Zillo-Podiumsdiskussion auf dem WGT 1998

Datum 17.06.1998 12:48 | Thema: Essay

Zillo-Podiumsdiskussion auf dem WGT 1998
Zum Thema "Gothic" ist schon viel geschrieben worden.

Viel zuviel, sagen die einen, viel zu wenig diejenigen, die noch neu in der Szene sind, bzw. die "schwarze Szene", der bis heute ? Gott sei Dank! ? ein allgemeingültiges Etikett fehlt, eher von außen mit Interesse betrachten und sich in den diversen Stil ? und Spielarten nicht zurecht finden, geschweige denn eine einheitliche Philosophie und Ausrichtung erkennen können.

Zum Thema "Gothic" gab es schon zahlreiche Diskussionen, Artikel und Foren.

Griffige Schlüsse, Antworten und Ergebnisse haben die wenigsten gebracht.

Die auf Einladung und Initiative der Zeitschrift "Zillo" stattgefundene Podiumsdiskussion am 30. Mai 98 in der Moritz-Bastei im Rahmen des "7. Wave & Gotik"-Treffens in Leipzig hat keine neuen Manifeste produziert.

Daß dieses Forum aber nicht zu der sonst üblichen Nabelschau der Eitelkeiten und Platitüden geriet oder zu dem sonst üblichen, erlahmenden Frage/Antwort-Spiel verflachte, ist nicht zuletzt der intelligenten und kontroversen Argumentation der Podiumsgäste, sowie des aufmerksamen, konstruktiv teilnehmenden Publikums zu verdanken.

Als Diskussionsleiter ging es mir in erster Linie um zwei Dinge: Es sollten Fragen behandelt werden, die direkt auf das Selbstverständnis und Innenleben der "Gothic"-Szene abzielen, zudem sollte "unsere Szene" im Kontext anderer Szenen und als Teil des globalen kulturellen Gebildes beleuchtet werden.

Bestückt war diese Runde mit wortgewandten Künstlern und Medienvertretern, die allesamt schon seit Jahren erfolgreich in der Gothic ? und Elektroszene tätig sind: Michael Mertens und Joe Asmodo (Zillo), Felix Flaucher (18 Dummers/Silke Bischoff), Bruno Kramm (Das Ich) Stefan Herwig (Dependent, seinzeit Off Beat), Martin Sprissler (Gothic-Magazin), Steve Naghavi (And One)

Die Diskussion wurde in 4, thematisch recht unterschiedliche Themenbereiche aufgegliedert, die im Gespräch dennoch teilweise ineinander flossen, was nicht zuletzt den "roten Faden" dieses für alle Beteiligten spannenden Wortwechsels spricht...

Teil 1
Sex, Lügen und Audio....!

Provokation und Kommerz in der Gothic-Szene
Klappern gehört zum Handwerk. Eine alte Binsenweisheit, die auch in der Gothic-Szene und dem Geschäft mit dieser Kunst und Musik beherzigt wird. Durch die massive, zunehmende Präsenz der S/M-Artisten wurde das Genre zweifellos mit einer bisher weniger vorhandenen "erotischen" Komponente angereichert.

Allerdings stellt sich nicht nur für den oberflächlichen Betrachter mittlerweile die Frage, inwieweit der äußerliche Reizfaktor eine eventuelle künstlerische Aussage und Anspruch verdeckt, wenn nicht gar ersetzt. Statements und Werbestrategien werden zusehends plakativer, so daß die Frage gestellt werden darf, worin sich einige Kampagnen der "Gothic-Szene" von denen einschlägiger Erotik-Versandhäuser überhaupt noch unterscheiden.

Oder anders gefragt: Gibt es eine eigenständige, zu definierende Ästhetik in der Szene? Wie weit darf die Provokation gehen? Ist es noch möglich, überhaupt zu provozieren?

Aufhänger war die Anzeige des neuen Umbra Et Imago-Albums "Machina Mundi", um das mit einem baren Frauenbusen und der Headline "Wir bringen auch diese Brüste zum Wippen" geworben wurde.

Wie Ihr lesen könnt, ging es nicht nur um Fragen der Provokation, Gewalt und Sex, sondern auch um Image, die Darstellung innerhalb der Szene, sowie die Rolle der Medien....

Stefan Herwig:

Hier wird eine bestimmte Tendenz auf die Spitze getrieben. Ich habe nichts gegen Provokation, Sex und nackte Brüste, doch ich finde es bedenklich, wenn eine Szene, die vorgibt, nicht 100% kommerziell orientiert zu sein, solche Elemente benutzt, nur um mehr Platten zu verkaufen. Diese Anzeige ist allerdings nicht das einzige Beispiel. Ein ähnliches Prinzip, allerdings in einer viel subtileren Art läßt sich ja auch bei Silke Bischoff finden.

Hier wird z.B. unterschwellig und ästhetisiert das Thema Gewalt behandelt....!
Felix Flaucher

Es ist schon richtig, daß ich mit Provokation, Sex und Gewalt spiele. Es gibt viele Leute, die uns Gewaltverherrlichung vorwerfen und daß das ein ganz gefährliches Spiel ist. Diesen Vorwurf würde ich sogar gelten lassen, denn man gewöhnt sich an diese Dinge. Andererseits könnte ich weder Texte schreiben, noch fotografieren, wenn ich ständig eine Schere im Kopf hätte. Die Konsequenz wäre "political correctness". Und dann wäre es nur ein Job und ich könnte nicht mehr spielerisch mit den Elementen umgehen.
Ecki Stieg

Ich denke, das ist auch der Punkt. Wenn der künstlerische Anspruch, die Kreativität und nicht der Verkauf im Vordergrund steht, ist es egal, was man macht.


Und oftmals darf man Dinge nicht zu schnell auflösen. Hätten Laibach oder DAF, die ständig im Verdacht waren, Rechtsextremisten zu sein, zu Beginn ihrer Karriere gesagt hätten: "Nein, wir sind keine Nazis", dann hätte das semantische Spiel, hätte die ganze Diskussion nicht stattgefunden. Und beschäftigt man sich mehr mit diesen Gruppen, wird man sehr schnell herausfinden, daß es eben keine Nazis sind. Darum halte ich auch diese Provokation für legitim.

Bruno Kramm

Diese ganze Provokation ist ja auch eine Bedürfnisbefriedigung. Viele Leute in der Szene lieben diese Themen und diese Aufmachung. Es entscheidet letztendlich der Käufer, der darauf einsteigt, oder nicht. Darum ist es auch falsch, die Promotion zu kritisieren, auch wenn die manchmal übers Ziel hinaus schießt.
Stefan Herwig

Natürlich bin ich dagegen, künstlerische Werke zu beschneiden, doch was oft fehlt ist die Angemessenheit der Mittel. Man sollte diese Mittel nur dann benutzen, wenn es das künstlerische Thema auch hergibt. Wenn man z.B. Gewalt und Sex verwendet, dann nicht nur deshalb, um Aufsehen zu erregen. Einer Band wie Die Form z.B., die schon seit Jahren in der Fetisch-Szene zu Hause ist, nehme ist so etwas ab. Doch Bands jüngeren Datums wie Call oder Gothic Sex , die das nur kopieren, reiten nur auf dieser Masche. Und wenn ein Künstler wirklich subtil mit diesen Dingen arbeiten möchte, interessiert das niemanden mehr ? und er ist gezwungen, zu härteren Kalibern zu greifen.


Felix Flaucher

Echtes Töten z.B....!


