Rosenfels

Datum 28.01.2002 18:37 | Thema: Interviews

Rosenfels



Wozu die Dinge verkomplizieren, wenn es auch einfach und direkt gesagt werden kann?

Dieser Grundsatz, der im Alltag und im zwischenmenschlichen Umgehen eine Selbstverständlichkeit ist, bleibt in Literatur, Medien und Kunst von wertegläubigen Kritikern verpönt - und dies meist zurecht!

Die Scheu, Bilder, Metaphern und Meta-Ebenen zu benutzen, hat häufig wenig mit einer stringenten und unmittelbaren künstlerischen Haltung, sondern vielmehr mit Dummheit, Faulheit und tumber Banalität zu tun.

Doch ähnlich wie in der Malerei gibt es einen hehren Unterschied zwischen tiefer, direkt vermittelbarer, einem gefestigten humanistischen Bild entsprechender, im positiven Sinne naiven Stilistik und schablonenhafter, billiger Technik.

Hier die Spreu vom Weizen zu trennen, gelingt nicht immer auf den ersten Blick, doch es gibt eine sehr einfache Methode, gerecht zu selektieren: Öffne Dein Herz - und Du wirst den Unterschied zwischen kindischer Attitüde und warmer, zugewandter Kindlichkeit sehr schnell feststellen.




Trotz ihrer nun schon lange andauernden Karriere haben sich Sven Brandes und Michael Röhl diese Kindlichkeit bewahrt; im Falle von Sven Brandes (in früheren Zeiten Frontmann der Rockband Shifty Sheriffs) ist man gar versucht zu sagen, er habe sie wieder entdeckt, was nicht ganz stimmt, da er sie künstlerisch nur noch weit mehr zulässt, als früher.

Bereits die erste Begegnung mit diesen warmherzigen Duo war ein Aha-Erlebnis, ihr Album "Trespiano" eines der Highlights des Jahres 2000.

Die Konsequenz, mit der sich die beiden Musiker ausschließlich für das Format der Ballade entschieden haben, entbehrt jeglicher gewollten Radikalität.

Sie können nicht anders.

Und das hat - wir sind beim Thema! - natürlich mit dem Zusammenspiel, der Chemie der beiden zu tun.

Um bei dem Bild des naiven Malers und seiner Kunst zu bleiben: Fernab jeglicher Theorie, Schulen und Traditionen versucht er die Dinge mit seinem einfachen, aber tiefen Blick abzubilden.
Sein Weltbild ist nicht erlernt, sondern direkt gelebt, gefühlt und ebenso veräußert.
Es ist eine höchst individuelle Kunstform, die nicht kopiert werden kann - und jeder intellektuelle, hochgeistige Versuch, dies zu tun, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.
Der naive Künstler nähert sich nicht akademisch, sondern im positiven Sinne respektlos und voller Neugier den Subjekten seinen künstlerischen Begierden.
Und trotz der Simplizität seiner Bilder sind sie ein unverwechselbarer Spiegel seines Seins.

Was in der Malerei, in der es nur wenig Austausch oder gar Liaisons mit Gleichgesinnten gibt, einfach scheint, ist in der musikalischen Zusammenarbeit in der Regel ein unüberwindbares Problem.

Gerade, wenn man man um den Ausdruck elementarster Emotionen bemüht ist, bedarf es eines geradezu telepathischen Zusammenspiels, eines nicht definierten Geheimbundes, einer perfekten Chemie, um Tiefe statt Banalität zu erzeugen, um ehrlich zu sein, ohne diese Ehrlichkeit ständig verbalisieren zu müssen.

Bei Rosenfels ist die Formel "SB? + MR? = Emotion und Ehrlichkeit" einmal mehr aufgegangen.

So ist der Titel ihres neuen Albums trotz des Bruchs mit der kurzen Tradition, die Alben nach Orten zu benennen, für den Betrachter und Hörer ersichtlich: "Handbuch der allgemeinen Chemie" ist in der Tat ein verführerischer Wissensband, der gerade Akademikern hilft, die Welt aus der unvoreingenommenen Sicht eines großen Kindes zu sehen...



Sven Brandes: "Für die Leute, die mit dieser Platte arbeiten und sie verkaufen müssen, ist dieser Titel natürlich eine Katastrophe. Und als ich bei unseren letzten Konzerten den Titel des neuen Albums nannte, war das ein großer Lacher, denn niemand hat das ernst genommen oder geglaubt. Doch gerade diese Diskrepanz gefällt mir und ich denke, nach einer Zeit bekommt dieser Titel ganz einfach eine Selbstverständlichkeit."

