Apoptygma Berzerk

Datum 28.01.2002 18:27 | Thema: Interviews

Apoptygma Berzerk



Irgendwie ist er doch ein wenig erwachsen geworden. Stephan Grothesk, der sich heute wieder Stephan Groth nennt, ist ohne Zweifel eine der polarisierendsten Figuren der europäischen New Wave- und Electro-Szene.

Mit seinem Projekt Apoptygma Berzerk gelang dem Norweger das, was viele seiner Kollegen nicht geschafft haben: Trotz Negierung zahlreicher Genredoktrinen produzierte er Hit auf Hit: "Non Stop Violence", "Bitch", "Mourn" und nicht zuletzt das 96er Album "7" wurden zu Klassikern und sind heute von den Tanzböden der Szene-Discos kaum mehr wegzudenken.

Irritationen hingegen hinterließ das 2000er Werk "Welcome To Earth": Trotz kompatibler Hits wie "Eclipse" oder "Kathy's Song" verzieh das konservative EBM- und Wavepublikum sein Liebäugeln mit stringenten Techno-Beats und einer deutlich minimalistischeren Klangästhetik nur zögernd, zudem wurden Apoptygma Berzerk, zusammen mit VNV Nation oder Covenant zu den Ikonen des Weiber-Electro ausgerufen...

Doch wer hoffte, "Welcome To Earth" sei nur ein abseitiges, einmaliges Experiment gewesen, wird nun eines Besseren belehrt: Das neue Album "Harmonizer" steht ganz in der Tradition des Vorgängers und geht sogar noch einen gewaltigen Schritt weiter...




Stephan Groth scheint sich nicht besonders wohl zu fühlen, als ich ihn im Headquarter seiner neuen Plattenfirma WEA zwischen den Gold- und Platinplatten seiner Labelkollegen wie R.E.M., Madonna oder Phil Collins aufsuche.
Während der Fotosession sucht er verzweifelt nach einem vergoldeten Aha-Album, vor das er sich platzieren kann, findet aber leider nur eine goldene Single seiner Landleute...

Zum ersten Mal liegt ein nicht unerheblicher, kommerzieller Erfolgsdruck auf ihm - und Stephan Groth weiß, dass auch das neue Album selbst die Fans irritieren wird, die sich mit "Welcome To Earth" in den letzten zwei Jahren angefreundet haben: Auch auf "Harmonizer" fehlen die eklektischen Samplekünste der frühen Tage, zudem hat sich Groth noch mehr in Technogefilde begeben....



Stephan Groth: "Ich verstehe die Leute, die mit 'Welcome To Earth' Schwierigkeiten haben und das Album als einen Bruch sehen. Für mich ist es eine natürliche Entwicklung. Ich werde älter und die ganze Musikszene hat sich in den letzten Jahren unglaublich verändert. Ich habe mit dem massiven Sampling aufgehört, weil jeder Musiker irgendwann einmal seinen eigenen, unverwechselbaren Sound finden möchte. Die ersten beiden Alben "Soli Deo Gloria' und '7' waren eher reflektierend. Ich habe mich umgeschaut, verschiedene Dinge aufgesogen und verarbeitet, war noch stark von Bands wie Front 242 oder gar Nitzer Ebb beeinflusst. Doch irgendwann reicht das nicht mehr. Mit 'Welcome To Earth' habe ich zum ersten Mal ein Album produziert, das ohne diese direkten Einflüsse auskam und ein eigenes Gesicht besaß. Und du hast recht, 'Harmonizer`' ist eine direkte Fortsetzung - auch deshalb, weil die Zeitspanne zwischen dem neuen und dem letzten Album nicht sehr groß ist."





Hatte die konservative EBM-Fraktion schon mit "Welcome To Earth" ihre Probleme, wird sie mit "Harmonizer" zweifelsfrei hoffnungslos überfordert sein: Nach den sehr poppigen, kompakten Songs wie "Suffer In Silence" oder der Single "Until The End Of The World" geht es ab der Mitte des Albums ans Eingemachte: "OK Amp - Let Me Out" ist ein 10minütiger, repetiver Techno-Track, der etwas an die Underworld der mittleren Phase gemahnt, "Detroit Tickets" ist ein behäbig groovender Teppich, bestickt mit obskuren Sprachsamples, die man Apoptygma Berzerk in dieser Konsequenz bislang nicht zugetraut hätte...