Bruno Kramm

Heute kriegst Du doch weitaus Schärferes präsentiert, wenn Du das Fernsehen zur normalen Tageszeit einschaltest. Kleine Kinder können sich dort jederzeit die übelsten Sachen angucken. In der Szene kann man eigentlich schon davon ausgehen, daß die Leute erwachsen und vernünftig genug sind, um sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen.
Ecki Stieg

Das ist doch auch das Problem. Gerade weil Gewalt und Sex so präsent sind und gerade weil der Wettbewerb immer härter wird, kann es sich kaum noch jemand leisten, subtil mit diesen Mitteln zu arbeiten. Je plakativer es ist, desto besser verkauft es sich auch. Jeder Wolfgang Petry-Fan hat mittlerweile auch ein Rammstein-Album in seiner Sammlung stehen. Also wo ist da der Ansatz...?!
Stefan Herwig

Man sollte Gewalt und Sex eher thematisieren, anstatt sie zu verherrlichen so wie es eine Band wie SilkeBischoff tut . Man sollte darüber nachdenken können und den Fan nicht einfach damit konfrontieren. Das ist der große Qualitätsunterschied. Die einen zeigen diese Dinge, die anderen stellen sie dar. Das erstere ist Kommerz, das zweite ist Kunst.
Felix Flaucher

Ich glaube, es ist sehr schwer, das auf den Punkt zu bringen. Gerade in der S/M-Szene z.B. ist Gewalt eine sehr spielerische Geschichte. Im größten Teil der Fälle ist es ein spielerisches Ausleben und Hochstilisieren von Gewalt, Unterdrückung, Nachgeben und Hilflosigkeit. Ich habe es noch nie erlebt, daß auf einer S/M-Party jemand blutig geschlagen wurde.
Martin Sprissler

Doch für solche Bands ist es natürlich leichter, in ein Magazin wie "Gothic" zu kommen, weil in der Szene sehr viel über die Optik geht. Manche benutzen diese Mittel sehr bewußt, um ständig präsent zu sein. Das Bild zählt mittlerweile soviel wie die künstlerische Aussage der Band. Sobald die Balance zwischen Bild und Aussage zu Lasten des Bildes kippt, ist es zu angepaßt.
Ecki Stieg

Doch wird diese Oberflächlichkeit durch die Art der Präsentation in den Medien nicht massiv gefördert? Eine Band, die optisch sehr viel zu bieten hat, hat doch bessere Chancen als eine Band, die visuell nicht so viel hergibt...
Martin Sprissler

Daß das Image in der Szene eine Rolle spielt, ist klar. Doch sobald das Image das einzige ist und man gute Musik wegen eines schlechten Pressefotos ablehnen würde, läuft es in die falsche Richtung.
Michael Mertens

Ich denke, man muß immer korrekt über eine Band berichten. Das bedeutet auch, daß man Fotos verwenden sollte, die der Realität entsprechen. Wenn ich z.B. Deine Lakaien porträtieren würde, könnte ich sie ja auch nackt fotografieren, um den Artikel reißerischer zu machen. Doch das wäre nicht das, was die Band will und was sie darstellt. Das wäre Effekthascherei, obwohl sich das Heft wahrscheinlich besser verkaufen würde, wenn sich das rumspricht.

Im Fall der hier kritisierten Umbra Et Imago-Anzeige halte ich es dennoch angemessen, weil sich die Band in dieser Szene bewegt und das auch privat zu einem großen Stück auslebt.
Ecki Stieg

Doch optische Hilfsmittel sind doch unumgänglich. Ich glaube, daß bereits bekannte Bands wie Deine Lakaien oder Umbra Et Imago keine reißerischen Fotos mehr nötig haben. Was ist aber mit den vielen neuen unbekannten Bands? Wer liest sich einen solchen Artikel noch durch, wenn er optisch nicht anreizend präsentiert wird?
Michael Mertens

Trotzdem darf man nichts suggerieren, was nicht da ist. Wenn man ein Bandportrait mit einem Foto anreichert, das mit der Musik und der Szene gar nichts zu tun hat, wird sich der ein oder andere die CD dieser Band unter ganz falschen Voraussetzungen kaufen. Und das wäre Betrug am Leser.
Stefan Herwig

Und findet aber monatlich in allen Independent-Magazinen statt. Irgendein Schrott wird uns als neuer Trend verkauft, optische Hochglanzbands liefern minderwertige Leistungen ab. Die Musik von Bands wie Call oder Gothic Sex z.B. haben mit ihrem Image gar nichts zu tun. Das ist Rock der späten 70er Jahre mit Gothic-Klischees.

Und diese Bands kommen mit dieser Masche immer durch und werden in allen Magazinen abgefeiert ? und es tut mir weh, daß das auf Kosten von subtiler arbeitenden, besseren Bands geht, die einfach ignoriert werden.
Martin Sprissler

Das glaube ich nicht. Ich halte den Leser für mündig. Jeder kann in die CDs reinhören, jeder kann einen Artikel lesen und sich dann sein eigenes Bild machen. Die Szene ist ja so vielseitig, die Flut ist doch enorm. Deshalb hängt es nur von den Bemühungen ab ? und Bands, die mit Pressefotos arbeiten, haben eben bessere Chancen.
Bruno Kramm

"Doch ein großer Teil der Szene konsumiert leider relativ unreflektiert das, was im Moment gerade schick und extrem ist und womit man sich auch innerhalb der Szene wieder abgrenzen kann! Und deshalb wird oft zu Bands gegriffen, die musikalisch sehr schlecht sind. Und wie in jeder anderen Szene auch, gibt es hier mehr dumme als intelligente Menschen. Und die werden eben bedient.
Was sich ? gerade zum Schluß der Diskussion ? wie eine sehr pessimistische Sicht der Dinge anhörte, birgt dennoch viel Wahrheit in sich.

Und gerade beim "7. Wave & Gotik"-Treffen wurde wieder einmal deutlich, daß das wohlige familiäre Gefühl vielen Leuten oft wichtiger ist, als die Musik selbst, es aber gleichzeitig kaum eine andere Szene gibt, die zu soviel Selbstreflexion in der Lage ist. Das haben nicht zuletzt die kritischen Fragen des Publikums während und nach der Diskussion gezeigt.



Teil 2
"Kraftwerk haben das Model gecovert ? Das Geschichtsbewußtsein der Gothic-Szene"

Wie die Headline schon vermuten läßt, ging es beim zweiten Thema der Podiumsdiskussion um teilweise bizarre Mißverständnisse, die auf das mangelnde Geschichtsbewußtsein, bzw. die schiere Unwissenheit innerhalb der Szene zurückzuführen ist.

Die Faulheit und das Desinteresse, nach historischen Wurzeln und Zusammenhängen zu forschen ist zwar ein globales Problem der 90er Jahre, doch gerade in der Elektro/Gothic-Szene besonders eklatant.

Die Frage, inwieweit es für eine Szene heilsam ist, konservativ mit Scheuklappen im eigenen Saft zu schwimmen und die unmittelbare Erlebniswelt als das "Nonplusultra" zu feiern stand ebenso im Mittelpunkt wie die Rolle der Medien, die sich - gerade im Wave ? und Gothicbereich - stets auf dem schmalen Grad zwischen Fanzine und kritischem Fachmagazin mit Anspruch und Kritikfähigkeit bewegen....

Welche Aufgabe habe Szene-Magazine? Sollen sie vornehmlich die aktuellen Trends reflektieren oder aber auch historische Bezüge herstellen und auf Stile außerhalb des Genres verweisen?

Aus dieser Frage heraus entwickelte sich schnell eine etwas abschweifende, dennoch interessante Diskussion über die künstlerischen Möglichkeiten, innerhalb und außerhalb des Genres Gehör zu finden sowie über das Konsumverhalten innerhalb der Szene.

