Nico

Datum 03.12.1997 15:23 | Thema: Interviews

Nico



1984.

Lange Zeit, bevor es so etwas wie eine "Dark Wave" oder "Gothic"-Szene in der heutigen Begrifflichkeit und in den derzeitig existierenden , klischeebesetzen Dimensionen gab , feiert eine der größten Ausnahmebands der 60er Jahre ein bemerkenswertes Revival: The Velvet Underground.

Diese Formation um die Masterminds Lou Reed und John Cale war Mitte der 60er Jahre angetreten, um mit ihren dunklen, verzerrten Hymnen über Drogensucht ("Heroin", "Waiting For My Man") S/M-Fetischismus ("Venus In Furs"), atonalen, repetitiven Eskapaden ("European Son", "Sister Ray) oder morbiden, tiefromantischen Popsongs ("All Tomorrow`s Parties") einen düsteren, provokanten Gegenpol zur verlogenen "Love & Peace"-Ideologie der Hippies zu setzten.

Obwohl es über 15 Jahre dauerte, bis das klassische erste Album "The Velvet Underground & Nico" nach seiner Veröffentlichung 1967 Goldstatus erreichte, beeinflußte die Attitüde und die für die damaligen Zeit radikalen Klänge der Band ganze Generationen.

Mitte der 80er Jahre gab es kaum eine namhafte Gruppe, die nicht The Velvet Underground als Einfluß angab: Oft wurde Lou Reeds Methode kopiert, aus drei Akkorden einen perfekten Popsongs zu stricken (exemplarisch vorexerziert in dem Klassiker "Sweet Jane"), auf der anderen Seite versuchten Bands wie The Jesus & The Mary Chain - aber auch die frühen Cassandra Complex! - den hypnotischen, repetitiven Sound der Band zu kopieren und mit eigenen Mitteln weiterzuentwickeln.

Zudem waren The Velvet Underground - neben den Doors - eine der wenigen Bands der 60er Jahre , die von der Punk und Post-Punk-Generation in Ehren gehalten wurde, allein deshalb, weil sie stets Außenseiter und Vorreiter waren und "dunkle Themen" wie Tod, S/M oder Drogen enttabuisierten; Themen, die von späteren "Gothic"-Generationen vehement aufgegriffen und zum Klischee plattgewalzt wurden....!

Die deutschstämmige Chanteuse Christa Päffgen alias NICO war nie ein "offizielles Mitglied" der Velvet Underground gewesen.


Das ehemalige Model und Gelegenheitsschauspielerin (z.B. in Fellinis "La Dolce Vita") wurde von dem Velvet Underground-Produzenten und Mentor Andy Warhol massiv gefeatured und praktisch gegen den Willen der Band zum "Superstar" der frühen The Velvet Underground gemacht. Obwohl sie mit Lou Reed eine kurzfristige, aber intensive Liebschaft verband und er für sie drei der schönsten Songs des ersten Velvet Underground-Albums schrieb ("I'll Be Your Mirror", "Femme Fatale" und nicht zuletzt den morbiden Klassiker "All Tomorrow's Parties") fand sie in dem Waliser John Cale ihren wahren Förderer und einen verständigen Freund für ihre künstlerischen Ambitionen. Schon bei Velvet Underground war es John Cales Verdienst, die oft betont poppigen, in Dur gehaltenen Melodien Lou Reeds in die Moll-Tonart zu transponieren und sie mit den nötigen, unheilsschwangeren und dunklen Elementen anzureichern.

Kurz nach den Aufnahmen zum 67er Debut "The Velvet Underground & Nico" wurde NICO aus der Band geworfen. Ihr ebenfalls 1967 veröffentlichtes Solo-Debut "Chelsea Girls" enthielt noch "konventionell" instrumentierte Fremdkompositionen ihrer Freunde und Lover Lou Reed, John Cale, Jackson Browne oder Bob Dylan (Höhepunkt: das von Dylan für NICO komponierte "I`ll Keep It With Mine").

