ich kann nur sagen, dass wir uns bei den Aufnahmen ungemein frei gefühlt haben.
Wir hatten zu diesem Zeitpunkt kein Label und keine Verpflichtungen.
Wir hatten sehr viel Ruhe – und diese Ruhe ist hörbar. Zudem hat uns die ganze Situation sehr zusammen geschweißt.
Wir komponieren und texten heute sehr viel assoziativer und spontaner, als es bei der ersten Formation der Fall war. Wir beide arbeiten sehr frei und entspannt, mal getrennt, aber auch sehr viel zusammen. Es herrscht viel Freiraum für jeden. Wenn Alexander ein perfektes Instrumental hat, dann kommt von mir kein ‚ich will jetzt auch noch unbedingt etwas dazu beitragen’ – und umgekehrt verhält es sich genau so.
Wir haben kein Egoproblem. Ich denke, das ist das Wesentliche.“

Alexander Braun: „Darum klingt ‚Raise The Level’ auch anders als jedes unserer Vorgängeralben, ohne den Geist der Band zu verfälschen. Dieses befreite Arbeiten hat den Songs und der Interpretation eine große Leichtigkeit verliehen.
Auf 25 Seconds A Frame haben wir definitiv zu viele verschiedene stilistische Elemente versucht unter einen Hut zu bekommen, was einige Leute scheinbar überfordert hat. Damals gab es auch noch definitive Auflagen von unserer Plattenfirma, wie das Album zu klingen hat. Es sollte clubtauglich sein.
Dieser Erwartungsdruck hat dazu geführt, dass das Album stellenweise überladen ist. Wir haben auf viele – auch sehr gute – Ratschläge gehört, doch viele Köche verderben manchmal den Brei.“

Manfred Thomaser: „Ich glaube, !distain ist keine Band, die von einem Image lebt, sondern von dem, was sie macht.
Wir wollten mit ‚Raise The Level’ bewusst wieder etwas simpler werden, uns liegt diese ‚verkopfte’ Musik nicht unbedingt. Bei dieser Lockerheit haben auch traurige und melancholische Balladen einen positiven Appeal.
‚Raise The Level’ ist ein Statement, völlig losgelöst von allem. So gesehen hoffe ich auch, dass der Albumtitel nicht zu vermessen klingt. Wir wollten damit einfach nur sagen, dass wir unseren Ansprüchen nicht nur gerecht werden wollen, sondern diese auch noch erhöhen.“

Das ungewöhnlichste und auch untypische Stück von „Raise The Level“ ist die Single Mandragore – ein Gitarren-Song der eigentlich eher an Brit-Pop oder die mutierten Apoptygma Berzerk gemahnt.

Manfred Thomaser: „Ich komme ja eigentlich von der Gitarre – und als dieser Song in meinem Kopf entstand, war für mich klar, dass er nur mit Gitarre funktioniert.
Ich hatte vor, ihn elektronisch umzusetzen, hatte das Demo aber mit der Gitarre eingespielt und es Alexander vorgestellt.“

Alexander Braun: „Mich hat das Demo ziemlich umgehauen – und auch das Feedback aus allen möglichen Bereichen war extrem positiv.
Genau darum haben wir diesen Song auch als Single ausgewählt.“

Nicht erst seit ihrem Remix-Album REMIXed haben !distain die Zusamenarbeit mit anderen Musikern gesucht – auch auf „Raise The Level“ befinden sich Remixe und Kollaborationen u.a. mit Rotersand oder Sara Noxx.

Alexander Braun: „ Wir sind immer sehr gespannt, was bei den Remixen heraus kommt und ob die Musiker und Remixer mit unseren Songs überhaupt etwas anfangen können.
Wir erteilen selten Auftragsarbeiten; die Musiker müssen schon von sich aus Lust darauf haben.
Sie müssen das Gefühl dafür haben. Und die Artikulation des Gefühls ist für mich überhaupt die Antriebsfeder, Musik zu machen und !distain am Leben zu halten.“

!distain-Homepage






Dieser Artikel stammt von Grenzwellen
http://www.grenzwellen.de/gw_redaktion

Die URL fr diesen Artikel ist:
http://www.grenzwellen.de/gw_redaktion/article.php?storyid=323