Veljanov

Datum 15.05.2001 10:10 | Thema: Interviews

Veljanov



Eigentlich hat er es nie gewollt:

Als er mit seinem Freund und Kollegen Ernst Horn in den 80er Jahren das Duo Deine Lakaien gründete, konnte er nicht ahnen, dass er zwei Jahrzehnte später die Gothic-Ikone der deutschen Szene sein würde. Doch ebenso wie sein vergleichbares australisches Pendant Nick Cave ging es ihm nie um vordergründigen modischen Schnickschnack, Trends oder gar Ruhm:
Dass Deine Lakaien mit unzähligen Live-Auftritten und fantastischen Alben wie ?Dark Star? oder zuletzt ?Kasmodiah? zu einer Supergroup mutierten, war nicht vorauszusehen.
Ebenso wenig, dass dem gebürtigen Mazedonier das stilistische Konzept des Duos irgendwann zu eng werden würde ? ganz einfach, weil es von vornherein nie als das alleinig seligmachende geplant war.




Bis zum ersten Befreiungsschlag hat es dennoch lange gedauert. Obwohl Alexander Veljanov aufgrund seiner vokalistischen Qualitäten gerngesehener Gast bei diversen Bands und Projekten war, dauerte es recht lange, bevor Veljanov zum endgültigen Befreiungsschlag ausholte: ?The Secret Of The Silver Tongue?, so der Titel seines 98er Debuts, war ein raues, ungeschliffenes Gitarrenalbum, dem die Schwere, das Pathos und die vordergründige Melancholie der Lakaien bewusst und unbewusst fehlte.

Aufgenommen mit dem Produzenten Dave Young, der auch schon Veljanovs Idole Nico oder John Cale betreute, konnte sich Veljanov hier erstmals als Komponist und Texter austoben ? und stieß damit einigen klischeeverliebten Fans vor den Kopf.

Etwas anders dagegen das neue Album ?The Sweet Life?. Es ist nicht nur weitaus geschlossener und homogener, nein, Veljanov greift auch wieder geniert auf die Qualitäten zurück, die auch Deine Lakaien auszeichnen: ?The Sweet Life? ist wesentlich wärmer, fließender und intimer als das Debüt, Die Musiker, mit denen er zahlreiche Konzerte absolviert hat, sind unüberhörbar zu einer Band zusammengewachsen....

Alexander Veljanov: ?Wir sind mittlerweile richtig gute Freunde geworden. Vor allem mit Dave Young verbindet mich vieles. Er sagt mir immer, dass ich ganz anders bin als die anderen deutschen Sänger, mit denen er zusammenarbeitet. Für mich war auch dieses Album eine Befreiung. Fast 16 Monate war ich nur mit Deine Lakaien beschäftigt. Erst die Produktion des Albums, dann die vielen Konzerte. Dazu der ganze Medienrummel durch den Charterfolg. Von daher war die Produktion des neuen Albums in London ein Aufatmen. ?Fly Away? und ?Seraphim? waren die ersten Songs, die wir fertig hatten. Und vor allem bei ?Seraphim? habe ich das Gefühl gehabt, dass dieses Album gut werden würde. Wir haben darüber hinaus sehr viel ausprobiert, neue Richtungen verfolgt, von denen wir nicht sicher waren, ob wir das überhaupt machen können.?

Interessant, dass sich Veljanov immer noch als ?deutscher? Sänger definiert. Er ist eigentlich Mazedonier und hat von Timbre, Songwriting und Haltung kaum etwas mit seinen Kollegen gemein...

Alexander Veljanov: ?Nun ja, ich arbeite und veröffentliche in Deutschland. Aber Du hast recht. Vielleicht ist das ein Fehler. Vielleicht hätte ich mit ?The Sweet Life? gar nicht in Deutschland anfangen sollen, vielleicht hätte ich ganz weg gehen sollen. Kein Mensch wird sagen, dass dies eine deutsche Produktion ist. Kein Mensch auf der Welt!?

Gott sei Dank! ?The Sweet Life? ist wesentlich ?internationaler?, aber auch gelockerter, aufgeräumter und trotz der Vielfältigkeit strukturierter als der Vorgänger. Und trotz der Spielereien ist es der Mentalität der Lakaien näher, als das Debüt. War das erste Album schwarz/weiß, so ist ?The Sweet Life? technicolor mit dunklen Farben....

Alexander Veljanov: ?Beim ersten Album sind die Songs über gewisse Perioden entstanden und wir mussten uns erst kennen lernen. Außerdem wollte ich nicht, dass sich die Leute fragen, warum der Lakaien-Sänger ein Album aufnimmt, dass genauso klingt wie die Band, aus der er kommt. Darum war es ein Dogma, keine elektronischen Instrumente zu benutzen. Auf dem neuen Album war mir das egal. David Young hat zwar nie intensiv mit elektronischen Instrumenten gearbeitet aber wollte es natürlich auch vermeiden, wie Deine Lakaien zu klingen. Es war alles sehr offen.?





Heraus gekommen ist dabei ein Werk, dass das Etikett ?Melancholisch und tapfer mit einem ironischen Augenzwinkern? in mehrfacher Hinsicht verdient...!