Danach kam eine radikale Stilwende: Das 69er Album "The Marble Index" (das von NICO selbst als ihr erstes "wirkliches" Solo-Album bezeichnet wurde) hatte mit den Rock und Popklischees der 60er Jahre nichts mehr gemein: NICOS Hauptinstrument war von nun an ein kleines, quietschendes Harmonium, das sie zudem sehr unkonventionell bediente (Die Akkorde im Sopran- und die Melodien im Bass -Bereich!). Über diese schon für diese Zeit sehr ungewöhnliche Instrumentation intonierte NICO sehr flächige, von der Struktur an mittelalterliche Litaneien gemahnende Gesänge . NICOs Stimme war tief, unnahbar und von einer unendlichen, entrückten Trauer, ihr typisch deutscher, teutonischer Gesangsstil überakzentuiert; jeder Silbe wurde stilistisch zerdehnt und zelebriert. Das Image von NICO wechselte über Nacht weg vom blonden Model hin zu einer schwarzgekleideten, düsteren Ikone, die Zeitkritiker als "Halb Göttin, halb Eiszapfen" beschrieben.

Ein Meilenstein war das 74er Album "The End", für das NICOs damalige Plattenfirma mit dem Slogan warb: "Warum Selbstmord machen, wenn sie diese Platte kaufen können?". Ebenso wie "The Marble Index" und "Desertshore" wurde auch "The End" von John Cale produziert. Gäste waren unter anderem Brian Eno.

"The End" ist das mit Anstand "schwärzeste", nihilistischste Album von NICO, das in einer tiefdunklen, radikalen Version des Doors-Klassikers "The End" und einer schauerlich-schönen Version der deutschen Nationalhymne (alle drei Strophen!) gipfelt.

Danach folgte eine längere kreative Pause, die 1981 mit dem Album "Drama Of Exile" beendet wurde. Dieses Album, das NICO im Nachhinein als "miserables Bootleg" bezeichnete, enthält ohne Zweifel einige der besten Kompositionen NICOs ("Sixty Forty" oder "Orly Flight"), wurde leider mit einer unsensiblen, hölzernen Rockband eingespielt und die "Drama Of Exile" enthaltenen Aufnahmen wurden sind von NICO nie autorisiert oder offiziell freigegeben worden.

1984.

Der Velvet Underground-Mythos lebt und boomt. Doch die ehemaligen Mitglieder bleiben davon eher unbeeindruckt: Lou Reed ist Mitte der 80er der richtungsloseste der drei Hauptfiguren: Er belebt den Mythos auf konventionelle Art und Weise, schart alternde Rockmusiker um sich und spult sein geschichtliches Repertoire ohne Verve, Elan und vor allen Dingen ohne das gewohnt böse, zynische Augenzwickern ab (ich werde nie vergessen, daß mein damaliger Freund und Kollege Jörg-Michael Schmitt beim 85 Lou Reed-Konzert in der Düsseldorfer Philipshalle in der ersten Reihe(!) vor Langeweile eingeschlafen ist....!).

John Cale dagegen hatte mehr zu bieten: Seine Verkäufe und die Größe seiner Konzerthallen war nicht mit denen von Reed zu vergleichen, doch der damals noch schwer alkohol - und kokainsüchtige Cale hatte mit dem 92er Meisterwerk "Music For A New Society" ein tiefnihilistisches Werk zu bieten, das in seiner desolaten Schwärze schon den Geist der frühen Velvets auf neue, bedrohliche Art und Weise belebte.

NICO hingegen war der definitive Außenseiter. Obwohl auf ihren Konzertplakaten immer noch mit dem Slogan "Velvet Underground-Chanteuse" geworben wurde und sie den Geist der damaligen Epoche ohne Zweifel noch am konsequentesten auslebte (Lou Reed simulierte bei seinen Auftritten in makaberer Weise den Heroinschuß - sie tat es wirklich - allerdings backstage....!) , konnte sie von dem Ruhm und dem Nimbus am allerwenigsten profitieren.