Bruno Kramm:

Das Problem ist, daß es kaum professionelle Musikjournalisten gibt und es muß die Frage gestellt werden, wer oder was in dieser Szene ein professioneller Musikjournalist ist!
Martin Sprissler:

Ein Magazin sollte in erster Linie informieren. Wer allerdings die Reviews liest, der weiß, daß der Schreiber einen subjektiven Standpunkt hat. Man liest, wer es geschrieben hat und weiß mittlerweile, daß dieser Name für eine bestimmte Musikrichtung steht. So gibt es viele unterschiedliche Minderheiten innerhalb der Szene und es liest keiner das ganze Magazin. Diese Illusion kann kein Redakteur haben.
Ecki Stieg:

Das Problem, das ich bei vielen Kritiken habe, ist nicht ihre Subjektivität, sondern daß die Schreiber oftmals Querverweise zu Bands machen, die sie aufgrund der haarsträubenden Parallele gar nicht kennen können. Pures Namedropping also. Natürlich ist es leichter für jemanden wie mich, der die 70er und 80er Jahre intensiv miterlebt hat, Bezüge zur Vergangenheit aufzuzeigen. Gerade in der Wave ? und Gothic-Szene sollte man annehmen, daß die Leute wüßten, daß es auch schon vor Depeche Mode elektronische Bands gab. Doch leider wird zu oft mit Schlagworten um sich gehauen, alles dreht sich im Kreis, es gibt 3 oder 4 namhafte Bands, mit denen der Rest verglichen wird ? und dann ist eigentlich auch schon Schluß...
Michael Mertens:

Prinzipiell hast Du recht, doch ich möchte auch mal die nachwachsenden, jungen Kollegen ein bißchen in Schutz nehmen, die 18 oder 19 Jahre alt sind, gerade in die Szene reinkommen und auch eine kleine journalistische Ader haben. Wie sollen die über Bands berichten, die 20 oder 30 Jahre alt sind? Klar, wenn Du ein ausführliches Special machst, mußt Du Dich informieren. Doch Du kannst Dir nicht in kurzer Zeit einen Überblick über 20, 30 Jahre Musikgeschichte verschaffen. Wie soll man da vorgehen?
Ecki Stieg:

Das ist eher eine emotionale denn eine journalistische Haltung. Wenn man zeitgemäße Musik hört und sie toll findet, dann möchte man auch irgendwann wissen, wo es noch mehr davon gibt ? auch in der Vergangenheit ? und wo diese Musik ihren Ursprung hat.

Es ist ein Suchen und Forschen, das einfach mit Fangeist zu tun hast. Musik kommt ja nicht aus einem luftleeren Raum. Es gibt immer Wurzeln und Vorbilder. Und die gilt es zu entdecken.

Stefan Herwig:

Das Problem liegt für mich in dem angeblich mangelnden Geschichtsbewußtsein ? sei es in der Presse oder beim Publikum. Es mag sich konservativ anhören, doch das liegt daran, daß mit der Zeit bestimmte Werte verloren gegangen sind.

Eine Band wie Skinny Puppy hat einen ganz anderen Background wie z.B. eine Band wie Pierrepoint. Skinny Puppy hatten Visionen und Anspruch, Pierrepoint, die 10 bis 12 Jahre jünger sind, denken nur, daß es sich cool anhört und einfach die Samples benutzen. Leider gibt es Labels, die so dumm sind, das zu veröffentlichen ? und leider gibt es Magazine, die so dumm sind zu schreiben, daß diese Musik genauso toll ist, wie die von Skinny Puppy.

Bruno Kramm:

Wenn Du die Verkaufszahlen beider Bands siehst, wirst Du aber sehen, daß das Publikum durchaus fähig ist, zu unterscheiden, was das Original ist und was die Kopie!

Stefan Herwig:

Aber die Presse anscheinend nicht!

Ecki Stieg:

Das Publikum auch nicht. Es gibt da teilweise massive Geschichtsverwischungen! Das Zitat "Kraftwerk haben ?Das Model? gecovert" ist übrigens ein Originalzitat, von einem jungen Fan, der zwar Rammstein kennt, aber von Kraftwerk zuvor noch nie etwas gehört hat...!

Bruno Kramm:

Soweit brauchst Du gar nicht zurückgehen. Schau Dir doch nur mal an, wie Oomph! in der Bravo beschimpft wurden, sie würden eine Kopie von Rammstein sein. Da zieht?s Dir doch wirklich den Stecker raus! Und das hat ganz einfach damit zu tun, daß sich viele Journalisten gar nicht damit auseinandersetzen. Doch das Argument, daß die alten Journalisten mehr Ahnung haben und mehr Stile kennen, zieht für mich aber auch nicht ganz, denn denen fehlt oft der Blick nach vorne. Gerade in der Szene gibt es immer neue Bewegungen, die von diesen alten Journalisten gar nicht mehr nachempfunden werden können. Darum ist es auch etwas eindimensional zu sagen, daß die Zunft der neuen Schreiber, die direkt aus der Szene kommen, automatisch schlecht ist.

Ecki Stieg:

Einige werden mit den Jahren ja auch besser. Trotzdem erlebt man es immer wieder, daß auf neue Trends stets unreflektiert angesprungen wird und alte Liebschaften nur halbherzig gepflegt und vertieft werden. So kommt es oft zu fatalen Fehleinschätzungen.

Martin Sprissler:

In diesem Fall ist der Redakteur falsch eingesetzt.

Stefan Herwig:

Nein, das Problem ist vielmehr, daß eine Gothic-Platte von dem Chefredakteur nur Leuten zur Rezension gegeben wird, die sowieso auf diese Musik stehen. Und so kommen nur gute Rezensionen dabei heraus. Die Kritik sollte aber jemand schreiben, der die Musik zwar versteht, der weiß, um was es geht, der sie aber nicht zwangsläufig gut findet, nur weil die Band den gleichen Sound hat wie die Sisters Of Mercy oder Christian Death.

So steht dann unter 15 Rezensionen pro Monat: ?Diese Platte darf in keinem Plattenschrank fehlen!?

Bruno Kramm:

Und wer glaubt das?

Stefan Herwig:

Genau das ist das Problem. Es gibt gar nicht so viele essentielle Platten. Da kommt pro Monat vielleicht eine raus, manchmal auch gar keine. Doch ich als Schreiberling, der die Platten umsonst bekommt, kann es ja schreiben. In den Magazinen stehen mittlerweile 80 bis 100 Kritiken drin ? wenn man die alle kauft, wären das 3600,- DM pro Monat.

Martin Sprissler:

Ich finde diese Vielfalt, die wir mittlerweile haben aber auf jeden Fall sinnvoll. Und ich bin nach wie vor der Meinung, daß sich jeder sein eigenes Bild machen kann.

Ecki Stieg:

Doch der gemeine Elektro ? und Gothic-Fan ist mittlerweile genau konservativ, wie der Phil Collins-Fan. Man akzeptiert nur das, was man kennt und es muß auch optisch und akustisch szenegerecht präsentiert werden. Stimmt es nicht, fällt der Künstler durch.

Aus diesem Grunde bewegt sich alles nur im Kreis, es wird kaum etwas außerhalb des Genres akzeptiert und nur aus der eigenen Geschichte, die ja nun auch nicht sehr groß ist, zitiert.

Bruno Kramm:

Doch das machen doch alle Szenerien. Es gibt nur wenig Individuen, eine Szene ist keine amorphe Masse und es gibt nur wenige, die sich wirklich weiterentwickeln.

Und diejenigen, die sich im Kreis drehen, werden irgendwann auch wieder aussteigen.

Ecki Stieg:

Doch die künstlerische Entwicklung innerhalb der Szene wird gerade dadurch gehemmt!

Bruno Kramm:

Die wird doch nicht gehemmt! Die Szene verändert sich doch ständig!!

Ecki Stieg:

Wenn sich die Band aber schneller verändert, bzw. entwickelt als die Szene, wird es schon ein Problem. Eine Band wie The Cain Principle z.B. hat 3 sehr szenegerechte, dunkle Elektro-CD?s aufgenommen. Auf dem 4. Album, das zweifellos ihr musikalisch bestes ist, haben sie es nicht nur gewagt, poppiger zu klingen, sondern auch noch Rhythmen a la Massive Attack einzusetzen. Mit dem Ergebnis, daß das Album ein Flop wurde. Selbst wenn man nur Nuancen verändert, fällt man durch. Auf der anderen Seite hat dies Album auch den potentiellen Massive Attack-Fan nicht erreicht, der The Cain Principle wahrscheinlich noch heute für eine Düsterband hält.

Martin Sprissler:

Trotzdem finde ich, daß nichts individueller ist, als unsere Szene. Allein, wie sich die Leute kleiden, das sieht bei jedem anders aus. Und die musikalische Vielfalt ist ebenso groß. Es bleibt die Frage, wie man neue Bands publik machen kann und den Leute ermöglicht, reinzuhören. Und es bringt auch nichts, wenn die Magazine die schlechten CD?s rezensieren.