Stephan Groth: "Ich bin mir des Risikos sehr wohl bewusst. Doch schon mit '7' haben wir einiges gewagt. Viele Leute aus der Szene hatten uns damals gewarnt, dieses Album herauszubringen, waren der Meinung, dass die Szene für einen Song wie 'Non Stop Violence' noch nicht bereit wäre. Und die ersten Verrisse schienen diesen Bedenkenträgern recht zu geben. Dennoch ist das Album heute ein Klassiker. Dasselbe ist auch mit 'Welcome To Earth' passiert. Unsere Alben brauchen länger, um sich festzusetzen. Und das ist auch gut so. Mit all meine Lieblingsalben, wie z.B. 'Ultra' von Depeche Mode, konnte ich beim ersten Hören nichts anfangen. Sie wuchsen erst mit der Zeit, waren dann aber aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Darum ist es kein Problem, wenn das Album beim ersten oder zweiten Hören fremd und unbehaglich klingt...
Zudem hasse ich Gleichförmigkeit. Schon immer habe ich versucht, verschiedene Stile auf meinen Alben unterzubringen, sie sollten klingen wie eine Achterbahnfahrt. Zu viele Alben klingen wie ein einziger langer Song - und das langweilt mich.
Nach wie vor stehen bei mir die Songs eindeutig im Vordergrund, ich bin aber ebenso fasziniert von groovenden Tracks. Manchmal versuche ich diese beiden Elemente zu kombinieren, manchmal trenne ich sie sehr bewusst.
Ich bin wie immer skeptisch, wie das neue Album aufgenommen wird. Doch ich denke, dass die Fans, die auch die letzten Schritte nachvollziehen konnten, sich mit 'Harmonizer' anfreunden werden. Es ist ein Album, das wachsen muss - und mit dem Du wachsen kannst. "

Und es ist ein Album, das auch neue Fankreise erschließen könnte. Die Klänge auf "Harmonizer" sind nicht wirklich neu, sondern dürften Kenner der Techno- und Trance-Szene heute schon fast an gute, alte Zeiten erinnern...

Stephan Groth: "Paradoxerweise profitiere ich ungemein vom Siechtum der Technoszene. Diese ganzen Leute, die vor einigen Jahren zu diesen Klängen getanzt haben, und von den ewig gleichen Schemata und Instrumentals gelangweilt sind, wollen mehr, wollen etwas Neues - wollen Songs! Gute Melodien und Gesang waren in der Techno-Szene ja schon immer Mangelware - und genau hier setze ich an. Ich bin nach wie vor ein Freund guter Popmusik. Und die wird man immer von mir bekommen."

Womit der Mann recht hat: "Suffer In Silence", "Unicorn" oder das stark an Erasure gemahnende "Something I Should Know" sind handwerklich perfekt inszenierte Popsongs, die im krassen Gegensatz zu den variationsarmen, radikalen Technotracks steht.





Der mutige Einsatz der groovenden Elemente auf "Harmonizer" dürfte auch mit der Tatsache zu tun haben, dass das Album mit dem HipHop-Produzenten Alon Cohen (u.a. verantwortlich für die Musik von Ice-T) in New York produziert wurde....

Stephan Groth: "Vor allen Dingen 'Ok Amp - Let Me Out' ist von dieser Stadt beeinflusst. Ich wollte einen sehr monotonen, dunklen Trance-Track a la Faithless produzieren - und dieses Stück spiegelt mein Gefühl wider, das ich in den Clubs in Manhattan hatte...
Doch der Rest der Stücke entstand in Norwegen.
Wir haben Alon Cohen gewählt, weil ich endlich einmal eine wirklich ausgefeilte Produktion haben wollte, an der nichts fehlt. Du kannst der WEA keine Platte mit einem unprofessionellen Sound vorlegen..."