Doch gerade weil mit dem Titel eine eventuelle Erwartungshaltung erst einmal zerstört wird, ist der Aha-Effekt umso größer. Und spätestens nachdem die Band Orchestral Manoevres In The Dark bereits in den frühen 80er Jahren ein warmes Synthi-Popalbum mit "Architektur und Moral" betitelt hat, dürfte eigentlich alles erlaubt sein...

Sven Brandes: "Natürlich hat jeder wieder ein Album mit Ortsnamen erwartet - und ich habe auch zahlreiche Atlanten durchgewühlt, aber nichts schien wirklich zu passen.
Vor allem die englischen Namen sind alle schon so vorbelastet, viel zu bedeutungsschwanger. Da gefiel uns diese Absurdität weitaus besser."

Und statt das Album etwa "Braunschweig-Watenbüttel" oder gar ""Schmalenbruch" zu betiteln, war "Handbuch der allgemeinen Chemie" - eine verstaubte Schwarte, die Sven Brandes bei der Fotosession für das damals noch unbetitelte Album entdeckte und dessen Titel ihn sofort ansprang - die bessere, geradezu perfekte Wahl.

Doch nicht nur der Titel ist eine Überraschung.

Obwohl oberflächlich keine elementare Entwicklung zwischen "Trespiano" und dem neuen Werk auszumachen ist, gibt es sie.

Gerade für den auf Innovationen hoffenden Fan könnte "Handbuch der allgemeinen Chemie" zunächst unspektakulär erscheinen, vielleicht sogar zunächst ein wenig enttäuschen: Der Stil ist definiert, aber weit davon entfernt, statisch und ohne Spielraum zu sein. Doch die Innovationen offenbaren sich erst nach und nach.
Schienen die zu den ursprünglich fast nackten Pianoklängen und Gesängen hinzugefügten Streicher-Arrangements und Instrumente auf "Trespiano" noch nicht ganz perfekt mit der Chemie des Duos zu hermonieren, so ist die Verschmelzung und Symbiose auf "Handbuch der allgemeinen Chemie" perfekt: Gerade die Tatsache, dass der teilweise massive Einsatz von Gitarren erst nach intensiven Studium wahrnehmbar ist, beweist, dass die Band ein homogenes Klangbild fernab jeglicher virtuoser Egomanie geschaffen hat. Es geht hier also um Feinheiten, um marginale Veränderungen....

Sven Brandes: "Das mag auch daran liegen, dass wir diesmal noch autonomer gearbeitet haben. Wir haben es nicht nur selbst produziert, sondern auch selbst gemischt, nur das Mastering haben wir in fremde Hände gegeben. Zudem hat sich Tom Lachemund, der uns auch schon auf der 'Trespiano' bei den Keyboards und der Programmierung unterstützt hat, noch mehr eingebracht, deutlich bemerkbar gemacht."





Eine weitere, auffällige Veränderung ist der Gesang von Sven Brandes.
Für sein stark deutsch-akzentuiertes, einfaches Englisch ist er in der Vergangenheit zu Unrecht oft gescholten worden (geht es doch Hand in Hand mit der "naiven" Attitüde der Band), so dass er nicht nur sein Englisch perfektioniert hat, sondern nicht zuletzt durch die zahllosen Liveauftritte perfekter geworden ist, ohne auch nur einen Deut Emotionalität einzubüßen. Im Gegenteil....

Sven Brandes: "Fast alle Stücke kommen ohne Hall aus. Teilweise ist der Gesang ganz trocken und sehr weit vorne. Und es fehlt das Pathos der Vergangenheit. Dadurch sind einige Stücke, wie 'Love Song' oder 'Snowflake' z.B., so privat und so persönlich geraten, als würde ich jemanden eine sehr intime Geschichte erzählen."

Zudem ist Sven Brandes dazu übergegangen, den Großteil der Texte selbst zu schreiben (auf dem Debüt "Schandelah" und "Trespiano" wurde dieser Job noch überwiegend von Katrin Teschner besorgt....!)