Ecki Stieg:

Doch eine Band, die sich nicht deutlich zur Szene bekennt, aber vom Anspruch und von der Attitüde her durchaus in sie hineinpassen würde, wird nicht in dem Maße akzeptiert wie jemand, der sagt ?Ich liebe Euch alle?.

Stefan Herwig:

Diese Haltung und dieser Konservatismus ist auch der Grund, warum unsere Szene in anderen Magazinen gar nicht mehr ernst genommen wird. Versuch mal ein Elektrothema in ein Techno-Magazin zu kriegen. Im Gothic-Bereich ist das noch viel drastischer. Für die meisten ist das altbackene 80er Jahre- Musik. Weil die Szene eben nicht offen ist für äußere Einflüsse werden wir von der Presse und von Medien wie MTV oder Viva nur noch belächelt.

Ein anderes Problem ist für mich als Marketingmensch, daß ich die Platten auch verkaufen will ? und die Band ja auch. Darum bringen wir das erste Album einer Band gar nicht mehr zur Presse, sondern erst das zweite. Die erste geben wir nur den Clubs, darum muß die Band auch an einem Stück arbeiten, das ganz bestimmte Strukturen aufweist, damit der DJ es auch spielt. Und das funktioniert.

Ecki Stieg:

Das ist künstlerische Inzucht, denn nur die Band wird Erfolg haben, die diese Schemata erfüllt ? und es wird dennoch keine Breitenwirkung haben. Ein Gegenbeispiel wäre ein Album wie "Ray Of Light" von Madonna. Wäre dieses Album ein Debut auf einem Independent-Label, würde jeder in der Szene jubeln und sie in die ?Heavenly Voices?-Kategorie stecken. Doch nur weil es Madonna ist, wird es abgelehnt. Das hätte es in dem Maße in den 70er oder 80er Jahren nicht gegeben. Damals haben sich die Szenen noch untereinander befruchtet. Heute gibt es nur noch Superstars wie Phil Collins und Tina Turner an der Spitze, kaum mehr ein Mittelfeld und viele kleine zersplitterte Szenen, die allesamt in ihrem eigenen Saft schmoren.

Bruno Kramm:

Dennoch gibt es heute eine Vielfalt, von der man vor 15 Jahren nur träumen konnte. Es gab keine szeneübergreifenden Magazine, es gab kein Wave & Gotik-Treffen. In anderen Ländern ist die Szene auf dem Stand der unseren vor 15 Jahren. Das liegt auch daran, daß hinter der Szene hierzulande eine mittlerweile gut funktionierende Marketingmaschinerie steht. Und auch als kleine Band hast Du heute weit mehr Möglichkeiten, ein Album zu veröffentlichen.

Ecki Stieg:

Das ist gut, aber auch schlecht, weil viele Bands heute zu vorschnell ein Album veröffentlichen. Gerade mit dem heutigen elektronischen Equipment ist es sehr einfach, eine Platte auf soundtechnisch internationalem Niveau zu produzieren. Nur künstlerisch sind die meisten Bands bei ihren ersten Produktionen noch nicht so weit. Darum wird der Markt mittlerweile auch von so viel Müll überschwemmt.

Bruno Kramm:

Man sollte nicht soviel Angst davor haben, daß diese Szene zu wenig kreative Impulse hat. Man muß nur ab und zu über den Tellerrand in andere Szenerien schauen, wenn es zu langweilig wird.

Ecki Stieg:

Genau diese Verquickung fehlt mir ja!

Bruno Kramm:

Das ist doch das Phänomen der 90er schlechthin. Es wird heute mehr Cross-Overmusik gemacht als je zuvor. Metal und Gothic, zwei Stile, die sich zuvor spinnefeind waren, sind zusammengegangen und der Elektrobereich läßt sich vom Hip-Hop beeinflussen. Da passiert einfach was!

Martin Sprissler:

Die Vermischung bringt die Vielfalt. Damit ist der Inzest doch beendet.

Ecki Stieg:

Richtig und doch falsch, denn wie immer gibt es auch in diesen Bereichen ein paar wenige innovative Protagonisten, wie z.B. die Nine Inch Nails, deren Crossover von zahllosen Bands nur blind kopiert wird, anstatt Individualität zu zeigen. Sämtliche Crossover-Spielarten sind viel zu statisch und es passiert viel zu wenig.

Steve Naghavi:

Das Hauptproblem ist nicht die Szene, sondern der persönliche Geschmack von medialen Arbeitern und Journalisten.

Dieser Geschmack spielt immer noch die wichtigste Rolle. Ein ca. 50jähriger Mensch, der heute beim ?Musikexpress? sitzt, und die Elektro ? Gothic-Szene vernachlässigt, ist mit den Rolling Stones aufgewachsen. Doch diese Leute haben das Sagen und die ganzen anderen Schreiber unter sich. Ein Gegenbeispiel wären And One. Wenn der zuständige Redakteur der Viva-News kein And One-Fan wäre, wären wir kaum so oft auf Viva gelaufen.

Darum ist es wichtig, daß die ganzen Elektro ? und Gothicbands einfach weiter machen und vor allen Dingen live auftreten, dann wachsen auch die Zeitungsmacher und Rundfunkredakteure von morgen mit. Und die stehen dann hinter uns![/size]




Teil 3
"Wenn süß das Mondlicht den ebenhölzernen Sarg berührt"
Die sprachliche und literarische Ästhetik der deutschen Gothic-Szene

Im dritten Teil der auf dem "7. Wave & Gotik-Treffen" in Leipzig geführten Podiumsdiskussion ging es um das (Selbst)verständnis und die diversen Stil ? und Spielarten neuer deutscher Lyrik.

Für mich war es der interessanteste und ergiebigste Teil dieser Runde, nicht zuletzt deshalb, weil wir mit Steve Naghavi von And One und Bruno Kramm von Das Ich zwei sehr divergierende Charaktere eingeladen hatten, die auch mit der deutschen Sprache höchst unterschiedlich umzugehen wissen...!

Ecki Stieg:

Es ist schon sehr bemerkenswert, daß sich innerhalb der letzten 10 oder gar 15 Jahre ein großes Selbstverständnis entwickelt hat, wieder mit der deutschen Sprache umzugehen.
Das war lange Zeit ein großes Problem. Ich bin jetzt 38 Jahre ? und deutschsprachige Gruppen waren früher gleichzusetzen mit Schlagersängern ? doch mittlerweile haben wir eine Szene, in der mit der deutschen Sprache ganz selbstverständlich umgegangen wird. Mehr als das ? es ist eine Sprache, die eine ganz eigene Ästhetik besitzt, einen eigenen Duktus, ein eigenes Vokabular und auch in ihrer teilweise archaischen Orientierung typisch deutsch ist. Das hat auch dazu geführt, daß die berühmte Frage ?Warum singt Ihr eigentlich deutsch?? heute gottseidank kaum mehr gestellt wird.

Auf der anderen Seite treibt die Suche nach romantizischer Selbstfindung und Definition obskure Stilblüten hervor, so wie die Überschrift dieses Diskussionsabschnitts, die wortwörtlich einer Kleinanzeige eines Independent-Magazins entnommen wurde und garantiert völlig unironisch gemeint ist...!

Eine Band, die ohne Zweifel Vorreiter war für diese Ästhetik waren, sind Das Ich. Natürlich gab es auch Goethes Erben ? und auch die Einstürzenden Neubauten waren dafür bekannt, in Wörterbüchern der deutschen Sprache herumzustöbern, um neue ?alte?, klischeefreie und reine Lyrik zu kreieren.....