Ihre künstlerische Konsequenz, ihr Desinteresse am Rock`n Roll und seinen Mechanismen haben dazu ebenso beigetragen, wie ihre schwere Heroinanhängigkeit, die sie immer wieder zwang, extrem miese Engagements anzunehmen, um ihre Sucht zu finanzieren. NICOS Tourneen in den 80ern waren eine schlecht organisierte, chaotische Tour De Force , die sie durch die miesesten Clubs Europas führte; Promotion im eigentlichen Sinne fand wegen der schlechten Organisation und den fehlenden Mittel kaum statt, so daß jeder NICO-Auftritt mehr oder weniger zu einem "Secret Gig" für Eingeweihte geriet.

Meine erste Begegnung mit NICO hatte ich am 4. Dezember 1984 (also vor fast genau 13 Jahren!) in der Diskothek "X-Ten" im westfälischen Detmold. Ich habe keine Ahnung, ob es diese Diskothek noch gibt und will es wahrscheinlich auch gar nicht wissen. Ich kann nur soviel sagen, daß es eine der typischen, heruntergekommenen 70er-Jahre-Discos war, die den Sprung in die 80er nicht nachvollziehen wollten oder konnten. Dementsprechend auch das zusammengewürfelte Publikum, das sich hauptsächlich aus bekifften Parka-Trägern, Späthippies und Junkies rekrutierte....! Schon vor dem Konzert stellte ich mir die Frage, ob dies das Publikum ist, das NICO und ihre Kunst verdient....!

NICO live zu erleben war für mich eines der beeindruckendsten Erlebnisse meines Lebens. Selten habe ich ein(e) Künstler(in) erlebt, die so sehr in ihrer eigene Welt, in ihrem eigenen künstlerischen Universum gelebt hat, wie diese Frau. Es schien ihr egal zu sein, vor welchem Publikum sie auftrat, mehr als das: es schien ihr egal zu sein, ob überhaupt ein Publikum vorhanden war! Sie spielte nicht für Geld (allerhöchstens um Geld, das danach sofort in Heroin umgesetzt wurde),sie spielte und sang nicht, um Ruhm zu ernten oder unbekannte Menschen zu befriedigen oder noch schlimmer: sie zu unterhalten..... NICO spielte für sich selbst, spulte ihren damals noch unvollendeten Film ihres Lebens, ihre Illusionen und Visionen jede Nacht aufs neue ab- vor einem Publikum, das noch nicht einmal im Ansatz begriff, um was es ihr ging.....

NICOs Welt war ihre Vergangenheit (also damals noch lebende ehemalige Mentoren wie Andy Warhol, Iggy Pop oder Lou Reed, die aber schon lange nichts mehr mit ihr zu tun haben wollten, oder ehemalige Lover, ebenso zerbrochene Kreaturen wie sie, die schon längst das Zeitliche gesegnet hatten wie Jimi Hendrix, Brian Jones.... und immer wieder Jim Morrison!) NICOs Welt war ihre Kunst, ihre Songs....!

NICOs Begleitbands waren, nicht zuletzt auch Kostengründen, meist mit schlechtbezahlten, unmotivierten, drogenabhängigen Musikern besetzt, die keinerlei Interesse an NICOs Intentionen und Eigenarten besaßen. Es waren in der Mehrzahl wenig inspirierte Tourmusiker, die die schlechten Engagements allein deshalb annahmen, um ihre Heroin - oder Kokainsucht zu befriedigen.

NICO war dieser Mißstand wohl bewußt und sie beklagte sich des öfteren bei ihrem "Tourmanager", doch im Prinzip war es völlig egal, mit wem NICO auftrat, denn die Magie ihrer Songs und ihres Gesangs überdeckte trotz ihrer manchmal extrem angegriffenen Gesundheit sämtliche Schwächen der vor sich hin daddelnden Bands. In James Young, dem Keyboarder und Bandleader ihrer letzten Formation The Faction fand sie allerdings einen Musiker, der ihre Ideen und Intentionen besser illustrieren konnte als viele seiner Vorgänger (seine letzten Jahre mit NICO wurden in dem schonungslosen, sehr empfehlenswerten Buch "Reise In Die Finsternis - NICO Die letzten Jahren einer Rocklegende VGS ISBN 3 8025 2233 8 festgehalten).