In wieweit hatte Alon Cohen Einfluss auf den Sound?

Stephan Groth: "Gar keinen. Normalerweise suchst Du Dir einen Produzenten, damit er den Sound verändert und seine Ideen einbringt. Wir wollten aber nur, dass er unserer Sound technisch optimiert. Vor allem beim Drum-Programming war er sehr hilfreich."

Könnte sich Groth vorstellen, irgendwann mit einem externen Produzenten zu arbeiten, der auch Kontrolle über Sound und Konzept ausübt?

Stephan Groth: "Nein, nicht wirklich. Warum auch?"

Weil er seine Stücke mit teilweise ansehnlichen Ergebnissen auch in die Hände von illustren Remixern legt. Der VNV-Nation-Mix von "Kathy's Song" z.B. ist weitaus populärer als das Original....

Stephan Groth: "Das ist richtig. Die meisten Remixe sind für mich eine große Überraschung - und zugleich ärgere ich mich, dass ich auf gewisse Sounds und Ideen nicht selbst gekommen bin. Doch dieser Austausch ist ungemein inspirierend, gerade weil der eigene Horizont immer wieder erweitert wird. Das Remixen ersetzt für mich auch den inspirierenden Austausch, den man sonst in einer normalen Band hat. Viele der heutigen Elektro-Bands sind letztendlich Ein-Mann-Projekte - und da ist der direkte Austausch ja leider etwas limitiert. Das Remixen ist dafür ein guter Ausgleich...!"

Groth selbst ist als Remixer ebenfalls sehr begehrt. Wie geht er vor, wenn er ein Stück bearbeitet? Gibt es ein bestimmtes Formular?

Stephan Groth: "In erster Linie möchte ich, dass sich der Song so anhört, als wäre er von mir. Ich nehme meist nur einige Teile des Originals und reichere sie mit meinen Elementen und Ideen an. Meist versuche ich, den Song durch zusätzliche Gesangs- und Harmoniespuren noch harmonischer und einprägsamer zu gestalten."





Zusammen mit VNV Nation und Covernant bilden Apoptygma Berzerk die Speerspitze dessen, was Liebhaber wenig ideenreich als "Future Pop" bezeichnen, von Kritikern hingegen als "Weiber-Electro" abgetan wird.

Die Parallelen zwischen den drei, sich beruflich und privat intensiv austauschenden Bands sind offensichtlich: Sie alle haben dem konventionellen EBM schon lange abgeschworen, sich auf wenige, prägnante und mehr oder weniger kunstvoll arrangierte Sounds beschränkt und ihrer Musik eine Gradlinigkeit und Tanzbarkeit gegeben, ästhetisch durchaus kompatibel mit anderen Szenen, wie z.B. Techno...

Apoptygma Berzerk ist in diesem Kreis sicherlich die risikofreudigste Formation, die sich musikalisch zudem am stärksten von der so genannten "Szene" entfernt hat. Sieht sich Groth dennoch als Teil von ihr - oder ist er mittlerweile ein Einzelkämpfer?

Stephan Groth: "Beides. Ich bin immer noch Teil dieser Szene und werde es immer sein, denn dort sind schließlich meine Wurzeln. Ich gebe Dir auch recht, wenn Du uns mit VNV Nation oder Covenant vergleichst, ich denke alle drei Bands verfolgen den selben Weg. Dennoch gibt es Unterschiede. VNV Nation z.B. werden zusehends minimalistischer, Apoptygma Berzerk hingegen sind das überhaupt nicht. Auch wenn wir heute kaum mehr fremde Samples benutzen, ist unsere Musik recht kompliziert und vielschichtig.
Mein Ziel ist es, in einer Szene eingebettet, dennoch völlig unverwechselbar zu sein. Wie Depeche Mode z.B. Sie sind entstammen zwar dem Synthie-Pop, doch sie sind ebenso ein unverwechselbares Markenzeichen."

Wie würde Groth sein Markenzeichen auf einen kurzen Nenner bringen?

Stephan Groth: "Good melodies, good beats! Alles andere ändert sich ständig...!







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