Bruno Kramm:

Die Einstürzenden Neubauten haben für uns sicherlich das Wagnis gerechtfertigt, in deutsch zu singen. Die deutsche Sprache ist seit dem 2. Weltkrieg ja als reines Propagandamittel verbrämt und hatte gerade mal nur im Volksmusikbereich eine Chance. Die Grundidee war, einmal wieder mit der deutschen Sprache zu experimentieren.
Dennoch würde ich unsere Texte mit Zeilen wie ?Wenn süß das Mondlicht den ebenhölzernen Sarg berührt? nicht in Zusammenhang bringen, die deutsche Sprache hat schon wesentlich mehr Facetten als mancher mit seinem erlernten Schulenglisch ausdrücken kann. Und das ist auch der Hauptgrund, warum wir mit deutscher Sprache arbeiten. Sie ist vermittelbarer und sie kann Inhalte transportieren. Für jeden von uns ist deutsch die Muttersprache und somit kann auch jeder mehr zwischen den Zeilen lesen.

Doch wir sind wirklich keine Pioniere. Die Neubauten waren lange vor Das Ich schon tätig, und als wir 1991 als ?Neuerung" bezeichnet wurden, haben wir uns selbst nicht als so neu betrachtet...!

Ecki Stieg:

Doch der Ansatz war zu Beginn der 90er Jahre doch schon ein anderer. Die Neubauten sind da wiederum ein gutes Beispiel. Blixa Bargeld hat ein Vokabular benutzt, das sehr alt, fast verschüttet war und in der Alltagssprache so gut wie keine Verwendung mehr gefunden hat. Das Ich ? aber auch andere Gothic-Bands - scheinen ebenso vorzugehen.
Doch wo ist der Ansatz, was ist hier die Antriebsfeder? Die Gefahr, daß es schnell in wohlklingende, aber sinnentleerte Worthülsen umkippt, ist doch recht groß....?!

Bruno Kramm:

Wenn ich Sätze wie ?Wenn süß das Mondlicht den ebenhölzernen Sarg berührt? lese, dann denke ich ganz einfach, daß der Verfasser zuviel Hugo von Hoffmanstal gelesen hat und das ganze etwas anders aufgefaßt hat....! Doch die deutsche Sprache bietet ungemein viele Ansatzpunkte. Da gibt es den literarischen Background, der in Deutschland immer noch sehr groß ist ? und war! Für uns war es sicherlich der Expressionismus mit Dichtern wie Georg Trakl ein wichtiger Ansatzpunkt, mit Sprache zu experimentieren. Doch es besteht gerade in der deutschen Sprache das Problem, daß du z.B. nicht ?Ich liebe Dich? sagen kannst. Das klingt schnell wahnsinnig kitschig, obwohl es dasselbe ist wie ?I love you?, was jeder von uns schon tausendmal gehört und akzeptiert hat. Insofern muß man immer weiter in die Tiefe gehen. Das hat auch mit dem Problem zu tun, daß die deutsche Sprache in den letzten Jahren nur in der Volksmusik präsent war. Ich kann jeder Band, die jetzt anfängt, nur darin bestärken, mit der deutschen Sprache zu experimentieren, denn es gibt hier einfach mehr Ausdrucksmöglichkeiten, als man vermutet...!
Ecki Stieg:

Doch die Gefahr des Klischees gibt es auch in der Gothic-Szene. Bestimmte Schlagwörter wie ?Tod? oder ?Schmerz? sind doch längst überstrapaziert und damit entwertet worden...!
Bruno Kramm:

Sicherlich. Das ist natürlich eine Gefahr ? erst recht, weil du die Sprache direkt verstehst und sie nicht erst übersetzen mußt. Auch wir hatten damit eine ganze Weile zu kämpfen. Auch Das Ich wurden lange Zeit immer nur auf ein Bild reduziert, doch wir haben immer versucht, weiterzukommen und nicht nur die platten Klischees zu bedienen.
Auf der anderen Seite ist die deutsche Sprache heute immens populär. Nimm nur das Beispiel Rammstein. Bei dieser Band sind die Texte sehr plakativ, doch das stört niemanden! Es scheint also auch so zu funktionieren...!

Ecki Stieg:

Auf der anderen Seite ist es kein Wunder, daß gerade viele elektronische Bands die deutsche Sprache benutzen, denn die sehr kantigen, gutturalen Qualitäten unserer Sprache bieten sich für die harten, rhythmischen Strukturen der elektronischen Musik geradezu an. Das haben schon DAF oder Kraftwerk verstanden. Doch natürlich gibt es auch da Unterschiede.
Glücklicherweise haben wie mit Bruno Kramm von Das Ich, Steve Naghavi von And One und Martin Sprissler in diesem Podium drei Vertreter , die mit der deutschen Sprache recht unterschiedlich umgehen.

Martin Sprissler z.B. ist mit seiner ?Endzeitlyrik?-Performance schon fast eine Institution auf dem ?Wave & Gotik?-Treffen.....

Martin Sprissler:

Ich denke, daß man ein Gefühl veräußern kann, indem man es ausdrückt ? und indem man es aufschreibt, kann es dazu führen, daß diejenigen, die es lesen, sich verstanden fühlen, daß sie also etwas formuliert bekommen, was sie selbst schon immer dachten.
Es geht mir darum, Gedanken zu erweitern und Gedankenanstöße zu bieten. Ich sehe die Romantik als Chance, um den Weg nach Innen zu finden, wenn alle anderen Schubladen zugeklappt sind. Und meine ?Endzeitlesungen? sind für mich eine Möglichkeit nach vorne ? auch deshalb, weil die ganzen Medien so verseucht sind, daß man dem Fernsehen fast mehr glaubt als sich selbst. Von daher sind Bands wie Rammstein für mich auch eine Art Zeitdokument. Und deswegen haben sie auch einen solchen Zuspruch gefunden.

Bruno Kramm:

Ich finde es sehr wichtig, daß sich unsere Sprache endlich wieder emanzipiert hat. Man muß sich einmal vor Augen führen, daß die Sprache jedes Landes auch ein Teil der eigenen Identität und Bildung ist und die deutsche Sprache lange verpönt war ? gerade wenn es um härtere Inhalte geht. Es wurde immer sehr schnell der Bezug zur Vergangenheit gebildet. Die deutsche Sprache hat in der Geschichte eine sehr wichtige Stellung, hat große Literaten hervorgebracht ? nur das Nazi-Reich hat soviel zerstört, weil die Sprache als reines Propagandamittel so extrem verwendet wurde, daß deutsche Texte in der Unterhaltungsmusik immer gleich Assoziationen mit neo-faschistischen Idealen hervorriefen.
Damit haben in der Vergangenheit schon viele Bands zu kämpfen gehabt. Auch eine Band wie z.B. DAF ist sofort in diesen Zusammenhang gerückt worden. Hätten die ?Der Mussolini? auf englisch gesungen, hätte es keine so großen Probleme gegeben.

Doch das hat sich in den 90er Jahren etwas gelockert, weil die deutsche Sprache auch in ganz anderen Bereiche Fuß gefaßt hat, wie z.B. im Rap-Bereich, wo es absolut legitim ist, in deutsch zu rappen. Und ich kann nur hoffen, daß sich das in allen Szenen so weiter entwickelt...!

Ecki Stieg:

Erstaunlich auch, daß ausländische Bands des Elektro-Genres mit großer Selbstverständlichkeit mit der deutschen Sprache umgehen; ich verweise nur auf die belgischen EBM-Heroen Front 242 und Songs wie "Im Rhythmus bleiben"....

Interessant aber auch eine Band wie And One. Steve Naghavi ist gebürtiger Iraner, deutsch ist somit nicht seine Muttersprache, doch du weißt mit ihr oftmals weit spielerischer und respektloser umzugehen als deine deutschen Kollegen....!

Steve Naghavi:

Ob ich englisch oder deutsch singe, macht für mich wenig Unterschied. Ich habe sowohl die deutsche als auch die englische Sprache erst ab dem 8. Lebensjahr erlernt, somit fiel für mich die Entscheidung, welche Sprache ich nehme, nicht sehr schwer. Ich habe einfach beide genommen.
Englisch ist für den rein musikalischen Aspekt sehr wichtig, denn ich wußte, wenn ich in Deutschland die deutsche Sprache verwende, hören die Leute genau zu. Und mit der englischen Sprache kann man schon mal ein paar oberflächliche Inhalte transportieren, ohne daß es jemanden auffällt. Doch ab und zu gibt es Momente, in denen wir ganz dringend etwas mitteilen wollen, wie z.B. in dem Song ?Die Deutschmaschine?. Da haben wir schon Silbe für Silbe ganz genau überlegt, was wir da singen. Und die Wahl der Worte an sich ergibt sich aus deren Abnutzung. Es stellt sich also die Frage ?Wann nutzt sich ein Song ab??. Wenn man z.B. singt ?Der Mond ist weiß?, wird kaum jemand hinhören ? doch wenn du sagst ?Der Mond ist blau? wird manch einer noch in drei Monaten darüber nachgrübeln, warum das so ist.