NICOs Aufrtritt am 4. Dezember 1984 im X-Ten zu Detmold habe ich noch sehr genau in Erinnerung: Für mich war es einerseits fast so etwas wie ein Museumsbesuch, eine der vermeintlich letzten Möglichkeiten, die Legende leibhaftig und zum greifen nahe zu erleben; zum anderen war es einer der bemerkenswertesten Auftritte, die ich je erlebt habe; allein deshalb, weil absolut keine Kommunikation mit dem Gegenüber, dem Publikum stattfand. Diese isolierte Attitüde war keine coole, berechnete Ignoranz, sondern echtes Desinteresse!

So gesehen war jeder NICO-Auftritt en künstlerisch autarkes Erlebnis, er hätte im Madison Square Garden oder auf dem Nordpol stattfinden können - es gab keine Irritationen, der künstlerische Output wäre der gleiche gewesen!

Dennoch bot der Auftritt im X-Ten einige Besonderheiten, die ich bei späteren NICO-Auftritten nicht mehr erleben konnte: NICO sang damals einige Songs, von denen einige später auf ihrem 85erAlbum "Camera Obscura" wiederzufinden waren. Daß heißt, im Gegensatz zu ihrem Standart - Repertoire lebte sie die Songs nicht, sondern sie probierte sie aus. Ihre in diesen Momenten fast rehscheue Verlegenheit und kokettierenden Ansagen ("Dies ist ein ganz neuer Song!") ließen das Bild der stoischen Chanteuse für Momente aus den Fugen geraten. Ihre zu dem verhaltenen Pianospiel fast zaghaft intonierten Versionen von "My Funny Valentine", "My Heart Is Empty" oder Sinatras "New York New York" wurden nie wieder derart beeindruckend dargeboten.

Das anwesende Publikum freilich (wie üblich bei NICOs Konzerten Mitte der 80er waren nicht mehr als 100 zahlende Gäste anwesend...!) honorierte weder die Songs noch den künstlerischen Ausnahmestatus NICOs - es war froh, einen Mythos zu erleben (wenn auch unter falschen Voraussetzungen, denn viele erwarteten damals wirklich ein ROCK-Konzert a la Lou Reed) oder waren ganz einfach nur dankbar, die Legende, das Denkmal noch einmal gesehen zu haben......

Das damalige Interview fand unter schäbigen Bedingungen in dem heruntergekommenen Backstage-Raum des X-Ten statt.

Nach dem Konzert mußte ich sehr lang auf meinen Interview-Termin warten. Ob das in NICOs nach wir vor divenhaften Auftreten oder in ihrer Heroinsucht begründet lag, sei einmal dahingestellt. Bevor ich den Raum betreten durfte, verging mehr als eine Stunde. Als ich ihn dann endlich betrat, fielen mir vor allen Dingen ihre trotz der Sucht noch sehr leuchtenden, ausdrucksstarken grün-grauen Augen und ihr ungemein großes Gesicht auf. Nur noch einmal, nämlich im Falle des mittlerweile ebenfalls verstorbenen französischen Sängers Serge Gainsbourg, habe ich es erlebt, daß eine Person allein durch ihre Anwesenheit, ihr Charisma einen Raum komplett ausfüllt.

Wieder einmal fiel es mir schwer, dieser Legende unbefangen gegenüberzutreten - und NICO fühlte sich auch in keiner Weise bemüßigt, der Situation die Spannung nehmen und musterte mich eingehend mehrere Minuten ohne einen Ton von sich zu geben, um mir dann mit einem basslastigen, gutturalen ""Setzt Dich doch hierhin" einen Platz zuzuweisen.

Man sah, daß NICO früher eine sehr schöne Frau gewesen sein mußte - und auch damals noch strahlten ihre Augen und ihre aufgeworfenen Lippen eine tiefe Schönheit und Sinnlichkeit aus, die nichts mit oberflächlicher kokettierender Anmut zu tun hatten. Das Bild wurde durch die dunkle, voluminöse Stimme abgerundet. NICO sprach sehr langsam fast zerdehnt, extrem akzentuiert, dachte sehr lange über die ihr gestellten Fragen nach.