Sven Brandes: "Ich habe mich in den letzten Jahren sehr intensiv mit Songtexten beschäftigt, bis hin zu Johnny Cash. Für mich war das eine sehr spannende Erfahrung. Vor allem die Beatles sind mir da wieder aufgefallen. Ihre Stärke waren sehr, sehr einfache Texte und Formen. Doch diese Simplizität war einfach perfekt. Parallel dazu habe ich versucht, mein English aufzumöbeln."

Dabei flanieren Rosenfels nach wie vor durchaus im Grenzbereich.
Gerade der Opener "Love Song" mutet in seiner textlichen und musikalischen Simplizität fast wie ein Schlager an, zudem er alle lyrischen Komponenten und Klischees enthält, die dieses Genre verlangt. Doch dass dieser Song trotz - oder gerade wegen dieser Ingredienzien nicht in Kitsch, falsche Harmonie oder Beliebigkeit umkippt, führt die positive, naive Chemie der Band einmal mehr vor Augen...

Sven Brandes: "Als unser Gitarrist Claus Hartisch den ersten Song zum ersten Mal hörte, war er der Meinung, dass nach dem ersten Refrain ein großes Gitarrensolo angebracht wäre. Aber genau das wollten wir nicht! Wir wollten, dass die Gitarre harmonisch im Hintergrund plänkelt. Alles andere hätte das harmonische Bild zerstört, das ich hatte, nämlich eine intime, sehr entspannte Situation zwischen zwei Menschen, in der der eine dem anderen seine Geschichte erzählt. Es ist auch eine Form des Understatements, wir halten manche Dinge bewusst klein - oder wie es im Lied heißt: 'This is just another Lovesong'. Mehr aber auch nicht weniger ist es! Es ist nichts, was die Welt bedeutet oder sie gar verändert, doch ich mache schon deutlich, dass es mir persönlich ganz einfach wichtig ist, diese Geschichte zu erzählen. Darüber hinaus ist es mein erstes Liebeslied, das auch noch so heißt...!"





Bedauerlicherweise eilt Rosenfels immer noch der Ruf, des ewig melancholischen, traurigen oder gar düsteren Künstlers voraus.
Darauf, dass dies vornehmlich mit den immer mehr verflachenden Hör- und Erlebniswelten meiner Medien-Kollegen zu den hat, die eine Ballade per se als dunkel und morbid definieren, möchte ich eigentlich gar nicht mehr eingehen.
Doch wer den Hoffnungsschimmer auch in vordergründig desolaten Songs wie "Elephant Waltz" oder "Snowflake" nicht erspürt, sollte seine Gefühlswelt einer genaueren Analyse unterziehen.
Sicher, Rosenfels reflektieren, manchmal voller Schmerz.
Doch nur wer die wahre Lebensfreude kennt, kann auch den Schmerz intensiv empfinden, mitunter sogar Kraft daraus schöpfen.
Hat er diese Lebensfreude und Liebe nie kennen gelernt, bleibt auch der Schmerz nur ein taubes, undefinierbares Pochen...

Michal Röhl: "Eigentlich sind wir das, was Du schon erwähntest. Wir sind sehr kindlich. Bei den Konzerten erzählt Sven zwischen den Stücken ja auch viele Geschichten seiner Kindheit. Und das hat nun gar keine Schwere oder gar Intellektualität. Darum funktionieren wir auch bei Live-Auftritten am besten, weil hier die Leute sehr direkt merken, wie zugänglich wir eigentlich sind. Wir erzählen einfache Geschichten, in denen sich jeder wieder erkennt."

Zudem haben Balladen eine weitaus längere Haltwertzeit als der gemeine Up-Tempo-Popsong....

Sven Brandes: "Wir haben mit 'Waiting For The Daylight' diesmal im Vorfeld ja sogar versucht, auch mal eine Radiosingle zu machen, bzw. zu promoten - ganz einfach, um unseren Hörerkreis etwas zu erweitern. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Der allgemeine Tenor war: 'Zu düster'. Unser Promofirma hat uns schon extra ermahnt, mal ein etwas flotteres Stück zumachen, wo wir wieder einmal gemerkt haben, dass es schneller für uns einfach nicht geht. Manchmal konzipieren wir sogar Stücke mit 120 bpm, doch halbieren die Beatzahl zum Schluss doch wieder, weil es einfacher stimmiger ist. Auf der anderen Seite gab es auf 'Waiting For The Daylight' auch negative Kommentare unserer Fans, denen das einfach zu poppig war."






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