So gesehen gehen wir ganz anders mit der Sprache um als die Kollegen von Das Ich und viele anderen deutschsprachigen Bands, die heute mehr Berechtigung haben als noch vor 6 Jahren. Und das ist auch gut so.

Ecki Stieg:

Mittlerweile haben wir ja auch die Situation, daß viele deutschsprachige Bands ? gerade aus unserem Genre ? mit großem Erfolg durch Amerika touren, wo die Texte meist nun gar nicht verstanden werden...!
Bruno Kramm:

In Amerika ? wo es an sich vollkommen normal ist, daß der Text verstanden wird ? gehen die Leute mit der Musik schon ganz anders um. Es ist dort heute viel selbstverständlicher, daß Musik und Text koexistieren. Und wir hatten bei unseren Auftritten in Amerika nie feststellen können, daß es für die Leute ein Problem gewesen wäre, unsere Texte nicht zu verstehen. Insofern ist es auch ein Problem, daß man sich in Deutschland sehr viele Gedanken macht ? gerade weil deutsch als Musiksprache noch nicht so etabliert ist. Doch wenn es sich weiter so entwickelt, wird Text und Musik ebenso selbstverständlich konsumiert werden wie in allen anglo-amerikanischen Ländern.
Stefan Herwig:

Leider ist es so, daß der Text bei 80% aller Künstler nur dazu dient, einen Musikteppich mit einem Wortbrei zu füllen. Die Texte haben eigentlich einen stark zurückgenommenen Stellenwert, was ich sehr schade finde. Manchmal gibt es auch interessante Mischmasch-Prdukte, wie z.B. das ?Nordhausen?-Album von And One....
Steve Naghavi:

Immer auf die Kleinen!
Stefan Herwig:

....da waren einige Texte dabei wie ?Sweety Sweety?, wo ich mir wirklich an den Kopf gepackt habe. Dem gegenüber standen wirklich klasse Texte wie ?Nordhausen?.
Mich würde mal interessieren, warum der Anspruch Eurer Texte soweit auseinander klafft!

Steve Naghavi:

Schau mal, das Leben läuft genauso! Ein Mensch ist manchmal nachdenklich, traurig, streitet sich mit seiner Freundin oder den Eltern, ist depressiv und schaut aus dem Fenster. Doch am Wochenende geht?s in die Disco ? und dort ist er glücklich und oberflächlich. Und in solchen Situationen erzählt man eine unglaubliche Scheiße zusammen. Und genau das wollten wir unseren Fans nicht vorenthalten!
Ecki Stieg:

Genau das ist der Punkt. Viele Bands, die sich entscheiden, mit der deutschen Sprache zu arbeiten, tun dies immer noch sehr bewußt. Wenn man sich sagt ?Ich mache jetzt deutsche Texte? schwingt in diesem Satz gleichzeitig eine fatale Ernsthaftigkeit, Verbissenheit und der Anspruch, Kultur mit Tiefgang zu produzieren, mit.
Wenn man es lernen könnte, einfach spielerischer mit seiner Muttersprache umzugehen, wäre schon viel erreicht. Man kann auch oberflächlich und witzig Texten, ohne dumm zu sein.

Stefan Herwig:

Doch gerade das wird oftmals auch nicht verstanden. Es gibt ein Beispiel aus unserem Hause Off Beat, nämlich die Band Eco, die eigentlich unglaublich viel Humor hat. Dieser Humor wird aber seit ihrem Hit ?Haß und Liebe? nicht verstanden. Der Text ist zwar ziemlich dumm und plakativ und wurde ? auch von uns ? recht schnell auf dieses Image festgelegt. Eco hat mit den beiden Nachfolgealben, auf denen gerade dieses Klischee so überstrapaziert wurde, daß keiner diese Texte wirklich ernst nehmen kann, nur Unverständnis geerntet hat. Hier ist genau das passiert, was gerade gefordert wurde: Die Band hat sich für deutschen Gesang entschieden, hat sehr viel Humor und Leichtigkeit reingepackt ? und keiner hat es kapiert!
In der Gothic-Szene gibt es dagegen diese schwülstige Schwere, die mir voll auf den Sack geht, die aber von allen Leuten ? und auch von der Presse! ? voll akzeptiert und schnell zum Klischee wird.

Bruno Kramm:

Das Problem ist natürlich auch, daß, wenn sich viele Texter der Romantik bedienen, es schnell sehr klischeehaft klingt. Das ist das Problem dieser Sprache. Sie ist zeitlich so weit von uns abgeschnitten, daß wir uns mit den Inhalten nicht ohne den Schauer der Verlegenheit auseinandersetzen können, obwohl diese Sprache wirklich sehr schön und sinnlich ist. Und da ergibt sich auch das Problem der Schwere. Deutscher Lyrik und Literatur ist schon immer bescheinigt worden, daß sie schwermütig ist. Es ist auch schon oft geschrieben worden, daß des Deutschen Naturell die Schwermut schlechthin sei. Und ein Stückchen weit stimmt das, gerade wenn man sich das Schaffen der Romantiker oder der Expressionisten anschaut. Diese Sprache hat aber sehr viel Tiefgang und sehr viele Ausdrucksmöglichkeiten, auch wenn du das als Klischee empfindest.
Stefan Herwig:

Doch das ist schon 300 oder 400 Jahre her...!
Bruno Kramm:

Doch das heißt nicht, daß man sich damit heute nicht mehr beschäftigen kann! Es gibt so viele englischsprachige Bands im Elektro-Bereich, die so unglaublich stumpfsinnige Texte verwenden, daß ich dann doch lieber einen etwas über das Ziel hinaus schießenden neoromantischen Text lese als diese blöden Schablonen, die sich nur auf Parolen wie ?Let Your Body Work? oder ähnliches reduzieren!



Teil 4
"Ein deutsches Phänomen?"
Die neue Musikkultur ? nationales Dünkel oder neues Selbstverständnis?

Der 4. Teil der am 30. 6. 1998 im Rahmen des "7. Wave & Gotik-Treffens" geführten Podiumsdiskussion in der Moritzbastei in Leipzig war der brisanteste und kontroverseste Part dieses bis zum Schluß disziplinierten und ergiebigen Wortgefechts. Ging es doch um die heikle Frage, ob es so etwas wie eine "typisch deutsche" Musikkultur gibt, die abseits der anglo-amerikanischen Formate und Klischees funktioniert. Selbstverständlich war allen Beteiligten klar, daß, wenn man sich einem solchen Thema nähert, der oft vorschnell aus der Tasche gezogene Faschismusverdacht wie ein Damoklesschwert über jedem Wort der Diskussion schwebt.

Es mag an der Tatsache liegen, daß die "Gothik-Szene" besonders sensibel auf dieses Thema reagiert, nicht zuletzt vielleicht auch daran, daß die DVU einige Wochen vor dem "Wave & Gotik"-Treffen mit 11% in den Landtag in Sachsen-Anhalt einziehen konnte, daß ich meine Aspekte nur sehr schwer transparent machen konnte und von zahlreichen Zuhörern offensichtlich mißverstanden wurde.

Was in diesem Fall wiederum auch nicht unbedingt für die Szene spricht, die offensichtlich lieber mit "politisch korrekten" Schablonen lebt anstatt sich auf zunächst unbehagliche, konträre Diskurse einzulassen. Doch auch im Podium gab es Irritationen. Lest selbst....