Nachdem ich neben NICO Platz genommen hatte, offerierte ich ihr, daß das eben erlebte Konzert eine der intensivsten und beeindruckendsten Erfahrungen der letzten Jahre waren. Zudem schien es mir, als wenn sie die mittlerweile einzige ist, die das geistige Erbe der Velvet Underground, diese Aura und das Image voll auslebt.....

Nach langem Zögern antwortete

Nico: "Das tue ich absichtlich! Ich mag Leute, die, wenn sie Erfolg haben, plötzlich ihr wahres Gesicht zeigen. Wenn das sowieso immer im Hintergrund war, finde ich es ziemlich mies, wenn die sich plötzlich dann so verändern. Lou (Reed) und Andy Warhol sind keine richtigen Revolutionäre, die haben immer nur so getan....! Vielleicht haben sie auch nur so getan- doch die verlieren alles nach einer Zeit, und das finde ich so schade!"

Schon damals agierte NICO außerhalb jeglichen (Pop)Kontextes. Für sie waren Stil und Authentizität immer elementar für Kunst und Schaffen gewesen. Schon die 80er Jahre waren geprägt von überwiegend auf Kalkül und den schnellen, unmittelbar zu vermittelnden Effekt zielende Kunst, NICO dagegen hatte sich über die Jahre ihren eigenen Kosmos geschaffen und sich gleichzeitig eine geradezu kindliche Naivität bewahrt. Berechnung, Ironie oder gar Zynismus lagen ihr fern. So konnte sie auch mit meiner Bewunderung für ihren in meinen Augen sehr ehrlichen, authentischen Vortrag nicht viel anfangen.....

Nico: "Das ist genau so wichtig, wie wenn ich singe. Ich meine, wieso sollte ich unehrlich sein, es wäre dann ja eine Parodie wie Nina Hagen. Die ist sehr satirisch!"

Es hatte mich schon damals gewundert, daß das Phänomen "Nina Hagen" überhaupt in der Kokon von NICOs Welt vorgedrungen war....Doch wir blieben beim Thema "Parodie": Ich erinnerte mich an John Cale`s Live-Demontage des Velvet-Klassikers "Waiting For My Man", ein Song, der auch in NICOs Repertoire - allerdings in einer sehr authentischen Version - zu hören war.


Nico: "John meint das genauso wie ich. Ich habe diesen Song lange nicht mehr gesungen. Fast zwei Jahre habe ich ihn gesungen, jetzt nicht mehr. Man kann nicht dauernd die Leute darauf aufmerksam machen, womit man sich beschäftigt."

"Waiting For My Man" erzählt die Geschichte eines Heroinabhängigen, der auf seinen Dealer ("my man") wartet. Ein Song aus Lou Reeds Feder, doch niemand hat ihn authentischer vermitteln können als NICO.

Ihre Heroinabhängigkeit konnte NICO selbst während des Interviews kaum kaschieren: Ihrer blutenden, zernarbten Arme und Hände wurden nach dem Auftritt nur provisorisch mit alten Tüchern und Stoffbänden verhüllt - und ich habe seitdem niemanden mehr erlebt, der dünnere Joints in noch kürzerer Zeit inhalieren konnte....

Obwohl sie sich in ihren Songs hinter diversen Alter-Egos versteckte, hatte sie gerade die Fremdkompositionen mit autobiographischen Bedacht gewählt....!

"The End" oder "Das Lied vom einsamen Mädchen" sagen mehr über NICOS Biographie aus, als ihre eigenen Songs.....


Nico: "Über mich selbst sagen meine Songs nicht viel aus. Das sind immer nur Persönlichkeiten, die ich mir ausdenke und mit denen ich in Verbindung stehe. Ich stamme z.B. von den Mongolen ab, deshalb habe ich ein Liebeslied für Gengis Khan geschrieben....!"