Alexander Veljanov: ?Das fängt ja schon beim Cover an! Das ist extrem ?gothic? und wird wahrscheinlich genauso missverstanden werden, wie z.B. ?Lass mich? von Deine Lakaien. Zudem hat der Fotograph die Stimmung des Albums exakt so empfunden, wie er mich da abgelichtet hat. Und so gesehen macht es auch wieder Sinn. Ich bin doch eh stigmatisiert! Sieh mal, es ist doch so, dass ich musikalisch so vielseitig sein kann, wie ich will. Ich kann alles machen. Ich kann im gelben Hemd auf der Bühne stehen ? und es wird immer Leute geben, die sagen: ?das ist Veljanov, der alte Gothic-Vampir!? Und aus dieser Situation mache ich derzeit das Beste! Auch wenn es wahrscheinlich wieder gegen mich verwendet wird. Manche Reaktionen sind schon extrem krank. So haben sich viele Fans darüber ausgeregt, dass das letzte Lakaien-Album in der Farbe gelb gehalten war! Wo, bitteschön, hört das auf? Wie kann eine Farbe des Albumcovers ein Kriterium sein, etwas abzulehnen??!! ?

Neben den überaus runden und gelungenen eigenen Songs wie dem Titelstück, ?Seraphim? und allen voran dem übergroßen ?Chains Of Steel? sind auf ?The Sweet Life? auch drei Coverversionen zu finden. Zum einen ?Black Girl?, ein Sklavenlied aus den 30er Jahren, ?In My Room,?, ein desolater Abschiedssong, der vor allem von Veljanovs Idol Scott Walker bekannt wurde ? und ?Das Lied vom einsamen Mädchen? ? ein Song aus den 50er Jahren, das zuletzt von der früheren Velvet Underground-Chanteuse Nico zum Leben erweckt wurde....

Alexander Veljanov: ?Es sind alles drei Songs mit sehr viel Pathos und Gefühl. In anderen Ländern, vor allem im mediterranen Raum ist das kein Problem, nur hier in Deutschland muss man sich für alles, was mit großen Gefühlen zu tun hat, ständig rechtfertigen. Ich stehe zu diesen Songs. Und ich begegne ihnen mit großen Respekt. Vor allem ?Das Lied vom einsamen Mädchen? war mir wichtig. Obwohl der Song nicht von ihr selbst geschrieben ist, ist es eine Hommage an Nico, denn sie hat ihn gesungen ? und wurde auch von Dave Young produziert. Nico war die Gothic-Königin schlechthin. Dennoch gibt es kaum jemanden aus dieser Szene, der diese Sängerin kennt. Und die Ur-Queen of Gothic ist eben nicht Siouxsie, sondern Nico! Und gerade, weil David genau diesen Song mit ihr produziert hat, wollte ich ihn auch aufnehmen! Als ich den Song dann sang, fragte ich mich ein paar Mal, was ich da eigentlich mache .Immerhin wurde der Song auch mal von Hildegard Knef interpretiert...! Und für alle, die mich nicht mögen, ist der Song ein gefundenes Fressen. Ich bin dennoch sehr glücklich damit, denn er klingt eben nicht wie Nico. Und alle Leute, z.B. von meiner Plattenfirma, von denen ich gedacht hätte, sie würden mich dafür steinigen, meinten, es wäre der beste Song des Albums und würde ihnen eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken jagen.?

Gänsehaut und Überraschungen bieten auch Veljanovs eigene Kompositionen. Das unerreichte Highlight des Albums ist ?Chains Of Steel? ? eine im besten Sinne pathetische, große Ballade, die klingt, als wäre der Mazedonier mit der Beach Boys und Ennio Morricone im Studio gewesen: Ein übergroßes Stück essentiellem Kitsches, vielleicht das Beste, was er bis dato produziert hat. Hier passt alles zusammen: Die große Geste, das Pathos, dennoch getragen durch einen unschlagbaren Song, dieser einmalige Stimme und einer sensiblen, geschickt zitierenden Produktion! Ein filmisches, zwingendes Kleinod!

Alexander Veljanov: ?Dieser Song ist der zweite Kandidat, an dem sich die Geister scheiden. Die Grundidee war, den perfekten Ganoven-Popsong zu machen ? und zwar in der Tradition von Phil Spector, den Beach Boys oder Roy Orbison. Und David hat hier wirklich einmalige Arbeit geleistet. Wie ich zu diesem Refrain kam, als ich das Stück zum ersten Mal hörte, weiß ich auch nicht. Der Refrain ist so groß, dennoch so leicht und locker daherschwebend, wie der Song. Und wir haben trotz des pompösen Arrangements versucht, ihn ohne Schnickschnack oder überflüssigen Instrumentalteil im Stil der alten Schule zu produzieren. Es ging darum, hochkomplizierte Arbeit als ganz leichte Ware zu verkaufen. Die Reaktionen darauf waren voraussehbar. Für manche ist es Schlager, doch für mich ist es nach wie vor Pop, großer Pop. Obwohl ich noch nie versucht habe, einen konventionellen Popsong zu schreiben. Hier war es das erste Mal. Strophe Refrain, Strophe Refrain, Bridge usw. Das gab es auch bei den Lakaien noch nie! Doch da ich mir imagemäßig schon alles was es gibt ramponiert habe, war das die richtige Entscheidung. Ich habe Mittelaltermusik gemacht, trotzdem bin ich immer noch der Vorzeige-Grufti. Es ist einfach so: Die Leute, die mich schätzen, werden auch mein neues Album schätzen! Und es kommen komischerweise immer mehr hinzu...!?






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