In gewisser Weise schließt dieses Thema direkt an den letzten Diskussionspunkt, nämlich das neue Selbstverständnis der deutschen Sprache an.
Ich spreche in diesem Falle aber weniger von der Sprache, sondern wieder einmal von der Musik selbst. Was wir heute und in der jüngeren Vergangenheit in der Elektro-Szene vorfinden und was jetzt sogar Auswirkungen auf den internationalen Markt hat, begann ursprünglich in Deutschland.

Und es ist schon ein Phänomen, daß vor allen Dingen die Bands, die ?typisch deutsche? Elemente und Klischees verkörpern, im Ausland, vor allen Dingen in Amerika, immens erfolgreich sind, wie z.B. Rammstein oder Das Ich.

Bruno Kramm:

Es ist schon ein faszinierendes Phänomen. Bei unserer ersten Amerikatournee waren wir schon sehr verschreckt, unsicher und dachten, daß eine Band aus so einem kleinen, bürgerlichen Land dort überhaupt nicht ernst genommen würde. Doch wir wurden sehr schnell forsch als wir merkten, wie positiv die Amerikaner auf uns reagierten und daß sie in uns ein Stück der ?alten Welt? sahen.

Trotz der Tatsache, daß Amerika z.B. in Hollywood große Unterhaltung produziert, gibt es dort das Gefühl, eine kastrierte Kultur und Zivilisation zu sein. Und die etwas gebildeteren Amerikaner versuchen immer wieder die Brücke zur ?alten Welt? zu schlagen, um wieder die Einflüsse ihrer ursprünglichen Kultur zu spüren. Und das ist sicherlich auch ein Grund, warum deutsche Bands dort sehr begeistert aufgenommen werden. Es gibt diesen Exotenbonus, gleichzeitig fühlen sich die Leute verwandt mit dem, was wir machen.

Ecki Stieg:

Bezeichnenderweise werden Rammstein in Amerika als "Intellektuellen-Band" gefeiert, was mehr über das amerikanische Kulturbewußtsein aussagt, als alles andere...

Was aber oft übersehen wird, ist dabei auch die Tatsache, daß bereits Anfang der 70er Jahre mit Bands wie Kraftwerk, Neu! oder Tangerine Dream eine sehr kontinentale ? und durch die Herkunft der Band letztendlich deutsche Kultur geschaffen wurde, zu der es in Ästhetik und Ausdruck kein anglo-amerikanisches Pendant gab. Und dieses Phänomen ist eigentlich nie richtig gewürdigt worden. Es war Musik, die sich bewußt den britischen und amerikanischen Rock?n Roll-Klischees entzogen hat ? und lange Zeit wurden diese Entwicklungen auch von den Medien kaum wahrgenommen. Ich erinnere mich noch an die Plattenkritik des Front 242-Albums "Tyranny For You" im renommierten britischen ?New Musical Express?. Selbst diesem Blatt fiel nichts anderes ein, als Front 242 mit DAF und Kraftwerk zu vergleichen ? wohl die einzigen deutschen Bands, die der Kritiker kannte ? und der Beweis, daß er die letzten 10 Jahre verpennt hatte.

Für mich war das mehr als ärgerlich ? gerade weil sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland immens viel getan hat ? und ich bin schon der Meinung, daß auf den Wurzeln

Von Kraftwerk, Tangerine Dream oder auch DAF eine sehr typische, unverwechselbare deutsche Kultur entstanden ist, die sich selbst aber nie so definieren würde, weil man über das heikle Thema nicht gerne redet.

Andere Bands haben da weniger Probleme. Front 242 bezeichneten sich in den 80er Jahren selbst als "weiße Band" und wurden dafür sofort mit dem Faschismusverdacht belegt. Jeder Ghetto-Rapper hingegen bezieht sich stolz auf seine Kultur und seine Hautfarbe ohne daß er damit rechnen müßte, als Faschist oder Rassist gebrandmarkt zu werden...!

Bruno Kramm:

Es wurde uns gerade in Amerika bewußt, wie wenig politisches Bewußtsein es gerade dort für diese deutschen Probleme gibt. So kommt dann durchaus mal der Kommentar, daß Deutschland doch eine ganze Menge ?cooler Typen? wie z.B. Hitler hervorgebracht hat. Wenn du denen dann die ganze Problematik erklären willst und ihnen sagst, daß im 2. Weltkrieg Tausende von Menschen gestorben sind, dann bekommst du nur zur Antwort, daß ja überall viele Menschen sterben. Da kommen Argumente, die sich nicht einmal die DVU trauen würde zu äußern ? und man bekommt richtig Angst.
Steve Naghavi:

Die Deutschen werden auf der ganzen Welt mißverstanden!
Bruno Kramm:

Gerade die deutschen Tugenden, die uns eher abstoßen, werden in Amerika ziemlich hoch gehalten. Du kommst dir vor wie in einer Klamotte ? und es ist ihnen sehr schwer begreiflich zu machen, worum es wirklich geht...
Ecki Stieg:

Doch gerade Bands wie Das Ich verkörpern auf überspitzte Weise gerade Tugenden und typisch deutsche Wesenszüge wie teutonische Schwermütigkeit oder wagnerianisches Pathos. Und deshalb wage ich noch einmal die Frage, ob es so etwas wie eine deutsche Mentalität oder gar eine typische deutsche Musik?
Stefan Herwig:

Diesen Selbstbezug auf die eigene Nation und eigene Wurzeln finde ich mehr als langweilig. Außerdem muß ich dir insofern widersprechen, als daß Elektro-Musik kein deutsches Phänomen ist. Es ist vielleicht ein zentraleuropäisches Phänomen, doch das, was hier als Elektro bezeichnet wird, hat es in Amerika und Kanada schon sehr lange gegeben.

Die allerersten Wurzeln, also Bands wie Kraftwerk z.B., waren zwar deutsch, doch mittlerweile kann man kaum mehr von einem deutschen Phänomen sprechen. Und ich finde es blöd und völlig irrelevant, mich auf Deutschland zu beziehen und deutsche Kultur verbreiten zu wollen. Das ist z.B. auch das platte Element bei Rammstein. Die beziehen sich darauf, deutsche Klischees zu vermitteln und aus diesem Grund kommen die auch in Amerika so gut an!

Musikalisch gibt es in Mitteleuropa wohl schon einen Konsens im elektronischen Bereich. Deutschland und die Beneluxländer haben eine emotional verwandte Musik gemacht. Da waren DAF, da waren Vomitto Negro oder Front 242. Aber jede andere Kultur hat ebenso ihre Blüten hervorgebracht. Es gibt den amerikanischen Gothic, den amerikanischen Industrial-Dance, dieselben Etikettierungen gibt es in England oder auch in anderen Ländern. Und ich finde das sehr erfrischend. Jeder bringt seine Einflüsse mit, jeder beeinflußt jeden. Nationen sind meiner Meinung nach völlig irrelevant. Wir sind zwar vorbelastet, sollten aber nicht endlos darüber referieren, denn ich sehe keinen Wert darin, ein Deutscher zu sein.

Ecki Stieg:

Das ist nicht der Punkt und darum geht es mir auch gar nicht. Es ist ganz einfach eine Frage der Mentalität ? und das bestätigt sich, wenn man sieht, wie unterschiedlich die Menschen aus verschiedenen Kulturen und Nationen mit Musik umgehen und dieselben Einflüsse ganz anders verarbeiten. Und ich bin nach wie vor der Meinung, daß die elektronische Musik, so wie sie z.B. Kraftwerk oder DAF produziert haben, der deutschen Mentalität schon näher sind, als Hip Hop z.B.
Joe Asmodo:

Aber du kannst doch heute nicht mehr sagen, welche Band welche Einflüsse hat. Die Welt ist doch so vernetzt, daß man gar nicht mehr weiß, ob man nun eine englische eine deutsche Band beeinflußt hat ? oder umgekehrt.
Ecki Stieg:

Gerade in unserer Szene ist das noch relativ leicht nachzuverfolgen, nicht zuletzt aufgrund des puristischen Ansatzes vieler Bands. Es werden bewußt Trennlinien gezogen, es wird auch oft und gerne Geschichtsfälschung betrieben. Es gibt aber eine gewisse Ästhetik und bestimmte Elemente, die recht genau zu definieren sind, nicht zuletzt deshalb, weil der elektronische Purist gewisse Dinge auch vermeidet und z.B. anglo-amerikanische Rock?n Roll-Elemente bewußt außen vor läßt.