Daß NICO zeitgemäße Popmusik haßte wie die Pest hatte sie schon vor diesem Interview immer wieder betont.

Oftmals war sie durch ihr schlechtes Management gezwungen, absurde Auftritte im Vorprogramm von damals angesagten Band wie Kid Creole & The Coconuts zu absolvieren, die damit endeten, daß die betrunkene Band NICOS Harmonium die Treppe hinab stieß und es beinahe ruinierte....

Würde NICO heute noch leben, hätte sie sich einen Platz unter den Ikonen des Gothic-Himmels sichern können. Mitte der 80er Jahre allerdings gab es zu ihrer Musik kein Pendant. Sie war nicht nur unmodisch - es gab in der Popmusik nichts vergleichbares.....


Nico: "Meine Musik ist eigentlich sehr archaisch, prähistorisch! Das hat mir auch ein alter Professor zugegeben!"

NICOS letzte Band The Faction wußte im Gegensatz zu den meisten, meist miserablen, rockigen Bands vor ihr, mit diesem archaischen Liedgut besser umzugehen, vor allem der Keyboarder James Young, ein nervös fingernder Beau mit bowiesquer Ausstrahlung, schaffte es mit Hilfe von John Cale, NICOs Litaneien in die 80er Jahre zu retten, ohne ihr Wesen zu zerstören.

NICO selbst hatte über diese Dinge scheinbar schon die Kontrolle verloren. Nur wenn sie mit ihrem Harmonium allein war, fühlte sie sich wohl und sicher in ihrem Kosmos, "Kompromisse" wie mit einer Band auftreten zu müssen, sich überhaupt mit anderen Menschen auseinandersetzen zu müssen, war ihr zuwider.

Ich fragte NICO, ob sie sich für eine romantische Frau hält....

Nico: "Ja, sehr. Vielleicht eine der letzten romantischen Dichterinnen, die noch mit Dichtung fasziniert."

Trotzdem besitzt ihre Musik, besitzen ihre Texte etwas entrückt depressives...


Nico: "Nein. Das ist nur die Reflektion von dem, was vor sich geht in den dunklen Ecken....Es ist aber wohl für Leute, die manisch-depressiv sind - und davon gibt's doch genug....!"



Klare Aussagen waren aus NICO nur schwer herauszuholen. Doch das war kein Trick. NICO hat in den Interviews, die ich mit ihr führte, nie taktiert. Der Mythos , der sie schon damals umgab, vernebelte ihre wahren Intentionen und stilisierte diese ins Morbide und Absurde. Doch Humor (ich habe sie nie lachen sehen!) und so etwas wie Ironie waren NICO fremd. Sie war trotz der Beschäftigung mit Mythen und archaischen Wurzeln einer extrem naive Person.

Einen Karriereknick verursachte ihre Version der deutschen Nationalhymne. Von dem in die Moll-Tonart transponierten "Lied Der Deutschen" (das Finale ihrer 74er LP "The End") sang NICO alle drei Strophen und widmete es bei ihren Konzerten in den 70er Jahren Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Ein Hagel von Protest und Wurfgeschossen der sich vornehmlich "links" definierenden Fan-Klientel war die Antwort und NICOs gesellschaftlicher Tod...! Die drastischen Reaktionen auf ihre Version des Deutschlandliedes konnte NICO auch 1984 nicht verstehen.....

Nico: "Es war rein nostalgisch. Als ich ein kleines Mädchen war, stand ich auf dem Riesenplatz in Berlin und einer von den Hitlerleuten, Goebbels oder Göring hat da eine Ansprache gehalten und der ganze Platz sang 'Deutschland Deutschland über alles' - und das fand ich so überwältigend!
Das ist der einzige Grund! Die Worte habe ich nur gesungen, weil sie sowieso schon da waren....!"

Meinen Einwand, daß es schon ein Risiko ist, derartiges Sangesgut aus seinem zeitlichen Kontext herauszuschälen, wollte NICO nicht verstehen, oder - was ich heute fast noch mehr vermute - konnte ihn wegen ihrer grenzenlosen Naivität nicht begreifen ("Warum sollte ich jemanden provozieren, was habe ich davon?" war alles, was sie dazu noch sagen wollte....)

Trotzdem tat sie zu der damaligen Zeit etwas, was sie vordem nie gewagt hatte: NICO versuchte sich einer breiteren Hörerschaft zu öffnen. Wie ernst dieser Versuch tatsächlich gemeint war, läßt sich wiederum nur spekulieren. Tatsache ist, daß NICO 1984 finanziell am Boden lag. Ihre Konzerte begeisterten nur noch eine kleine Schar eingeschworener Fans und Junkies , sie tourte mit einer Band, die (mit Ausnahme des Keyboarders James Young) ebenso dem Heroin verfallen war, wie sie selbst.

Zudem war NICO unsagbar faul. Obwohl ihre Alben fast ausnahmslos Maßstäbe setzende Meisterwerke sind, brauchte sie mehrere Jahre, um Songs für ein Album zu schreiben. Für ihr letztes Werk "Camera Obscura", das sie nur wenige Monate nach unserem ersten Interview einspielte, brachte sie ganze 4 fertige Songs mit ins Studio - der Rest wurde improvisiert oder mit autobiographisch anmutenden Cover-Versionen aufgefüllt: Zwei der auf dem "Camera Obscura" Album befindliche Coversongs, nämlich "My Funny Valentine" und "My Heart Is Empty" waren auch bei dem Detmolder Konzert zu hören - eine andere bei dem Konzert dargebrachte Coverversion wurde leider nie aufgenommen. Es handelt sich um Sinatras "New York New York" - diese plakative Lobeshymne auf die amerikanische Metropole trug NICO so unironisch und emphatisch vor, wie man es von ihr erwarten konnte - und natürlich hat dieser Song auch einen biographischen Bezug, den in New York, genauer gesagt in Andy Warhols "Factory" begann die große Karriere der Kölnerin Christa Päffgen alias NICO.

NICO hatte damals noch große Pläne.....

Nico: "Für 'New York New York' habe ich schon ein Video gemacht. Es hört sich sehr gut an. Das mache ich, um auch anderen Leuten zu gefallen, nicht nur einer gewissen Sorte von Leuten. Ich will mehreren Arten gefallen und dafür muß ich schon en Lied auswählen, weil denen meine eigenen Lieder nicht sofort ins Ohr gehen....Das tue ich meiner Stimme wegen. Ich finde auch, daß ich anderer Leute Lieder besser singe, als meine eigenen; das hat man mir schon gesagt und das ist vielleicht wahr....!"

Das besagte "Video" ist natürlich nie gedreht worden - und der Song hat es - auf Anraten des Produzenten von John Cale - auch nicht auf die "Camera Obscura"-LP geschafft. So blieb NICOs Interpretation am 4. Dezember 1984 im Detmolder X-Ten eine der wenigen dokumentierten, ungefähr 100 Zuschauer durften in hören.

Am selben Abend spielten Depeche Mode in Hannover vor der zehnfachen Menge. Dieser Gedanke dreht mir heute noch den Magen um....!

Nach diesem Interview traf ich NICO noch einige Male bei ihren nun immer häufiger werdenden Tourneen in kleineren Clubs, wie z.B. dem Soxs in Hannover, wo sie sehr gerne aufgetreten ist.

In den nachfolgenden Gesprächen wurde es immer schwerer, zu ihr durchzudringen, sie schottete sich immer mehr von der "realen Welt" ab, was sie allerdings auch davor bewahrte, pöbelnden , betrunkenen Lou Reed-Fans im Soxs an der Bar Rede und Antwort stehen zu müssen. Sie hörte sie einfach nicht....!

NICO starb am 18. Juli 1988 auf Ibiza an den Folgen einer Gehirnblutung.




Dieser Artikel stammt von Grenzwellen
http://www.grenzwellen.de/gw_redaktion

Die URL fr diesen Artikel ist:
http://www.grenzwellen.de/gw_redaktion/article.php?storyid=92