Um diesen Schritt vollziehen zu können, hat er den Rock?n Roll, hat er die anglo-amerikanische Musik in der Vergangenheit aber genau studiert, um zu erkennen, daß sie für ihn nicht kompatibel ist ? und daß sie ihm keine eigene, unverwechselbare Identität geben kann.

Dieser Purismus, diese bewußte Reduktion ist also nicht aus einer Scheuklappenmentalität heraus , sondern gerade aufgrund einer intensiven Beschäftigung mit anderen Kulturen entstanden.

Joe Asmodo:

Aber läßt das noch den deutschen Ursprung erkennen?
Stefan Herwig:

Völlig egal. Es ist allein Lebensraum, der einen Effekt auf die Musik hat, darum machen auch Angehörige verschiedene Kulturen dieselbe Musik. Belgien und Deutschland z.B. sind recht ähnliche Kulturen mit demselben Klima ? darum ist auch die Musik recht ähnlich. Wenn man dagegen auf einer Sonneninsel wie Mallorca Urlaub macht, hat man plötzlich weniger Lust, Christian Death zu hören und man möchte dann eigentlich eine viel sonnigere Musik.

Musik wird durch den Lebensraum beeinflußt ?und darum ist Belgien bei der EBM-Bewegung

so maßgeblich gewesen. Es ist eine heruntergekommene Industrienation, es gibt dort ohne Ende eingefallene Fabrikhallen ? und von dieser Atmosphäre haben sich Front 242 oder Klinik anstecken lassen.

Ecki Stieg:

So einfach ist es nicht. Es geht mir hier um kein Politikum, ebenso wenig will ich die elektronische Musik in die rechte Ecke stellen, doch es gibt schon ein kulturelles Gut und Erbe, das relativ eindeutig zu definieren aber kaum erfaßt ist.
Stefan Herwig:

Und das ist gut, daß es nicht erfaßt ist, denn diese kulturelle Selbstbesinnung als Deutscher, der der Meinung ist, einen speziellen Auftrag oder eine Identität zu haben, ist so selbstschwer! ?Wir sind deutsch? ? na und? Das ist genauso wertlos wie die Emanzipation der Frau. Die Geschlechter und die Nationen sind gleich. Warum sollte man gewisse Werte besonders herausstellen?
Ecki Stieg:

Um sich vor Beliebigkeit zu retten!
Stefan Herwig:

Die Individualität ergibt sich aus deinem Lebensraum und nicht aus der Tatsache, daß du Deutscher bist!
Ecki Stieg:

Du drängst es jetzt wieder bewußt in die falsche Ecke! Ohne seine Wurzeln zu kennen, wird es schwer sein, Identität und Bewußtsein zu erlangen. Man kann diese Wurzeln auch ablehnen, muß sie aber studiert haben, um Bewertungen vornehmen zu können und die Ablehnung zu begründen.
Stefan Herwig:

Es geht mir darum, daß wir diese nationale Belastung, die für mich überhaupt nichts mehr zählt, endlich mal fallen lassen und uns nicht in der Tradition einer Nation sehen.
Bruno Kramm:

Ich muß dir in vielen Punkte recht geben, doch ein Punkt wird hier etwas unterschlagen ? und gerade aus diesem entwickeln sich oft rechtsextreme und faschistische Strömungen. Wenn man sich mit seiner kulturellen Vergangenheit auseinandersetzt, kann man daraus sehr viele positive Energien herausziehen, vor allen Dingen die positiven Merkmale der klassischen deutschen Kultur, die sehr eng mit dem Standort, an dem wir leben, zu tun haben, muß man sich auseinander setzen. Nur so kann man verhindern, daß es wieder zu einem plakativ aufgezogenen Rechtsextremismus kommt. Deswegen ist es sehr wichtig, sich mit der eigenen Kultur auseinanderzusetzen ? und gerade die deutsche Kultur hat vor dem 2. Weltkrieg sehr viel zu bieten ? sei es die klassische Musik, die Literatur oder die Malerei, die man nicht verleugnen darf. Das ist ein Teil von Deutschland, auf den man natürlich keinen Besitzanspruch erheben darf. Und dadurch, daß wir gegenseitig unsere kulturellen Wurzeln präsentieren, kann es nur so zu einem besseren Verständnis unter den Nationen kommen.
Steve Naghavi:

Es kommt ja auch ab und zu vor, daß jemand aus einem anderen Land, so wie ich, die deutsche Kultur repräsentiert. Unsere Musik wird ja auch im Ausland beurteilt, und da fällt oft genug der Satz, daß ?diese Musik nur die Deutschen machen können?. Dann schaue ich oft in meinen Reisepass und schmunzele...

Auf der anderen Seite gibt es Songs wie ?Deutschmaschine?, den wohl jeder Deutsche richtig verstanden hat. Dieser Song ist weder neutral, noch verherrlicht er Faschismus, sondern ist eindeutig gegen Nazis! In Schweden dagegen standen bei unseren Konzerten in der ersten Reihe Zuschauer, die mich mit ?Heil Hitler? begrüßten...

So funktioniert es auch in Amerika. Rammstein gelten dort nicht als intellektuelle Band, weil man die Texte übersetzt hat, sondern weil allein schon durch das rollende ?R? eine typische deutsche Ästhetik vermittelt wird. Doch auch für die Amerikaner hat das nichts mit Politik zu tun, ebenso wenig wie für die Deutschen. Die interessieren sich nämlich ebenso wenig für Politik, wenn sie Musik hören.

Bruno Kramm:

Doch es bleibt das Problem, daß jedes Stückchen Kultur, das aus Deutschland kommt, immer im Licht des Rechtsradikalismus gesehen wird. Das ist eine große Gefahr, denn es produziert genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden soll. Es wird wieder schnell das Gefühl der Vernachlässigung und Wertlosigkeit erzeugt, was wiederum zum Rechtsextremismus führen kann. Man muß sich schon mit dem auseinandersetzen, was wir hier kulturell haben. Das heißt nicht, daß man es als sein Eigentum vergöttern soll. Das ist übrigens ein generelles Problem der Deutschen. Alles wird als Eigentum gesehen. Doch erst durch die Auseinandersetzung mit der Kultur, durch das Verständnis und den Willen, diese Kultur zu transportieren, wird sie dein Eigentum.
Ecki Stieg:

Bezeichnenderweise werden in der Gothic-Szene nur die historischen Epochen heraus gepickt, die politisch einigermaßen korrekt erscheinen, wie z.B. das Mittelalter. Warum übt gerade diese Epoche eine solche Faszination auf die Szene aus, Epochen davor und danach aber weitaus weniger?
Bruno Kramm:

Sicherlich deshalb, weil das Mittelalter mit Faschismus nur sehr schwer in Verbindung gebracht werden kann und diese Epoche ein sehr heimeliges Gefühl vermittelt.

Und es ist eigentlich schade, daß es nur das Mittelalter ist, denn davor und danach gab es auch sehr interessante Epochen.

Was mich in Hinblick auf die ganze Diskussion aber noch einmal interessieren würde ist die Frage, ob z.B. auch Steve gewisse kulturelle Elemente aus seinem Heimatland Iran behalten hat, weil sie ihm ganz einfach lieb sind...!?

Steve Naghavi:

Natürlich habe ich die behalten und die trage ich auch offen zu Tage. Oftmals kommt so eine kleine orientalische Melodie durch, doch das wird mir auch manchmal übel genommen und ich werde gefragt, ob ich jetzt ?Kanackenmusik? mache.

Doch für mich ist eigentlich alles eins. Ich könnte nicht sagen, ich mache jetzt deutsche, englische oder iranische Musik. Was mir Angst macht ist, daß deutsche Musikredakteure immer noch stapelweise englische und amerikanische Musikfachzeitungen studieren, um zu wissen, was gut für Deutschland ist. Das macht mir wirklich Angst ? als Iraner!



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